25.02.13

Umweltverschmutzung

Chinas Krebsdörfer, die Schattenseite des Booms

In China zahlen die Menschen die Zeche für den Boom: Trinkwasser und Böden sind inzwischen durch Pestizide und Blei so belastet, dass selbst das Umweltministerium vor den langfristigen Gefahren warnt.

Von Johnny Erling
Foto: picture alliance / CHINAFOTOPRES

Chemiegifte landen häufig in chinesischen Flüssen – auch wenn nicht immer so offensichtlich, wie hier im Dezember 2011, als eine Fabrik illegal ihre Gifte entsorgte
Chemiegifte landen häufig in chinesischen Flüssen – auch wenn nicht immer so offensichtlich wie hier im Dezember 2011, als eine Fabrik illegal ihre Gifte entsorgte

Zwei Wochen feierten die Chinesen. Vergangenen Sonntag endete mit dem traditionellen Laternenfest dann das nach dem Bauernkalender zweiwöchige Frühlingsfest zum Neuen Jahr. Normalerweise feiern die Städter den Schlusstag auf den Straßen mit noch einmal viel Feuerwerk. Dieses Jahr aber blieben viele zu Hause und aßen nach alter Sitte nur eine spezielle Süßigkeit.

Der Grund: Die Behörden hatten per SMS vor dem Aufenthalt im Freien gewarnt. Das meteorologische Amt musste wegen gefährlichem Smog die dritthöchste Gefahrenstufe Orange ausrufen. Eine unerträgliche Mischung aus Smog und Nebel waberte über Peking und einem weiteren Dutzend Provinzen in Zentral- und Ostchina. Sie ließ die Messwerte für Luftverschmutzung auf das Vierfache der ohnehin großzügigen chinesischen Toleranzschwelle von 75 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter Luft schießen.

Obwohl offizielle Feuerwerksfeiern abgesagt wurden und die Pekinger ein Drittel weniger knallten als 2012, ließen sich dennoch Hunderttausende von der Böllerei nicht abbringen. In Pekinger Stadtteilen stiegen durch den Pulverdampf die Schadstoff-Konzentrationen in der Nacht auf Montag auf Extremwerte weit über 500. Kinder und Alte litten an Atmungs- und Kreislaufproblemen.

Smog und kontaminierte Böden

Doch der Feind der Volksgesundheit lauert in China nicht nur in der Luft. Auch Trinkwasser und Böden sind inzwischen durch Pestizide, Blei oder Cadmium so belastet, dass das Umweltministerium erstmals öffentlich zugab: Die seit zehn Jahren von Umweltaktivisten angeprangerten "Krebsdörfer" gibt es tatsächlich.

Die Behörde kam in ihrem vergangenen Mittwoch veröffentlichten Report zur "Risiko-Vorsorge vor chemischer Verschmutzung" zu einem verheerenden Fazit: "Chemiegifte waren in der Vergangenheit die Ursache für viele Umwelt-Gaus, reduzierten unsere Vorräte an Trinkwasser und führten zu ernsten Gesundheits- und Sozialproblemen wie dem Phänomen der Krebsdörfer."

Offizielle Luft- und Wasseruntersuchungen und – schlimmer noch – die als "Geheimsache" vom Umweltministerium unter Verschluss gehaltenen Daten einer landesweiten Analyse, die zeigt, wie kontaminiert Chinas Ackerböden sind, nähren den Verdacht, dass Chinas Politik ein ganzes Jahrzehnt lang den Raubbau an der Gesundheit seiner Bevölkerung billigend in Kauf nahm. Immer mehr Chinesen fragen nach dem Preis, den sie für Modernisierung, Industrialisierung, rasche Urbanisierung und für Chinas weltweit bewundertes Wirtschaftswachstum nun zahlen müssen.

Bald in jeder Familie einen Krebskranken

Drastisch warnte vergangenes Wochenende der bekannte IT-Unternehmer und E-Kommerz-Multimilliardär Ma Yun in einer Brandrede vor den Folgen belasteter Luft, Wasser und Nahrung. Auf Chinas Winterdavos-Forum in Yabuli sagte er: "Ich glaube, dass es in zehn Jahren in jeder Familie bei uns jemanden gibt, der entweder an Leberkrebs, Lungenkrebs oder Magenkrebs erkrankt."

Solche öffentlichen Aufschreie beflügeln eine Debatte über die Schieflage in der Entwicklung des Landes. Sie kommt pünktlich zum Auftakt des Volkskongresses. Anfang März tritt in Peking das Parlament zu seiner Jahressitzung zusammen, um eine neue Regierung für China zu wählen. Viele hoffen, dass sie dann auch nach einem Ausweg aus der Misere suchen.

Die Probleme sind altbekannt. Doch sie wurden immer tabuisiert. Umweltforscher hatten früh auf den Zusammenhang zwischen den entlang Chinas Flüssen errichteten Papierfabriken, Metallschmelzen, Chemieanlagen oder Elektronikfirmen und den gehäuften Krebsfällen in den flussabwärts gelegenen Dörfern verwiesen.

