17.02.13

"Gefangener X"

Gigantische Informationskatastrophe für den Mossad

Der Selbstmord eines mutmaßlichen Mossad-Agenten im Gefängnis beschäftigt Israel. Das Parlament kündigte eine umfassende Untersuchung an. Ministerpräsident Netanjahu bleibt ruhig.

Von Michael Borgstede
Foto: REUTERS

Eine Frau in Tel Aviv liest in der Zeitung über das Schicksal des „Gefangenen X“, eines mutmasslichen Mossad-Agenten, der sich in Haft das Leben nahm
Eine Frau in Tel Aviv liest in der Zeitung über das Schicksal des "Gefangenen X", eines mutmasslichen Mossad-Agenten, der sich in Haft das Leben nahm

Seit Tagen beschäftigen sich die israelischen Medien fast ausschließlich mit dem Fall jenes mutmaßlichen Mossad-Agenten, der sich im Dezember 2010 in der Zelle einer Hochsicherheitsgefängnis erhängt haben soll, doch auf die entscheidende Frage gibt es bis heute keine Antwort: Was wurde dem australisch-israelischen Doppelstaatsbürger Ben Zygier eigentlich zur Last gelegt?

Sicher ist in der Sache nur eines: Das Krisenmanagement der israelischen Regierung war eine Katastrophe. Hatte man in Jerusalem wirklich geglaubt, ein halbstündiger Fernsehbeitrag des australischen Fernsehsenders ABC werde in Israel ohne Widerhall bleiben? Einen ganzen Tag lang versuchte die Regierung nach den ersten Beichten über den so genannten Gefangenen X an einer allumfassenden Nachrichtensperre festzuhalten und machte den Fall damit nur noch mysteriöser und für die Berichterstattung attraktiver, als er es ohnehin schon war.

Sehr spät bemühte man sich um Schadensbegrenzung und versuchte klar zu stellen, dass auch hinter verschlossenen Türen nicht alle Prinzipien des Rechtsstaates über Bord geworfen wurden: So hatte ein Richter einen Haftbefehl ausgestellt, Zygier wurde gleich von mehreren Rechtsanwälten vertreten, eine Richterin verhängte die Nachrichtensperre und es gab immerhin eine richterliche Untersuchung in die Todesumstände.

Parlament kündigt Untersuchung an

Das israelische Parlament hat eine umfassende Untersuchung angekündigt. Ein für den Geheimdienst zuständiger Unterausschuss der Knesset werde alle "Aspekte der Affäre" untersuchen, erklärte Ausschuss-Sprecher Asaf Doron am Sonntagabend. Im Parlament sehen nicht alle die Angelegenheit so ruhig, wie Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der sich am Sonntag erstmals zu dem Fall äußerte und den Geheimdiensten sein "volles Vertrauen" aussprach. "Übertriebene Offenheit im Bereich der Sicherheit und der Geheimdienste" könne der "Sicherheit des Staates schweren Schaden zufügen", sagte Netanjahu.

Allerdings gehört die Gewaltenteilung ja eben deshalb zur Grundausstattung von Demokratien, weil auch im Staatswesen die gegenseitige Kontrolle der Instanzen besser ist als nur "volles Vertrauen". Weshalb beispielsweise wusste der Vorsitzende des Knesset-Ausschusses für Verteidigung, Zachi Hanegbi, nichts von der Existenz des geheimnisvollen Gefangenen?

Hangebi hätte zumindest im kleinen Kreis des Unterausschusses für die Geheimdienstarbeit von dem Fall hören müssen, die Sitzungen des Kontrollgremiums sind streng vertraulich. Auch der Likud-Politiker Hanegbi fordert eine Untersuchung – im Gegensatz zu Netanjahu. Weil Israel ein besonders bedrohtes Land sei, müsse es in der Sache nun endlich Ruhe geben, forderte der Regierungschef am Sonntag. Er bitte alle: "Lasst die Sicherheitskräfte in Ruhe arbeiten."

Laut Anwalt wurde Zygier in Verhören bedroht

Doch dafür sind wohl zu viele Fragen offen: Wurde die Videoüberwachung in der Zelle des Gefangenen wirklich zeitweise abgestellt, damit Zygier seinen Wärtern keine geheimen Botschaften übermitteln konnte? Hielten Geheimdienstleute die den Selbstmord untersuchende Polizei zunächst vom Betreten der Zelle ab? Was war in den Stunden vor Zygiers Tod geschehen?

Immerhin berichtete der angesehene Anwalt Awigdor Feldmann, er habe bei einem Gespräch mit dem Häftling kurz vor seinem Tod nicht den Eindruck bekommen, einem Selbstmordkandidaten gegenüber zu sitzen. Allerdings, so Feldmann, habe man Zygier in den Verhören gedroht, er werde viele Jahre im Gefängnis verbringen und von seiner Familie und seinem Umfeld verleugnet werden. Wusste Zygier, dass er nur vier Tage vor seinem Tod zum zweiten Mal Vater geworden war?

