22.02.13

Pier Luigi Bersani

Der Mann, der Italien vor Berlusconi retten will

Bei den Parlamentswahlen ist Pier Luigi Bersani Spitzenkandidat der Demokratischen Partei, einst Kommunist, nun Sozialdemokrat. Er ist für Europa, gegen Populismus – und ein großer Schäuble-Fan.

Von Constanze Reuscher
Foto: Gerald Bruneau/Grazia Neri

Pier Luigi Bersani (2. v. r.) beim Spaghetti-Essen im Kreise seiner Familie
Pier Luigi Bersani (2. v. r.) beim Spaghetti-Essen im Kreise seiner Familie

"Ich würde gern Italien regieren, aber trotzdem zu Fuß durch Rom laufen," bekennt Pier Luigi Bersani und sinkt in den kleinen Sessel. Er lächelt, während er sich das vorstellt, ist mit den Gedanken plötzlich woanders – auch Kandidaten ist abends um elf das Träumen erlaubt. Ja, so ganz ohne Pomp und Hofstaat und funkelnde Limousinen, mit denen Italiens Regierungschefs sich so gern umgeben.

"Die Formalitäten auf ein Mindestmaß runterschrauben", will er, lieber mit den Leuten auf der Straße sprechen. So wie es der Wahlkämpfer Bersani seit zwei Monaten tagtäglich tut, kreuz und quer durch Italien reist, wo seine "Wähler und die Leute von der Partei-Basis die treuesten Begleiter und Helfer" sind.

Aber auch seine politischen Mitstreiter wie Nichi Vendola, Koalitionspartner von Linke, Ökologie und Freiheit, oder der junge Bürgermeister von Florenz, Matteo Renzi, die in den Vorwahlen noch seine Gegner waren. Pier Luigi Bersani ist der Spitzenkandidat der Demokratischen Partei, und dürfte bald Italien regieren.

Das Kunstlicht in dem kleinen VIP-Raum des staatlichen Fernsehens RAI macht abends um elf niemanden schöner. Und im Gesicht von Bersani sind die Falten sowieso etwas tiefer, als sie es vor Weihnachten waren. "Ich hatte mir für diesen Wahlkampf vorgenommen, keiner leichten Demagogie zu verfallen und den Italienern keine Märchen zu erzählen", sagt er.

Durch das Zimmer wabert der Geruch von angebranntem Kaffee. Ein gelangweilter Kellner in Livree klappert mit Tassen. Bersani ist müde, aber glücklich: "Ich bin stolz, denn ich habe das geschafft. Ich bin standhaft geblieben!"

Berlusconi geht wohl endgültig in den Ruhestand

Wenn es so kommt, wie die Umfragen wollen, werden die Italiener am Sonntag und Montag an die Urnen gehen und Silvio Berlusconi endgültig in den Ruhestand schicken. Sie werden dann nicht nur seine Politik, sondern auch dann einen Regierungsstil abschaffen, diesen Mix aus Verschwendung, Klientelwirtschaft und Gleichgültigkeit, der Italien an den Rand des Ruins getrieben und mit den Eskapaden seines Regierungschefs in der Welt oft zur Lachnummer gemacht hatte.

Es ist Bersanis "erstes Ziel, Betrüger wie Berlusconi, aber auch die Lega nach Hause zu schicken!" Die haben ein schwieriges Erbe hinterlassen, einen Populismus, der die Wähler nun zwar weg von Berlusconi treibt, aber nicht unbedingt nach Links, sondern vor allem in die Arme des Komikers Beppe Grillo. Eine gefährliche Bewegung, "eine Kreuzung aus der Unzufriedenheit der Rechten und allgemeinem Protest", findet Bersani. Erst am Dienstag waren Daten durchgesickert, die Grillo als zweitstärkste Kraft sehen.

Bersani macht eine Pause, will differenzieren: "Die Bewegung ist eine Neuheit, aber auch schon politische Realität, auf regionaler und lokaler Ebene sitzen bereits Grillo-Leute in Parlamenten und Stadträten. Mit ihnen kann man reden." Das Problem sei Grillo: "Er ist ein Mann, der allein kommandieren will, und jede Auseinandersetzung total ablehnt. Er ist anti-europäisch und es ist nicht vorhersehbar, was passieren wird, wenn er ins Parlament einzieht."

