25.02.13

Marokko

"Wir Atheisten bilden eine Parallelgesellschaft"

Der Marokkaner Kassim al-Ghasali bekennt sich offen und selbstbewusst in seinen Blogs zum Atheismus. Weil er nicht mehr an den Islam glaubt, bekommt er Morddrohungen und musste seine Heimat verlassen.

Foto: Kacem El Ghazzali

Kassim al-Ghasali an seinem Arbeitsplatz in seiner Wohnung
Kassim al-Ghasali an seinem Arbeitsplatz in seiner Wohnung

Vor zwei Jahren, im Februar 2011, floh Kassim al-Ghasali in die Schweiz. Seine Heimat Marokko musste er verlassen, weil er nicht mehr an den Islam glaubte und sich offen zum Atheismus bekannt hatte. Seither erhält er immer wieder Morddrohungen. Jetzt schreibt der 22-Jährige aus dem Exil zwei weltweit gelesene Blogs – über den politischen Islam und über Menschenrechtsthemen.

Das Interesse an seinen Beiträgen ist groß: Auf Facebook folgen ihm schon mehr als 13.000 Nutzer. Beim Gipfel für Menschenrechte und Demokratie in Genf hielt er in diesem Jahr einen Vortrag über seine Erfahrungen als Atheist in Marokko. Im Interview spricht Kassim al-Ghasali über sein Leben in der westlichen Gesellschaft, seine Kritik am Islam und was es bedeutet, seine Heimat aus politischen Gründen verlassen zu müssen.

Berliner Morgenpost: Kaum ein Marokkaner bekennt sich so selbstbewusst zu seinem Atheismus wie Sie. Wann haben sie beschlossen, sich von der Religion abzuwenden?

Kassim al-Ghasali: Im Grunde war es weniger ein Moment, als vielmehr ein Prozess. Der Glaube ist oft Resultat einer bestimmten Kultur. In unseren Ländern ist Religion das Zentrum, oder sagen wir das Herz dieser Kultur. Ich habe mich vom Islam abgewendet, als ich begonnen habe, diese Kultur zu hinterfragen. Es ist eine Kultur, die alles kontrolliert: unsere persönlichen Beziehungen, unsere Gedanken, ja sogar unsere Fantasie und unsere Träume. Eine Kultur, die uns nicht gestattet, anders zu sein oder anders zu denken, eine Kultur, die ihre Nase in alles reinsteckt.

Berliner Morgenpost: Was bedeuten diese Beobachtungen für Sie?

al-Ghasali: Als mir dieses Problem bewusst wurde, schloss ich daraus, dass Religion – nicht nur der Islam – eines der größten Hindernisse auf dem Weg in die Moderne ist. Denn es ergibt keinen Sinn, einerseits Respekt für die Menschenrechte einzufordern, während andererseits religiöse Texte dazu aufrufen, Ungläubige zu töten, Frauen zu schikanieren und Minderheiten zu unterdrücken.

Berliner Morgenpost: Wie hat Ihre Familie reagiert?

al-Ghasali: Das war ein Schock für meine Familie. Alle waren besorgt. Sie wussten nicht wirklich, was passiert war. Sie hatten alle eine Meinung – aber niemand machte sich für mich stark. Selbst dann nicht, als vor meinem Haus Protestkundgebungen gegen mich organisiert wurden. Deswegen musste ich mein Zuhause verlassen, meine Stadt, und mich verstecken, bis ich die Einreiseerlaubnis für die Schweiz hatte.

Berliner Morgenpost: Haben Sie noch Kontakt zu Ihrer Familie?

al-Ghasali: Ja, Kommunikation gibt es. Aber ist es positive Kommunikation? Leider nein. Die einzigen positiven Gespräche führe ich mit meiner Mutter, wenn ich sie am Telefon nach Kochrezepten frage.

Berliner Morgenpost: Seit zwei Jahren leben Sie nun schon in der Schweiz. Haben Sie schon Arbeit gefunden, haben Sie Freunde?

al-Ghasali: Ich bin kein Wirtschaftsflüchtling. Einen Job zu finden ist also nicht meine Priorität. Ich würde sehr gerne studieren. Ich bekomme ein wenig Geld vom Schweizer Staat und das reicht aus, um Bücher, Essen und eine Internetverbindung zu bezahlen. Ja, arbeiten und eigenes Geld verdienen hieße, unabhängig zu sein. Aber ich will erst studieren. Ich bin genügsam, ich denke nicht einmal daran, mir ein Auto zu kaufen, ein großes Apartment zu mieten oder monatlich große Geldbeträge in meine Heimat zu schicken, so wie es viele Flüchtlinge tun.