568 Umweltproteste zwischen 2008 bis 2011

Der Umweltaktivist und Journalist Deng Fei zeichnete als erster 2009 eine Karte mit 100 mutmaßlichen Krebsdörfern in China, in denen es seit 2001 zu auffallend häufigen Krankheits- und Todesfällen kam. Inzwischen sind mit Hilfe von Google-Earth neue Karten mit 247 "Krebsdörfern" in 27 Regionen erstellt worden. Offizielle Medien wie "Shanghai Daily" berichteten darüber.

Provinzen und Lokalregierungen, die um Neuanlagen buhlten, eine laxe Pekinger Aufsicht und allgegenwärtige Korruption machten China zum Investorenparadies. Die "National Business Daily" schrieb, dass im Land heute mehr als 40.000 Chemieprodukte produziert oder verwendet werden, von denen 3000 auf der Liste "gefährlicher Stoffe" stehen. "Die Ansiedlung von Chemie und Kohlechemie wurden Schwerpunkte lokaler Wirtschaftsentwicklung. Das ist eine Ursache für die heute schlimmen Folgen," sagte der Chef der Umweltkommission des Volkskongresses, Wang Chunfeng, der Zeitung.

Mehr als 25.000 größere Unternehmen im ganzen Land, darunter 18.000 Werke, die direkt an Flüssen und Strömen liegen, stellen heute chemische Produkte her. Unfälle oder illegal abgeleitete Abwässer provozieren immer wieder spontane Umweltproteste. Spektakuläre Widerstandsaktionen wie die erfolgreichen Blockaden von Neuansiedlungen von Chemieanlagen in Städten wie Xiamen, Ningbo und Dalian sind die Folge. Das Umweltministerium zählte 568 größere Umweltproteste zwischen 2008 bis 2011, darunter 287, die nach Chemieunfällen aufflammten.

Industrieabfälle im Grundwasser

Seit Mitte Februar erregen neue Vorfälle die Öffentlichkeit. Umweltaktivisten verdächtigten Industrieunternehmen in der ostchinesischen Stadt Weifang, ihre Abwässer nicht über Kläranlagen zu entsorgen, sondern heimlich tausend Meter tief ins Grundwasser zu pumpen. Die Trinkwasserversorgung in 400 aller 655 chinesischen Städten hängt heute vom Grundwasser ab.

Urbanisierung und Landflucht, die pro Jahr 20 Millionen Chinesen zusätzlich in die Städte treiben, machen das Trinkwasserproblem zur Zeitbombe. Im Staatsfernsehen CCTV entfüllte Ma Zhong, Vizedirektor des Umweltinstituts an der Pekinger Volksuniversität, den alarmierenden Zustand des Grundwassers. Nach Untersuchungen seines Instituts verbrauchten Chinas Industrieunternehmen jährlich mehr als 83 Milliarden Tonnen Wasser.

Nur ein Viertel werde von ihnen nachweisbar entsorgt. Zwei Drittel verdunsten oder würden in Produkten gebunden. Unklar sei, was mit den verbleibenden 16 Milliarden Tonnen Abwässern geschieht. Vermutlich versickerten sie, würden in Flüsse abgeleitet oder ins Grundwasser entsorgt. Ma sagte, dass 2000 bis 2002 noch 60 Prozent des Grundwasser unter die Gütewerte 1 bis 3 fielen, wo sie als Trinkwasser verwendet oder aufgearbeitet werden konnten. Seit 2009 sei dieser Anteil aber auf 30 Prozent gefallen.

Verschmutzung als Staatsgeheimnis

Die Aufregung ist groß, die Menschen werden immer sensibler. Vergangene Woche schlugen Umweltinitiativen mit Hilfe Pekinger Zeitungen und des Internet Alarm wegen einer illegalen Mülldeponie. Sie ist mit Elektroschrott und Lebensmittelabfällen gefüllt und liegt in der Landgemeinde Bulaotun – nur zwei Kilometer vom wichtigsten Pekinger Trinkwasser-Reservoir Miyun entfernt.

Auf die Proteste reagierte die Bezirksregierung von Miyun mit der sofortigen Schließung der Grube und dem Versprechen, allen Müll auszuheben und abtransportieren zu lassen, meldete die Nachrichtenagentur Xinhua. 2010 hatte der Dokumentarfilmer Wang Jiulang bei Recherchen zu seinem preisgekrönten Film, der zeigt, wie Peking im Müll erstickt, noch 500 illegale Müllkippen in und um die Hauptstadt entdeckt. "Es gibt mindestens 1000 illegale Gruben" sagte er damals der "Welt". Und alles gehe "direkt ins Grundwasser."

Widerstand zur Erhaltung der Umwelt üben auch die Juristen. Pekings Anwalt Dong Zhengwei forderte am 30. Januar in einer offiziellen Eingabe das chinesische Umweltministerium auf, die Öffentlichkeit über die Ergebnisse ihrer landesweiten Bodenuntersuchung von 2006 zu informieren. Chinas offizielle Rechtszeitung "Fazhi Ribao" berichtete nicht nur über diese Anfrage. Sie druckte auch die Antwort ab, die der Anwalt am 24. Februar erhielt:"Daten über die Verschmutzung des Bodens gehören zu den Staatsgeheimnissen des Landes."

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