18.02.13

Kuba

Nach 20 Ausreiseanträgen kostet Yoani die Freiheit

Seit Jahren bloggt Yoani Sánchez gegen das kommunistische Regime in Kuba. Jetzt darf sie legal ihre Heimat verlassen und will um die Welt reisen – im Dienst der Freiheit

Von Tobias Käufer
Foto: REUTERS

Kubas bekannteste Dissidentin Yoani Sanchez am Flughafen Guararapes International im brasilianischen Recife. Zuvor hatte das Castro-Regime 20 ihrer Ausreiseanträge abgelehnt
Kubas bekannteste Dissidentin Yoani Sanchez am Flughafen Guararapes International im brasilianischen Recife. Zuvor hatte das Castro-Regime 20 ihrer Ausreiseanträge abgelehnt

Eine feste Umarmung mit ihren Nichten, ein schüchternes Winken, und dann öffnete sich plötzlich die dunkle Durchgangstür des internationalen Flughafens Havanna, hinaus in die Freiheit: Kubas international bekannte Dissidentin, die Bloggerin Yoani Sanchez, hat ihre Heimat verlassen. In etwa 80 Tagen will die Autorin des regierungskritischen Blogs "Generacion Y" mehr als zwölf Länder bereisen.

Auch nach Deutschland und in die Schweiz werde die 37 Jahre alte Philologin kommen, bestätigt ihr Ehemann Reinaldo Escobar am gleichen Abend in einem Telefongespräch. "Es war ein sehr emotionaler Abschied", beschrieb der Journalist die letzten Minuten vor der mit Spannung erwarteten Ausreise seiner Frau. Bis zuletzt habe sie nicht an eine Ausreise geglaubt, hieß es aus ihrem Umfeld.

Damit geht für Sanchez ein jahrelanger Kampf um die Reisefreiheit erfolgreich zu Ende. Die junge Kubanerin, deren dunkle Reisetasche ein großes Y zierte, verließ das Land problemlos, nachdem sie etwa 20 Mal erfolglos um ihre Ausreise gebeten hatte. Die Erleichterungen im Reiseverkehr, welche die kubanische Regierung kürzlich verfügte, machen es möglich. "Ihr liegen sehr viele Einladungen vor", sagt Escobar. "Das wird eine spannende Reise." Seine Frau werde auch von unterwegs aus versuchen, weiter Beiträge für das Blog zu verfassen. Zum Beispiel gebe es in Panama auf dem Flughafen einen kostenfreien Wifi-Zugang, hatte er mit offenkundigem Erstaunen dem Sender NTN berichtet.

Weltweite Angebote für Buchverträge und Kolumnen

"Für mich beginnt eine neue Etappe in meinem Leben", verkündete derweil Sanchez. Ihre erste Station wird Brasilien sein. Auf ihrer Reise um die Welt wird sie in internationalen Medienhäusern zu Gast sein und an Filmfestivals sowie Menschenrechtskonferenzen teilnehmen. Sie wolle sich informieren, wie moderne Pressearbeit funktioniere, teilte Sanchez mit. Ihr Blog, das mit ausländischer Hilfe finanziert wird, beschreibt das Leben in Kuba aus Sicht einer Regimekritikerin. Sie schildert darin unter anderem die kubanische Mangelwirtschaft und das repressive Vorgehen der kommunistischen Machthaber gegen politisch Andersdenkende.

Die meisten Leser hat Sanchez allerdings im Ausland, da trotz der jüngst mit venezolanischer Hilfe verbesserten kubanischen Internetleistung nur wenige ihrer Landsleute überhaupt Zugang zum Netz haben. Sanchez gilt als international gefragte Interviewpartnerin. Angeblich liegen der Regimekritikerin Angebote vor, als Gast- und Buchautorin zu arbeiten. Sanchez weiß: Wenn sie in knapp drei Monaten von ihrer Auslandsreise über drei Kontinente zurückkehrt, wird ihr Leben nicht mehr so sein wie früher.

Sanchez war nicht die einzige Regimekritikerin, die am Wochenende ein Flugzeug in Richtung Freiheit bestieg. Rosa Maria Paya, Tochter des im vergangenen Jahr bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben gekommenen christlichen Oppositionspolitikers Oswaldo Paya, verließ die kommunistische Karibik-Insel in Richtung Spanien.

