25.02.13

Merkel in Türkei

Wo der Tod nur ein Blinken auf den Monitoren ist

Kanzlerin Merkel besucht die deutschen Soldaten, die mit dem Patriot-Abwehrsystem das türkische Grenzland vor Syrien beschützten. Von dort aus beobachten sie das Sterben im blutigen Bürgerkrieg.

Von Robin Alexander
Foto: dpa
Merkel in der Türkei
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) besucht deutsche Soldaten im südtürkischen Kahramanmaras

Manchmal können sie den Krieg hören und sehen. Nicht mit bloßen Augen und Ohren, denn immerhin 120 Kilometer trennen die aus dem mecklenburgischen Sanitz ins türkische Anatolien verlegten Soldaten noch von der Grenze zu Syrien.

Aber die Truppe, deren offizieller Auftrag es ist, das Städtchen Kahramanmaras vor Raketen des syrischen Despoten Baschar al-Assad zu schützen, bekommen über ihre hochentwickelte Aufklärung mit, was etwa in Aleppo geschieht. Jede einzelne Granate, die in der geschundenen Stadt einschlägt, ist auch ein Piepen oder ein rot leuchtender Kreis auf den Monitoren der deutschen Beobachter.

Darüber können sie an diesem Abend mit ihrer Bundeskanzlerin sprechen. Merkel teilt mit ihren Soldaten eine Schale Tomatensuppe im großen beheizten Zelt, vor dem – extra für den großen Begleittross – drei Dixie-Klos aufgestellt wurden. Merkel interessiert sich für die Gefühle der Soldaten, aber vor allem für ihr Handwerk: Die hierhin verlegte Einheit bedient ein Patriot-Abwehrsystem.

Wobei bedienen ein relativer Begriff ist: Nähert sich ein feindlicher Flugkörper, meldet ein ausgetüfteltes Radarsystem dies an ihre Stellung, wo automatisch eine Abfangrakete gestartet wird. Der Vorgang verläuft vollautomatisch innerhalb von 60 Sekunden – die Soldaten müssen nichts tun und können nur entscheiden, ihn zu stoppen.

Raketen an fotogenen Orten

Bevor es die Tomatensuppe im Zelt gab, haben das zwei Soldaten der Bundeskanzlerin schon einmal erklärt. Damit das dabei entstehende Bild besser aussieht, sind die auf einem Lastwagen montierten Patriot-Rakten vorher extra an eine besonders fotogene Stelle gefahren worden. Eine gefährliche Sicherheitslücke ist dabei nicht entstanden. Es gibt nämlich gar keine Gefahr hier.

Seit dem 24. Januar ist das System einsatzfähig, musste aber noch nie eingesetzt werden. Keine syrische Rakete weit und breit – das amerikanische Waffensystem, das von Niederländern und Deutschen gemeinsam betrieben wird, erfüllt nämlich gar keinen militärischen, sondern nur einen politischen Zweck: Es demonstriert Assad, dass die Nato ihr Mitgliedsland Türkei im Ernstfall nicht allein ließe.

Das Merkel auf keinen Fall bereit ist, sich darüberhinaus in den Konflikt ziehen zu lassen, macht sie auch vor den Soldaten implizit klar: "Die Frage, ob man das Blutvergießen noch verstärkt durch Waffenlieferungen, ist eine komplizierte Frage."

Sie weiß selbstverständlich, dass der Bündnispartner Türkei genau dies tut. Premierminister Tayyip Erdogan liefert Waffen an die Rebellen, die einen Diktator bekämpfen, den Erdogan noch vor wenigen Jahren einen "Bruder" nannte.

Die Deutschen liefern nicht. Auch nicht heimlich. Aleppo mag nicht fern von Kahramanmaras sein, aber das Sterben dort bleibt nur ein Blinken von roten Kreisen auf Monitoren.

Hoher Besuch in schneller Frequenz

Merkel erwähnt Bündnispflichten und Dankbarkeit für die Leistung der Türken im Kalten Krieg. Nach 2000 Kilometern Flug, den Raketen-Fotos und der Tomatensuppe hat sie noch eine knappe Stunde, um mit unterschiedlichen Soldaten zu sprechen. Die zeigen wenig Scheu. Sie haben frische Erfahrung mit hohen Besuchern. Erst am Tag vorher war Verteidigungsminister Thomas de Maizière gemeinsam mit seiner niederländischen Kollegin bei der gleichen Einheit.

Eine seltsame Terminplanung, die Merkel selbst auf die Schippe nimmt: "Ich kann nicht versprechen, dass die Bundesregierung weiter in dieser Frequenz hier vorbeischauen wird." Die Regierung nicht. Aber die Opposition. Schon am Mittwoch wird der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel im Lager erwartet. An diesem Abend haben die Soldaten freilich noch etwas anderes vor: Das Halbfinale im DFB-Pokal zwischen dem FC Bayern und Borussia Dortmund gucken.

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