Berliner Morgenpost: Können beziehungsweise wollen Sie je wieder in Ihr Heimatland zurückgehen?

al-Ghasali: Ich werde sicher einmal hinfahren, wenn sich Marokko von dem Krebsgeschwür des Islamismus erholt hat, dessen Anhänger mich töten wollen. Und wenn mein Land mich akzeptiert und mir nicht mehr das Recht nehmen will, als Atheist zu leben. Wenn Marokko die universellen Menschenrechte respektiert und ein säkularer Staat wird, denke ich darüber nach, das Land zu besuchen oder dort sogar wieder zu leben.

Berliner Morgenpost: Haben Sie eine Vermutung darüber, wie viele Menschen im arabischen Raum Ihre Sicht der Religion teilen?

al-Ghasali: Weil Atheismus ein so großes Tabu in den arabischen Ländern ist, ist es sehr schwer zu sagen, wie hoch die Zahl von Atheisten in arabischen Ländern ist. Denn selbst Atheisten kennen einander mitunter gar nicht. Jeder denkt zuerst an sein Leben und an seine Sicherheit, bevor er sich öffentlich zum Atheismus bekennt. Doch in letzter Zeit sind einige Stimmen laut geworden. Die meisten nutzen die sozialen Netzwerke, um sich auszutauschen und offen über ihren Unglauben und ihre Ansichten über den Islam und Religionen generell zu sprechen. Das sendet ein gutes Signal in den Westen, der über Jahre dachte, alle Menschen in arabischen Ländern seien gleich und seien glücklich miteinander. Aber trotzdem bilden wir Atheisten eine Parallelgesellschaft, die sich aus Angst verstecken muss.

Berliner Morgenpost: Was halten Sie vom sogenannten "arabischen Frühling"? Können Sie positive Veränderungen feststellen?

al-Ghasali: Die Schönheit des Frühlings entsteht durch die verschiedenen Farben. Die Unterstützer des Arabischen Frühlings kennen diese Unterschiede leider nicht. Sie wollen, dass jeder gleich denkt, sich gleich kleidet und zur selben Zeit betet. Die meisten Unterstützer des Arabischen Frühlings glauben nicht an die Menschenrechte, so wie der Westen sie versteht. Demokratie ist für sie nur eine Leiter, um an die Macht zu kommen. Dann befestigen sie Messer an der Leiter, damit keine anderen politischen Parteien hochklettern können. Was zurzeit in der arabischen Welt passiert, ist vergleichbar dem, was Europa im 17. und 18. Jahrhundert durchgemacht hat. Damals ging die Unterdrückung und Tyrannei von der Kirche und ihren Verbündeten aus. Der Unterschied ist, dass diese Phase damals aufgeklärte Philosophen und Denker hervorgebracht hat. Im Nahen Osten hingegen werden die Unterstützer der göttlichen Gesetze und Anhänger des Islam mächtig.

Berliner Morgenpost: Aber könnte sich der Islam denn nicht reformieren, so wie es auch beim Christentum geschehen ist?

al-Ghasali: Meiner Meinung nach kann es keine Reformation oder Aufklärung im sunnitischen oder schiitischen Islam geben, weil es keine Kirche gibt, die man reformieren könnte. Im Islam unterliegen wir der Macht eines heiligen Buches, aus dem alle Anweisungen hervorgehen. Selbstverständnis und Identität kommen aus dem Koran. Wenn Muslime ihren Verstand benutzen könnten, ohne die Anweisung eines Buches, welches als Gottes Wort anerkannt ist, dann könnten wir über Aufklärung sprechen. Doch die allermeisten Muslime sind heutzutage gegen die Ideen der westlichen Aufklärung. Und sie ignorieren, dass Muslime fähig wären, dieselben Rechte zu gewinnen, wie Menschen in der westlichen Gesellschaft. Es gab in der Geschichte einige Reformationsbestrebungen im Islam, aber die waren nicht willkommen. Jeder moderate Muslim, der den Islam reformieren möchte, sollte sich eingestehen, dass Terror und Gewalt im Koran stehen. Der reine Horror. Aber kein Muslim könnte zugeben, dass der Koran ein politisch und historisch bedingtes Buch ist – und nicht das Wort Allahs.

Berliner Morgenpost: Was sind Ihre Zukunftspläne?

al-Ghasali: Ich hoffe und träume von dem Tag, an dem Religionsfreiheit und Menschenrechte in die arabischen Länder einziehen. Daran arbeite ich. Ich habe dieser Sache mein Leben verschrieben. Und nebenher trinke ich jede Woche noch ein paar Bier mit meiner Freundin.

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