27.02.13

Italienkenner Blüher

"Man hat in Deutschland den Beißreflex entwickelt"

Italien ist ein gespaltenes Land. Doch was hat die Italiener dazu bewogen, so zu wählen? Joachim Blüher, der Leiter der Deutschen Akademie in Rom, gibt einen Einblick in ihr Wesen.

Foto: privat

Der frühere Kölner Galerist Dr. Joachim Blüher ist ein echter Italienkenner
Der frühere Kölner Galerist Dr. Joachim Blüher ist ein echter Italienkenner

Er ist so etwas wie die gute deutsche Seele von Rom: Dr. Joachim Blüher leitet seit 2002 die Villa Massimo, den Sitz der Deutschen Akademie in der italienischen Hauptstadt. Deutsche Künstler dürfen in der Villa ein Jahr lang auf Kosten der Bundesregierung leben.

Berliner Morgenpost: Verstehen wir Deutschen die Italiener nicht?

Dr. Joachim Blüher: Die Deutschen kennen die Italiener überhaupt nicht. Aber das ist nichts Besonderes, woher denn auch? In den letzten Jahren mit Berlusconi hat man in Deutschland geradezu einen Beißreflex entwickelt. Genau hingeschaut hat keiner mehr. Es sind zwei ganz unterschiedliche Kulturen, und Berlusconi ist nur ein Auswuchs in einer an sich ganz anderen Welt. In Deutschland ist es geordnet und ruhig, hier ist alles laut, und es hört sowieso niemand zu. Eine Welt der Monologe. Und nur wenn einer richtig laut wird, wird er auch gehört.

Berliner Morgenpost: Hat Sie die rasante Aufholjagd von Silvio Berlusconi überrascht?

Blüher: Nein. Berlusconi ist ein unglaublicher Medienprofi. Und ein Unternehmer, der gelernt hat, Ziele zu erreichen. Ihm gegenüber hat eine Gruppe von wie Bürokraten wirkenden Sozialisten gestanden, die sich im Glück der Vorwahlen sonnten. Berlusconis Versprechungen sind teilweise absurd. Aber sie werden im Süden, besonders südlich von Rom, anders wahrgenommen. Da gehört er in die Kategorie der Heiligen und Götter, und das die nicht alles erfüllen, weiß man seit Jahrtausenden.

Es war eine unglaubliche Ankündigung von Berlusconi, die Grundsteuer in bar zurückzuzahlen. Rentner sind daraufhin mit dem Zeitungsartikel in der Hand zur Post gegangen und wollten ihr Geld zurück.

Berliner Morgenpost: Was halten Sie vom Ex-Komiker Beppe Grillo? Wird er eine Zukunft haben?

Blüher: Er ist immer noch Komiker. Er ist jemand, der eine Stimme hatte in einem Land, das vom Fernsehen bestimmt ist. Allerdings ist er am Ende auch auf die Plätze gegangen. Das hat die Leute für ihn eingenommen, denn sonst hat das keiner getan. Und er hat hinter sich intelligente Leute versammelt, die so schlecht nicht sein müssen.

Er hat den Wunsch, einer Politikermentalität, die rechts wie links zu finden ist, entgegenzutreten, wo man sich die Posten hin und her schiebt und sich bisweilen in schamloser Selbstbereicherung übt. Hinter dem Komiker könnte also etwas Ernstes stecken. Er selbst ist mir zu schrill und autoritär.

Berliner Morgenpost: Glauben Sie, dass es nach dem Patt zwischen Abgeordnetenhaus und Senat Neuwahlen geben wird?

Blüher: Nein. Berlusconi hat gesagt: Die Situation ist, wie sie ist. Wir müssen jetzt gucken, wie Italien regiert werden kann. Opfer werden nötig sein. Die Märkte haben ihm am Montagnachmittag gezeigt, wie sie auf Instabilität reagieren. Diese Sprache versteht er als Geschäftsmann. Er kann das nicht mehr negieren, auch wenn er es immer noch sagt.

Die großen Parteien werden miteinander reden müssen. Und vielleicht hilft ja der Weg zur Wahl des Staatspräsidenten, denn der muss demnächst gewählt werden. Dass er aus dem Lager der Politiker kommt, scheint ausgeschlossen, das ließe der jeweilige Gegner gar nicht zu. Anhand dieser Prozedur kann man schon mal Kompromiss und praktisches Denken üben. Alles ist komplex, aber kein Chaos, wie man in Deutschland immer vermutet. Knappe Mehrheiten gibt es überall. Hier ist nur nichts so klar wie in Deutschland, aber manchmal lieben wir das ja – in den Ferien, wenn wir kurze Hosen anhaben.

Berliner Morgenpost: Gibt es etwas, das die Deutschen von der italienischen Politik lernen können?

Blüher: Nein. Höchstens eines vielleicht: Manchmal nicht so selbstgerecht zu sein, denn das sind wir.

Berliner Morgenpost: Und die Italiener von den Deutschen?

Blüher: Den Rücktritt. Die Italiener haben den Rücktritt von Annette Schavan bewundert und sind vom Verzicht des Heiligen Vaters tief beeindruckt.

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