28.02.13

Regensburg

Das kleine Rom glaubt an Intrigen gegen den Papst

In Regensburg hat der Rücktritt des Papstes die Gemüter aufgewühlt, Benedikts Abschied löst Trauer und Fassungslosigkeit aus. Erste Verschwörungstheorien kursieren. Ein Ortsbesuch.

Von Christian Eckl
Foto: picture alliance/ dpa

Papst Benedikt XVI. bei seinem Regensburg-Besuch 2006 in der Päpstlichen Basilika unserer lieben Frau zur Alten Kapelle
Papst Benedikt XVI. bei seinem Regensburg-Besuch 2006 in der Päpstlichen Basilika unserer lieben Frau zur Alten Kapelle

Weißer Rauch qualmt über den Dächern. Regensburg ist noch in den Wintermantel gehüllt, wie der Saum des Papst-Talars liegt er über den vielen Kirchendächern.

In der kleinen Gnadenkapelle neben der mächtigen Basilika, deren Orgel Papst Benedikt selbst geweiht hat, beten Gläubige innbrünstig das "Vaterunser", bitten ihren Herrn: "Möge der Papst seinen Lebensabend in Ruhe und Gesundheit verbringen." Die Katholiken in der Stadt, die viele das "kleine Rom" nennen, seit Joseph Ratzinger Papst wurde, nehmen heute besonders Anteil an den Ereignissen der Weltkirche.

Hinterm Dom, wenige Schritte von der jüdischen Synagoge entfernt, da ist Regensburg sehr katholisch. In großen Häusern wohnen die alten Stiftsherren von Sankt Johann, alleine natürlich, nur die Haushälterinnen kommen tagsüber vorbei, und einer von ihnen ist der Bruder des Papstes.

Einst kam Benedikt hierher, um sich unter brüderlichem Schutz der Markise im Haus Georg Ratzingers einen Kaffee zu gönnen, das war im heißen September 2006. Die "Bild" hat ein Leserreporter-Foto davon gedruckt: Papst in Weiß, Bischöfe und Prälaten in schwarzer Soutane mit lila Saum.

"Alle haben gewonnen, die ihm nichts Gutes wollten!"

Heute geht Agnes Heindl am Stock an den mächtigen Hausfassaden vorbei, wie jeden Morgen um halb acht. Seit vielen Jahren macht Frau Heindl dem Papstbruder Georg Ratzinger morgens den Kaffee, dann nimmt sie eine große Lupe, klappt die Zeitung auf und liest dem fast blinden 89-Jährigen vor, was die Zeitungen über den Rücktritt seines Bruders schreiben.

Hier waren sie alle Papst, die alten Stiftsherren, fast acht Jahre lang. Auch Heinrich Wachter, der Stiftsdekan, der nur wenige Meter von Agnes Heindl und Georg Ratzinger in seinem Herrgottswinkel sitzt, das Kreuz an der Wand, viele kleine Putten daneben.

Auch der ehemalige Militärpfarrer ist weit in den 80ern, und bei Benedikt war er schon häufig in den päpstlichen Gemächern zum Essen eingeladen. "Man könnte weinen", sagt der Prälat an diesem kalten Morgen. "Jetzt haben alle die gewonnen, die ihm schon immer nichts Gutes wollten!"

Wut auf "Intrigen" – und den Pontifex selbst

Für den Prälaten ist klar: Die Intrigen waren es, die den Papst zum Rückzug bewogen. Aber er ist auch sauer auf den Pontifex, der sich am Donnerstag zunächst nach Castel Gandolfo begeben und dann bis zu seinem Lebensende hinter Klostermauern verschwinden wird.

"Ich war enttäuscht von seinem Rücktritt. Ich hätte es für besser gehalten, wenn er wenigstens noch eine Zeit lang weiter gemacht hätte", meint Wachter. "Es ist ja gar nicht gesagt, dass es ihm so ergangen wäre wie seinem Vorgänger. Und wenn es körperlich wirklich schlimmer geworden wäre, dann hätte er immer noch zurücktreten können."

Der konservative Prälat glaubt an eine Verschwörung: "Das ist bestimmt der Auslöser", ist sich Wachter sicher. Dabei sei der Rücktritt schädlich für die Kirche: "Jetzt wagen sich alle seine Gegner mit allen möglichen Schnapsideen in die Öffentlichkeit!"

Wachter schwant nichts Gutes, wenn Benedikt nicht mehr Papst ist.

Hochachtung, Trauer, Verständnis – alles ist dabei

Ganz anders sieht das Wolfgang Beinert, der wenige Kilometer entfernt vom Regensburger Pfaffenwinkel lebt. Dort, in Pentling, wo der einfache Theologie-Professor Joseph Ratzinger zwischen 1970 und 1977 in einem äußerst bescheidenen Professoren-Häuschen Hausarbeiten korrigierte und Bücher schrieb.