Bersanis Kreuzzug gegen die Populisten

Fast wie David gegen Goliath kommt einem Bersanis Kreuzzug gegen die italienischen Populisten vor. Er hat nämlich ein großes Handicap in einem Italien, das an die pompösen Auftritte Berlusconis und lautstarken Massenveranstaltungen von Grillo gewöhnt ist, wo, wie Bersanis Alliierter Vendola sagt "das Gebrüll die Ideen ersetzt hat": Bersani hat kein Charisma.

Am Mittwochabend war er gleichzeitig mit Grillo in der sizilianischen Stadt Palermo, beide hielten ihre Kundgebung auf großen Plätzen. Da waren bei Grillo mehr Leute als bei ihm. Denn der demokratische Kandidat ist solider, aber auch sehr ein nüchterner Realpolitiker.

Bersani ist pflichtbewusst und seriös – nachhaltig, würde man heute sagen. Seine Herkunft lässt ihn nicht los. Er stammt aus dem Örtchen Bettola im Appennin-Gebirge oberhalb der Industriestadt Piacenza. Das ist schon fast in der Lombardei, das Nordende der Emilia-Romagna, die im Süden bis an die Adria reicht. Hier wuchs Bersani als Sohn eines Automechanikers auf, der eine Tankstelle im Ort hatte. Aus seiner Heimat nahm er auch seine Frau mit, Daniela Ferrari, mit der er zwei Töchter hat.

Solidarität wird noch heute großgeschrieben

Die Emilianer sind ein bodenständiger Menschenschlag, weniger redselig und ausgelassen als andere Italiener, eher verschlossen, bescheiden und sehr arbeitsam. Mit dieser Mentalität haben sie ein kleines Wirtschaftswunder geschaffen und ihre Region, in der noch bis in die 60er-Jahre viel Armut herrschte, in eine der reichsten Europas verwandelt. Barilla, Ferrari, Max Mara, aber auch Rimini und Riccione sind Erfolgsmodelle.

Geholfen hat dem Wirtschaftswunder seiner Region auch ein vorbildliches soziales Netzwerk. Die Emilia war früher Heimat der Partisanen, ist die "rote" Region: der feste Sockel der kommunistischen Partei, die hier – heute in Form der Demokratischen Partei – von jeher regiert. Solidarität wird daher noch heute großgeschrieben, vorbildliche Einrichtungen werden sowohl von der öffentlichen Hand als auch von Privatwirtschaft gefördert. Das ist in dieser Form einmalig in Italien.

Natürlich können auch Emilianer gesellig sein, lieben ihr gutes Essen, aber eben immer erst nach Feierabend. Bersani mag die Küche seiner Heimat und trinkt gern mit Freunden ein Bier. Aber seine Prinzipien hat er im Blut.

Wenn er mal Zeit zum Lesen findet, dann am liebsten Klassiker, "das lohnt sich immer, Russen oder Franzosen. Da weiß man was man hat, denn das Leben ist doch viel zu kurz, um die Zeit mit einem schlechten Buch zu verschwenden", sagt er und lacht dann über sich selbst.

Aus der kommunistischen Vergangenheit gelöst

Auch Bersani bringt sein politisches Handwerk aus dieser Region mit, die er von 1993 bis 1996 regiert hat. In seiner politischen Karriere hat der studierte Philosoph jede Etappe durchlaufen, vom einfachen Stadtrat in Bettola bis zum Minister unter Romano Prodi. Und er war einer der ersten, die sich aus der kommunistischen Vergangenheit gelöst haben.

Als Industrieminister setzte Bersani am Ende der 90er-Jahre wichtige Reformen zur Liberalisierung von Wirtschaft und Staatsmonopolen durch. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der Demokratischen Partei (PD), in denen sich 2007 der sozialdemokratische Flügel der früheren Kommunisten und Teile der ehemaligen Christdemokraten zusammengeschlossen haben.

Bersani mag Menschen, die seinen strengen Prinzipien entsprechen. Einer wie Wolfgang Schäuble gefällt ihm. "Den Schäuble, den mag ich" sagt er, macht aus dem Minister mit dem typisch emilianisch scharfen "S" und wogendem Singsang eines Muezzin einen Zäuble. Er hat ihn gerade in Berlin getroffen und ist begeistert: "Wir haben uns spontan verstanden. Ich habe in ihm vieles wiedergefunden, was auch meinen Charakter ausmacht: er ist integerer Mensch und man kann in einem Gespräch gleich auf den Punkt kommen."

