17.02.13

Bürgermeister

Bloomberg macht New York gesund, aber unsexy

In elf Jahren hat Michael Bloomberg allem was krank macht den Kampf angesagt. New Yorks Bürgermeister verbot das öffentliche Rauchen und senkte den Salzkonsum. Viele sehen ihre Freiheit in Gefahr.

Von Michael Remke
Foto: AFP

Michael Bloomberg ist nicht nur New Yorks Bürgermeister, sondern auch ein Gesundheitsapostel. Seit Beginn seiner Amtszeit vor elf Jahren versucht er, seine Stadt gesünder zu machen
Michael Bloomberg ist nicht nur New Yorks Bürgermeister, sondern auch ein Gesundheitsapostel. Seit Beginn seiner Amtszeit vor elf Jahren versucht er, seine Stadt gesünder zu machen

Er raucht nicht, er trinkt wenig Alkohol, bewegt sich dafür mehr und geht kurze Strecken lieber zu Fuß, als sich in seinem Dienstwagen chauffieren zu lassen. Michael Bloomberg, New Yorks Bürgermeister, ist das, was man gemeinhin einen "rüstigen älteren Herrn" nennt: 71 Jahre alt ist er am Donnerstag geworden.

Übergewicht, Bluthochdruck oder Diabetes – Krankheiten, die oft im Alter auftreten, sind für den 1,73 Meter großen und 64 Kilogramm schweren Bloomberg persönlich kein Thema. Dafür aber in seinem politischen Leben. Das New Yorker Stadtoberhaupt ist in seiner mittlerweile elf Jahre währenden Regentschaft auf einer Mission, einer Gesundheits- und Umweltmission.

Erst in seiner letzten "Rede zur Lage der Stadt" hatte Bloomberg eine Initiative gegen Styroporbecher- und -verpackungen angekündigt. "Diese Produkte sind praktisch nicht zu recyceln und sind deshalb schlecht für die Umwelt und für die Bürger", erklärte Bloomberg. Styropor würde die Kosten für Recycling um 20 Dollar pro Tonne erhöhen, weil es vorher aussortiert werden müsse. "New York geht es besser denn je", sagte Bloomberg, dessen dritte Amtszeit im kommenden Januar zu Ende gehen wird. "Wir haben noch 320 Tage Zeit, um unsere Arbeit zu beenden."

Und es gebe noch viel zu tun. Dabei kann Bloomberg, der neuerdings auch Besitzer kleinerer Mengen von Marihuana nicht mehr über Nacht im Gefängnis festhalten will, auf eine lange und nach Meinung vieler stolze Bilanz von Gesundheits- und Umweltinitiativen zurückblicken.

Erholungszonen in der Stadt

Bloomberg hat in New York Hunderte Kilometer Radwege bauen lassen. Er hat neue Parks eröffnet und selbst in verkehrsreichen Zonen wie dem Times Square zur Erholung Bänke, Tische und Stühle aufgestellt. Und er hatte von Tag eins seiner Amtszeit allem, was die Bürger krank oder dick machen könnte, den Kampf angesagt: Zigaretten, Transfette, Alkohol, Softgetränke, Zucker und zuletzt Salz.

In seiner "Salt Reduction"-Initiative will Bloomberg den übermäßigen Konsum von Salz stoppen. Die Amerikaner essen laut der US-Gesundheitsbehörde CDC etwa "doppelt soviel Salz wie die empfohlene Menge von 2300 Milligramm", was einem Teelöffel Sodium am Tag entspricht. Zuviel Salz erhöht das Risiko von Bluthochdruck, Herzinfarkt und Schlaganfall. Die CDC macht jedes Jahr 700.000 Todesfälle für den erhöhten Salzkonsum verantwortlich.

Insgesamt 35 Unternehmen und Restaurantketten hatte Bloomberg 2008 zu seiner "Weniger Salz"-Initiative eingeladen. Die freiwillige Aktion sollte den Sodiumkonsum wie zum Beispiel in Cornflakes oder Müsli um 40, bei Wurst- und Käseaufschnitt um 25 Prozent senken. Bis zum Jahr 2014 sollte so der tägliche Salzkonsum um bundesweit 20 Prozent zurückgehen. "Ich will niemanden die Pommes oder die Hamburger wegnehmen", sagte Bloomberg damals. "Die esse ich selbst gerne. Aber ich will, dass sie weniger gesundheitsschädlich sind."

Vier Jahre nach dem Start seiner Initiative zog der Bürgermeister jetzt eine erste, positive Bilanz. "21 Unternehmen", so Bloomberg, "haben freiwillig die Salzmenge in ihren Produkten oder Essen reduziert." Darunter seien Ketchup- oder Nudelsoßenhersteller aber auch Restaurantketten wie Subway und Starbucks, die in ihren Produkten zwischen 18 und 33 Prozent weniger Salz benutzen.

Manche sehen Freiheit in Gefahr

Dabei ist die Salz-Aktion nicht die erste Gesundheitsinitiative, mit der Bloomberg für Schlagzeilen aber auch für viel Kritik unter den Gegnern jeder staatlicher Bevormundung sorgte. "Amerikas oberster Babysitter", schimpfen die Bloomberg-Gegner. Und das sind noch die freundlichen unter ihnen. Andere sehen gar die "Freiheit in Amerika" in Gefahr. "Wir sind auf dem Weg in eine totalitäre Gesellschaft", warnt der New Yorker Stadtverordnete Robert Jackson.

Bloomberg, der für ein symbolisches Jahresgeld von einem Dollar den Chefposten im Rathaus ausübt, versteht diese Sorge nicht. "Ich sage niemandem, was er zu tun oder zu essen hat", wehrt sich der stets souveräne Bürgermeister. "Aber wenn die Regierung nicht die Aufgabe hat, die Gesundheit und ein langes Leben seiner Bürger zu fördern, weiß ich nicht, warum es überhaupt eine Regierung geben sollte."

Bloombergs scheinbar stabsmäßig geplanter Gesundheitsfeldzug begann bereits kurz nach seiner Vereidigung. Mit seinem Gesetz zur "rauchfreien Luft" 2002 verordnete er das strengste Rauchverbot des Landes. Nicht nur in Büros, Restaurants und Bars war fortan der Genuss von Zigaretten verboten, sondern auch auf allen öffentlichen Plätzen. Selbst im Central Park, sowie entlang der knapp 30 Kilometer New Yorker Badestrände wurden bei Androhung von Bußgeldern bis zu 200 Dollar Rauchverbote verhängt. Seine Gegner tobten. Mittlerweile folgen 27 Bundesstaaten und fast 3500 Städte im Land den Bloomberg-Gesetzen.

Kritiker protestieren gegen Getränkegrößen

Der von seinen Gegner als "dürrer, eitler Fatzke" verspottete Bloomberg nahm sich auch des Problems der Fettsucht an. 2006 verbot er zunächst die schädlichen "Transfette" in allen Restaurants und Lebensmitteln und wies noch im selben Jahr alle Essensketten von mehr als 15 Lokalen an, künftig die Kalorienzahl ihrer Produkte mit anzugeben. Mehr als 30 Staaten und Städte folgten dem Transfett-Verbot bisher und 20 Städte dem Kalorien-Gesetz.

Gestärkt durch seinen Erfolg legte er sich dann mit den einflussreichen Softgetränke-Herstellern wie Coca-Cola, Pepsi und anderen an. Alles, was 16 Unzen, etwa ein halber Liter, und größer ist, wurde im Bloomberg-Land verboten. "Wir lassen uns die Größe unserer Drinks nicht vorschreiben", protestierten die Kritiker. Sie ließen wochenlang Plakate von Flugzeugen mit der Ausschritt "No drinks for U" ("Keine Getränke für dich") am New Yorker Himmel entlangziehen.

Bloomberg ließ sich nicht beeindrucken. "Wer will kann sich ja zwei kleinere Getränke kaufen", konterte er. Der Erfolg seiner Gesundheits-Initiativen gibt Bloomberg recht. Nicht nur die Zahl der Raucher ist deutlich zurückgegangen, auch die Zahl der Toten durch Nikotinsucht – von 9000 im Jahr 2001 auf 8100 im vergangenen Jahr. Die Lebenserwartung eines New Yorkers von 2001 bis 2010 um 3,8 Jahre auf durchschnittlich 80,9 Jahre gestiegen. Bloomberg hat keinen Zweifel daran, dass das auch auf seine Gesundheitsinitiativen zurück geht.

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