Beinert ist selbst Priester, er betreut die Kirche, in der Ratzinger damals häufig die Messe gelesen hat. "Ich war fassungslos und überrascht über den Zeitpunkt, aber der Rücktritt kam nicht unerwartet", sagt der Professor. Es habe sich abgezeichnet, dass sich etwas ändern werde im Vatikan. "Dass er zurückgetreten ist, ist eine große Tat", sagt er ehrfurchtsvoll.

"Er ist jemand, der sein Amt ernst nimmt. Wenn ich ein Amt ernst nehme, muss ich es zurückgeben, wenn ich es nicht mehr ausüben kann." Das sei so "wie mit dem Führerschein, der mich dazu berechtigt, bis zum Lebensende Auto zu fahren. Aber wenn ich halb blind bin, geht das eben nicht mehr."

In Pentling hatte Beinert am Sonntag mit Gläubigen und Papstfans einen Abschiedsgottesdienst für den Pontifex zelebriert. "Die Stimmen, die ich gehört habe, sind gemischt: Viele haben Hochachtung, andere sind auch ein bisschen traurig, alle haben aber Verständnis für diesen Schritt."

Ein Wiedersehen mit dem großen Theologen wird es für ihn als Mitglied im Schülerkreis Papst Benedikts wohl nicht mehr geben: "Ab Freitag wird der Papst in Zurückgezogenheit leben. Für mich stellt sich die Frage: Wird der Schülerkreis unter Mitwirken des Papstes noch möglich sein? Ich glaube eher nicht."

Mit der "Regensburger Rede" erzürnte Benedikt Muslime

Doch bei aller Liebe zum Papst: Der Priester Beinert ist einer, der sich einen Aufbruch wünscht in seiner Kirche. "Es gilt, da jetzt eine Linie aufzubrechen, die im Grunde weit hinter Benedikt reicht, bis ins 19. Jahrhundert, und die von Antimodernisten geprägt ist", sagt der Theologie-Professor.

Er würde sich wünschen, dass die Kardinäle einen Mann wählen, der sich an die revolutionären Akte der Apostel erinnert: "Das war doch ein gewaltiger Bruch, als sie die jüdischen Speisegesetze und die Beschneidung abgeschafft hatten. Da hat man doch auch die Tradition überwunden", meint Beinert. Das sollte sich ein Papst auch mal trauen. Der Professor war Ordinarius an der noch jungen Universität von Regensburg, 1978 kam er, ein Jahr, nachdem Ratzinger ging.

30 Jahre später, bei seinem Besuch in der bayerischen Heimat, hielt Ratzinger hier die "Regensburger Rede". Ein Schatten auf sein Pontifikat senkte sich: In der Rede hatte er, der Gelehrte auf dem Stuhle Petri, mit einem Zitat eines oströmischen Kaisers den Propheten Mohammed kritisiert.

Tumulte in der islamischen Welt waren die Folge – hier, in Regensburg, wo Ratzinger seine Theologie maßgeblich entwickelte, spürte er als Papst die Gewalt der eigenen Worte, die der Petrus-Nachfolger spricht.

Benedikt, der Papst "aus unserer Nachbarschaft"

Doch das ist das geistige Erbe – dieser Papst hinterlässt auch ein Erbe für das bayerische Herz. Papstfans gibt es in Regensburg natürlich viele, kaum einer aber ist Benedikt auf so volkstümliche Weise verbunden wie der Musikproduzent Helmut Brossmann. Georg Ratzinger ist sein Firmpate.

Ein Geistlicher ist Brossmann nicht, aber in der Serie "Dahoam is Dahoam" im Bayerischen Fernsehen spielt Brossmann einen Bischof. "Dieses Pontifikat war für unsere Region ja etwas ganz besonders", sagt Brossmann. "Jeder, der sich mit der katholischen Kirche identifiziert hat, der hat sich natürlich besonders mit ihm verbunden gefühlt."

Diese Verbindung ist "in die Herzen der Menschen hier in Benedikts Heimat eingeschrieben. Bei vielen wird er ein Vakuum hinterlassen, wenn er sich zurückzieht", meint Brossmann.

Der Fernseh-Bischof findet: "Das ist ja ein Papst aus unserer Nachbarschaft gewesen."

Das Erbe des Papstes wird in Regensburg verwaltet

Ein echter Bischof hingegen ist Rudolf Voderholzer, aber erst seit wenigen Tagen, und er hat Papst Benedikt viel zu verdanken: Der Pontifex berief Voderholzers Vorgänger Gerhard Ludwig Müller nach Rom als obersten Glaubenshüter. Bis dahin war Voderholzer Leiter des Instituts Papst Benedikt.