Auf den Punkt ist Bersani auch an diesem Abend im italienischen Fernsehen gekommen. In der Sendung "Porta a Porta" musste er dem Guru aller Polit-Talker, Bruno Vespa, Rede und Antwort stehen. Eine Hürde, an der in Italien niemand vorbeikommt, auch Bersani nicht. "Die anderen gehen hin, dann muss ich es auch tun", aber es ist eine Pflicht, man sieht es ihm an, wie er da auf dem Sessel im TV-Studio herumrutscht.

Den Jaguar von seinen Flecken reinwaschen

Es treibt die Quoten auch nicht hoch, als Moderator Vespa ihm einen Stofftier-Jaguar überreicht. Bersani hatte am Morgen einen seiner typisch hölzernen Witze gemacht, wo die Lacher immer mit Verspätung kommen: "Ich will den Jaguar von seinen Flecken reinwaschen" – eine Metapher für ein Italien, dass er von den Makeln der Berlusconi-Ära befreien will.

Dann antwortet er artig auf die Fragen und spult sein Programm ab, liberal, sozialdemokratisch, rigoros an den europäischen Richtlinien orientiert. Er will der Industrie mit Steuererleichterungen als Gegenleistung für Arbeitsplätze und Investitionen helfen, große Vermögen besteuern und die Steuerhinterziehung bekämpfen, Ausbildung und Forschung fördern, die öffentliche Verwaltung abspecken, De-facto-Monopole liberalisieren, den Medienmarkt neu ordnen, Interessenkonflikte beheben, mehr Frauen in die Politik holen. Eigentlich müssten die Italiener zufrieden sein.

Der Kandidat Bersani verlangt von den Italienern keine Wunder, wie Monti es getan hat, er macht keine Wahlversprechungen wie Berlusconi. Er ist ein Mann, der der europäischen Integration verschrieben ist – "so wie auch mein Koalitionspartner Nichi Vendola, an dessen europatreuer Linie niemand zweifeln darf", unterstreicht er.

Er wird den Italienern noch mehr Opfer abverlangen, aber auch Europas Verständnis für das italienische Tempo werben. Er ist einer dieser Politiker, die in Italien immer wieder auftauchen, wenn es gilt, große Hürden zu nehmen und denen es gelingt, den Italienern große Opfer abzuringen.

Antimafia-Staatsanwalt könnte Bersani Stimmen kosten

Einer war der Christdemokrat Alcide De Gasperi, der Italien nach dem Krieg regierte, die junge Republik mit einer demokratischen Verfassung ausstattete, in die Europäische Union führte. Oder Romano Prodi, auch Präsident der Europäischen Kommission, der es mit einer rigorosen Haushaltspolitik, die er in seiner Regierung von 1996 bis 1998 führte, Italien in die Gruppe der Euro-Staaten zu hieven.

Aber schon in Prodis Zeit tauchte ein Schreckgespenst auf, dass heute auch Bersani zu schaffen machen könnte: die Partei Kommunistische Neugründung, ein Überbleibsel der aufgelösten Kommunistischen Partei. Sie hat die beiden Regierungen Prodi in den 90er-Jahren und von 2006 bis 2008 auf dem Gewissen. Jetzt ist sie in Form der Bewegung Zivile Revolution, gegründet von dem ehemaligen Antimafia-Staatsanwalt Antonio Ingroia, noch einmal aufgetaucht.

Und sie droht, Bersani wichtige Stimmen für eine klare Mehrheit im Parlament zu nehmen. Das gleiche könnte im Senat passieren: Hier werden die Mehrheiten auf der Basis regionaler Stimmenanteile vergeben. Ein Risiko ist Sizilien, wo Grillos Bewegung eine Mehrheit holen könnte, und die Lombardei, wo die Lega, aber auch Berlusconi vorn liegen.

Bersani ist das Gegenteil von Berlusconi, die andere Seite der italienischen Medaille. Nur eine Leidenschaft teilt Bersani mit Berlusconi: das Meer in Sardinien. Dort zieht es ihn hin, sobald die Politik ihn aus der Pflicht lässt. " Ich liebe Sardinien, seit ich als junger Mann dort meine Wehrpflicht absolviert habe." Natürlich, es war die Pflicht – die Wehrpflicht –, nicht etwa ein Kreuzfahrtschiff oder Privatjet, der ihn hingebracht hat.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Internet-Gigant Alibaba bricht an der Wall Street alle Rekorde
Zufallstreffer Touristen filmen F-18-Testflug im Death Valley
Glück gehabt Bungee-Seil nicht festgemacht - Mann überlebt
Himmelskreaturen Der Angriff der Riesendrachen
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

10 Pfusch-Beispiele

Was nicht passt, wird trotzdem eingebaut

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote