22.02.13

Russland

Depardieu zieht in mordwinische Gummiwohnung

Offiziell ist der russische Neu-Staatsbürger Gérard Depardieu jetzt in der Teilrepublik Mordwinien gemeldet. Dass er in der russischen Provinzstadt tatsächlich leben wird, glaubt jedoch niemand.

Von Julia Smirnova
Foto: dpa

Gérard Depardieu wird bei einer feierlichen Zeremonie in seinen russischen Pass einen Stempel bekommen
Gérard Depardieu wird bei einer feierlichen Zeremonie in seinen russischen Pass einen Stempel bekommen

Der russische Neu-Staatsbürger Gérard Depardieu besucht wieder seine Wahlheimat. Kaum in Moskau angekommen, setzte er seine Reise fort in die Stadt Saransk, Teilrepublik Mordwinien. Dort soll er an diesem Wochenende seinen neuen Wohnsitz beziehen. "Wie das Gesetz es vorsieht, wird Gérard Depardieu in Russland registriert", zitiert die staatliche russische Nachrichtenagentur RIA Nowosti einen Vertreter der mordwinischen Regierung.

Die russischen Medien scherzen, dass dies ein Geschenk an den Obelix-Darsteller zum "Tag der Verteidiger des Vaterlandes", dem ehemaligen "Tag der sowjetischen Armee", ist, der in Russland am 23. Februar breit gefeiert wird.

Bei einer feierlichen Zeremonie soll der französische Schauspieler in seinen russischen Pass einen Registrierungsstempel bekommen. Seinen Wohnsitz wird er in einem neu gebauten Mehrfamilienhaus an der Demokratitscheskaja-Straße im Zentrum von Saransk anmelden. So lautet die offizielle Version. Doch kaum jemand glaubt, dass Depardieu tatsächlich in einen Plattenbau in einer russischen Provinzstadt ziehen wird.

Nein, er werde dort "nur registriert", die Wohnung gehöre ihm eigentlich gar nicht, sagt der mordwinische Regierungsvertreter. Sie gehört Verwandten des Direktors vom russischen Filmarchiv, Nikolai Borodatschow. "Wir haben bereits die Zustimmung aller Wohnraumnutzer erhalten", führt der Regionalbeamte fort. Nach russischen Gesetzen ist das notwendig, um jemanden in einer Wohnung registrieren zu lassen.

Rigides Kontrollsystem

Der Anmeldungsstempel im russischen Pass wird umgangssprachlich "Propiska" genannt. So hieß das rigide System der Kontrolle über die Wohnsitze der Bürger in der Sowjetunion. Damals wurden die Einwohner fest an eine Region gebunden und durften de facto ohne Erlaubnis der Behörden nicht an einen anderen Ort ziehen.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion wurde diese Regelung für verfassungswidrig erklärt. Jedoch hat das System der jetzt gültigen Registrierung Züge der alten "Propiska" beibehalten. Russische Bürger sind verpflichtet, ihren ständigen Wohnsitz anzumelden. Ziehen sie für eine Weile in eine andere Stadt, brauchen sie dort eine zeitliche Anmeldung.

Bis vor kurzem durfte man an einem Ort lediglich drei Tage ohne Registrierung bleiben, aktuell 90 Tage. Wer das nicht tut, macht sich strafbar und darf von der Polizei auf der Straße festgehalten werden.

Einnahmequelle für korrupte Beamte

Mittlerweile ist dieses System zu einer Einnahmequelle für korrupte Beamte geworden. Vor allem in den russischen Großstädten werden die meisten Wohnungen illegal vermietet, die Eigentümer wollen in der Regel ihre Mieter nicht registrieren lassen. Wer ohne Anmeldung in einer Stadt wie Moskau lebt, muss bei Kontrollen entweder die Polizisten bestechen oder sich an Vermittlungsfirmen wenden.

Für etwa 20 Euro im Jahr wird man formell (und meistens ganz legal) an einer Adresse registriert. "Gummiwohnungen" nennt man Adressen, an denen Dutzende und manchmal sogar Hunderte Menschen registriert sind, ohne dort tatsächlich zu wohnen.

Diese Praxis will die russische Regierung nun bekämpfen. Vor einer Woche verabschiedete das Parlament in erster Lesung ein Gesetz, das härtere Strafen für diejenige vorsieht, die gegen die Regeln der Registrierung verstoßen. Insbesondere Moskauer Behörden wollen stärkere Kontrollen einführen. In der russischen Hauptstadt soll nun eine Kommission aus Polizisten und Vertreter des Migrationsdienstes zwei Mal im Monat prüfen, ob die angemeldeten Personen tatsächlich in einer Wohnung leben oder ob dort umgekehrt jemand wohnt, ohne sich registrieren zu lassen.

Verstößt Depardieu gegen die neuen Regeln?

Die Frage ist nun, ob Depardieu mit seiner "formellen" Registrierung in einem Mehrfamilienhaus in Saransk, in dem er wohl nie tatsächlich zu wohnen gedenkt, gegen die neuen Regeln verstößt. Eine Vertreterin des russischen Migrationsdienstes teilte mit, sie sähe keine Verstöße. Die Verwandten des russischen Filmarchivdirektors müssen also keine Strafen befürchten.

Für den französischen Schauspieler und Freund Wladimir Putins gelten ohnehin Sonderregeln. Seinen russischen Pass erhielt er blitzschnell. Auch das neue Gesetz, das Überweisungen aus dem Ausland auf ausländische Konten russischer Bürger unter Strafe stellt, wird ihn wohl nicht dazu bringen, sein Geld einer russischen Bank anzuvertrauen. Der Fall Depardieu zeigt: Wer die Regeln bestimmt, darf sie auch umgehen.

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