Der frisch geweihte Bischof eilt derzeit von Termin zu Termin, von Würdigung zu Würdigung für den zurückgetretenen Pontifex: Am Aschermittwoch hatte er für Benedikt im Dom gebetet, auch an diesem Donnerstag findet im Dom eine Messe für den Heiligen Vater statt. Im Papsthaus in Pentling wird Voderholzer zuvor stehen und "über menschliche Aspekte des Lebens Joseph Ratzingers" sprechen. Ratzinger ist Voderholzers Leben, das spürt man.

Im Gespräch macht der Bischof keinen Hehl daraus, dass er das Erbe dieses Papstes in Regensburg zu verwalten gedenkt. Er sitzt in den Räumen des Benedikt-Instituts, das im Priesterseminar der Domstadt untergebracht ist. Dort hatte der Papst übernachtet, als er seine Heimat Regensburg besuchte.

Bis vor Kurzem waren die Türen des Seminars noch verschlossen, angeblich wegen der vielen Wertgegenstände. Der katholische Nachwuchs wird hinter sehr hohen Mauern ausgebildet. Als Voderholzer jetzt über Benedikts Rücktritt redet, stehen die Türen sperrangelweit offen: Ein Kommen und Gehen von Ratzinger-Schülern und Mitgliedern des Institutes, auch aus der Kurie in Rom. Viele suchen derzeit den Weg nach Regensburg.

"Kein Großkonzern, wo man mit Abmahnung reagieren muss"

Man merkt, da hat einer seine Lebensaufgabe darin gefunden, den Jahrhundert-Theologen zu würdigen. "Er wirkte durch das Wort", sagt Voderholzer ehrfürchtig über den scheidenden Papst. "Es entwürdigt doch eigentlich eine Mitarbeiterschaft, wenn man durch Befehle und Dekrete und die Ausübung von institutioneller Macht wirkt."

Vielleicht sei genau das "das eigentlich Innovative an Papst Benedikt: Dass er darauf vertraute, wer, wenn nicht die Kirche muss die Gemeinschaft sein, wo man geistig führen kann?"

Voderholzer bewegt, dass Intrigen und Machtkämpfe in der Kurie dem Papst so zu schaffen gemacht hatten. Die Kirche sei "doch kein Großkonzern, wo man mit Abmahnung regieren muss", findet er.

Was für eine "große Sicht von Kirche muss der Papst haben, wenn er sagt: Es muss doch möglich sein, diese Kirche durch das Wort zu leiten, indem die Bischöfe und Priester das, was ich entscheide, verstehen."

Mehr als nur der "Bayern-Papst"

Einige Kilometer von Voderholzers Bischofssitz entfernt, im beschaulichen Schierling, sitzt der bayerische Beamte Fritz Wallner an seinem Schreibtisch und denkt über die Kraft der Papst-Worte nach.

Wallner war einst Vorsitzender des Laien-Gremiums im Bistum Regensburg, bis ihn Voderholzers Vorgänger Gerhard Ludwig Müller schasste. " Ich weiß nicht, ob das gut ist, dass man jetzt so emotional nur die Person Papst Benedikt betrachtet", sagt der Katholik. "So, als wäre die letzten sieben, ja die letzten 30 Jahre nichts passiert, was nicht auch kritisch war."

Benedikt werde ihm zu sehr auf "den Bayern-Papst" reduziert. Tiefen Respekt hat Wallner vor dem Rücktritt des Papstes.

Gleichzeitig bangt es ihm um die Kirche: "Die Kirchenbänke sind leer", sagt er nachdenklich.

Der große Schatten: Umgang mit den Piusbrüdern

Zu Schierling gehört auch der kleine Ort Zaitzkofen, wo die erzkonservative Piusbruderschaft ein Priesterseminar betreibt. Hier hatte der Piusbruder-Bischof Richard Williamson im November 2008 den Holocaust geleugnet, kurz bevor Benedikt auch seine Exkommunikation zurücknahm. Der Vatikan verhandelt bis heute mit der Bruderschaft, die Williamson kürzlich ausschloss.

"Ich habe Mitleid mit Benedikt empfunden, als klar war: Man hat ihn hereingelegt, man hat ihm nichts gesagt davon", meint Wallner. Der große Schatten auf dem deutschen Pontifikat. Wallner fragt sich: "Wie wird ihn die Geschichte wohl werten?"

Im Pfaffenwinkel der Luzengasse sieht sich Georg Ratzinger mit Agnes Heindl die letzte Generalaudienz des Heiligen Vaters – seines einfachen Bruders Joseph Ratzinger – im Fernsehen an. Schon bald will er zu seinem Bruder nach Castel Gandolfo fliegen.

Und wenn bald weißer Rauch aufsteigt aus dem Kamin der Sixtina in Rom, wird der weiße Mantel auf Regensburgs Dächern wohl geschmolzen sein. Lange aber wird man noch spüren: Die hier, die waren Papst.

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