Die Familie geht davon aus, dass Paya, Träger des Sacharow-Preises für Meinungsfreiheit des Europaparlaments, Opfer eines Anschlags wurde. Die kubanische Polizei machte aber den Vize-Sekretär der Jugendorganisation der konservativen spanischen Volkspartei, Angel Carromero, für den Autounfall verantwortlich. Carromero steuerte das Fahrzeug. Er wurde inzwischen wegen überhöhter Geschwindigkeit zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt und nach Spanien abgeschoben. Am Wochenende tauchten Bilder auf, die ihn in Spanien beim Verlassen eines Gefängnisses mit einer elektronischen Fußfessel zeigten. Wie Sanchez will auch Paya in den nächsten Tagen an zahlreichen Veranstaltungen teilnehmen.

Nicht alle Dissidenten genießen die neue Freiheit

Am Dienstag führt sie ihr Weg zu einer Konferenz von Menschenrechtsorganisationen nach Genf. Allerdings ist ihre Teilnahme nicht sicher: Die Mitarbeiter der spanischen Fluglinie Iberia werden in dieser Woche streiken. So könnte Paya auch in der vermeintlichen freien Welt erst einmal auf gepackten Koffern festsitzen.

Die Sprecherin der kubanischen Bürgerrechtsbewegung "Frauen in Weiß", Berta Soler, will das reformierte Ausreisegesetz ebenfalls nutzen, um an einer Regionalkonferenz von Menschenrechtsorganisationen mitte April in Panama teilzunehmen. Soler hat über die deutsche Botschaft in Havanna eine Einladung des Auswärtigen Amtes erhalten. Die Bundesregierung hält sich allerdings bedeckt, um die Ausreise Solers nicht zu gefährden. Die "Damen in Weiß" sind ein pazifistischer Zusammenschluss von Frauen in Kuba, deren Männer und Söhne für die Meinungs- und Pressefreiheit eingetreten sind und deshalb vom kubanischen Staat verhaftet wurden. Gegründet wurde die Organisation als Reaktion auf den kubanischen "Schwarzen Frühling" im Jahr 2003, bei dem zahlreiche Regimekritiker festgenommen und zu langen Haftstrafen verurteilt wurden.

Auf Vermittlung der katholischen Kirche wurden in den vergangenen Jahren fast alle politischen Häftlinge freigelassen und nach Spanien ausgeflogen. Auch der Dissident José Daniel Ferrer wolle nach Panama reisen, bestätigte Soler. Doch dem Koordinator der Oppositionsbewegung Union Patriotica wurden die Papiere für eine Ausreise offenbar verweigert. Gegen Ferrer wurde im Anschluss an den Schwarzen Frühling 2003 eine Gefängnisstrafe verhängt. Zwar befindet er sich im Rahmen einer Amnestie wieder auf freien Fuß. Weil die Strafe aber noch nicht ganz verbüßt sei, dürfe Ferrer nicht ausreisen, hieß es zuletzt.

Von Außenseitern zu Privilegierten

Den Exodus der anderen Dissidentinnen macht das liberalisierte Reisegesetz der Insel möglich. Um das Land zu verlassen, reicht jetzt ein gültiger Pass und ein Visum des Ziellandes. Kuba hatte den neuen Kurs schon vor Wochen angekündigt, um seine Bürger auf die neuen Freiheiten vorzubereiten. Die etwa elf Millionen Kubaner hatten die Reform seit Jahren sehnlichst erwartet. Präsident Raúl Castro, der vor gut fünf Jahren die Führung des Landes von seinem Bruder Fidel übernommen hatte, setzte damit ein deutliches Zeichen der Liberalisierung. Derlei hatten die USA vor Verhandlungen über eine Lockerung des seit Jahrzehnten geltenden Handelsembargos verlangt.

In der Vergangenheit wurden Reisegenehmigungen Regimekritikern häufig verweigert. Bloggerin Sanchez hatte sich bei Inkrafttreten der neuen Regelung vor wenigen Wochen noch skeptisch gezeigt: "Werde ich ab Montag auf der Liste der Menschen stehen, die ausreisen dürfen oder auf dem Zettel mit den Namen derer, die es nicht dürfen? Ich schwanke zwischen Hoffnung und Skepsis", schrieb sie.

Für den großen Rest der Kubaner bleibt die Reisefreiheit allerdings nur ein Traum: Visa sind für sie nicht leicht zu bekommen, insbesondere weil sich Touristen von der Karibikinsel mit einem durchschnittlichen Monatslohn von umgerechnet 50 US-Dollar zum illegalen Bleiben verführt fühlen könnten. Dass Sanchez, Paya und Soler ihre Auslandsreisen antreten können, macht sie von Außenseitern der Gesellschaft zu privilegierten Kubanerinnen. Dass ihre Reisen zudem von ausländischen Gastgebern finanziert werden, wird sie innenpolitisch angreifbar machen. Es wird noch lange dauern, bis Auslandsreisen in Kuba normal werden.

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