Ben Zygier wuchs im australischen Melbourne auf. Freunde berichteten australischen Medien, er habe als junger Mann einen etwas verlorenen Eindruck gemacht. Allein machte er sich vor etwa zehn Jahren nach Israel auf, änderte seinen Namen in das hebräische Ben Alon, meldete sich bei einer Kampfeinheit freiwillig und verbrachte seine freie Zeit in einem Kibbuz. Dort erinnert man sich an einen Einzelgänger, bleibende Kontakte entstanden nicht.

Hervorragende Quelle für australische Reisepässe

Irgendwann soll der Auslandsgeheimdienst Mossad den jungen Juristen rekrutiert haben. Drei Jahre soll er in Europa bei einer Scheinfirma zum Export von Elektrotechnik in den Iran gearbeitet haben, 2009 kehrte er nach Australien zurück.

Offiziell sollte er studieren: Medienberichte von intensiven Kontakten mit Studenten aus dem Iran und Saudi Arabien deuten aber eher darauf hin, dass Ben Alon – der seinen Namen nun zu dem weniger jüdisch klingenden Ben Allen geändert hatte– zukünftige Mossad-Informanten anwerben sollte.

Gleichzeitig war Ben Zygier alias Ben Alon alias Ben Allen allerdings auch eine hervorragende Quelle für authentische australische Reisepässe. Das australische Gesetz in dieser Hinsicht großzügig: Einmal im Jahr dürfen Bürger ihren Namen ändern und sich einen neuen Pass ausstellen lassen. Aus Ben Allen wurde so bald Ben Burrows.

Für Israels Agenten ist ein authentischer Pass ein Trumpf: Sollte der Agent auf feindlichem Territorium Verdacht erregen, hält der Ausweis auch einer offizielle Überprüfung beim australischen Konsul statt. Zudem gelten die Australier in den meisten Gegenden der Welt als neutrale und sympathische Nation. Auch bei der Ermordung des Hamas-Waffenschiebers Mahmoud al-Mabhouh im Jahre 2010 in einem Hotel in Dubai reisten drei der Täter mit gefälschten australischen Pässen ein. Vieles deutet darauf hin, dass der Mossad für die Aktion verantwortlich war.

Niemand traut ihm handfesten Landesverrat zu

Die Australier sind über den Missbrauch ihrer Reisedokumente natürlich wenig erfreut: 2010 soll nach Informationen des Sydney Morning Herald der australische Geheimdienst ASIO die Fälle von drei israelisch-australischen Doppelstaatsbürgern untersucht haben, bei denen eine Tätigkeit für den Mossad vermutet wurde: Alle drei hätten ihre als jüdisch identifizierbaren Namen geändert, bisweilen sogar gleich mehrfach.

Einer von ihnen war Ben Zygier. Kurz nachdem Zygier von den australischen Agenten vernommen worden war, muss jemand bei ASIO den Verdacht an die Presse weitergeleitet haben. Am Telefon mit dem Journalisten Jason Koutsoukis stritt er eine Geheimdiensttätigkeit vehement ab. Wenige Tage später wurde er verhaftet.

Die Frage nach dem warum bleibt unbeantwortet. Niemand traut dem überzeugten Zionisten Zygier einen handfesten Landesverrat zu. Wahrscheinlich war er auch kein hochrangiger Mossad-Agent; als er dem Journalisten am Telefon versicherte, er sei noch nie im Iran, in Syrien oder im Libanon gewesen, dürfte er die Wahrheit gesagt haben. Jemand aber war mit auf seinen Namen ausgestellten Pässen in diesen Ländern gewesen – das sollen die australischen Aufzeichnungen eindeutig belegt haben.

Grober Verstoß gegen alle Regeln des Metiers

Selbst wenn es Anzeichen gegeben haben sollte, dass Zygier den australischen Geheimdienstkollegen oder gar der Presse die Wahrheit über die den Passmissbrauch mitteilen wollte –wäre das Grund genug für sein merkwürdiges Verschwinden? Hatte man Sorge, Zygier werde dem Druck nicht standhalten? Ben habe zu viel geredet, war in den vergangenen Tagen immer wieder zu hören gewesen.

Mindestens zwei Bekannten soll der junge Mann von seiner Mossad-Rekrutierung erzählt haben – ein grober Verstoß gegen alle Regeln des Metiers. Wollten die zuständigen Geheimdienstler mit der Festnahme vielleicht wirklich nur eine Fehleinschätzung, einen Rekrutierungsfehler ungeschehen machen?

Auch wenn man in Betracht zieht, dass nach den überraschenden Enthüllung der Polizei von Dubai zum Mord an al-Mabhouh bei einigen Beteiligten möglicherweise die Nerven blank lagen, ist das nicht leicht zu glauben.

Sorge um Kontaktpersonen des Agenten

Es ist schließlich kein Geheimnis, dass der Mossad auf authentische ausländische Pässe angewiesen ist für seine Aktionen. Als bekannt wurde, wie sich ein an dem Mord von al-Mabhouh beteiligter Agent in Deutschland einen Pass erschlichen hatte, tat die Bundesregierung alles, um die Angelegenheit möglichst schnell aus der Welt zu schaffen.

Warum sollten die ebenfalls mit Israel befreundeten Australier da anders handeln? Schließlich muss man auch in Canberra gewusst haben, dass die Veröffentlichung der Agentennamen potentiell tödliche Folgen für Quellen und Kontaktpersonen der Agenten in den von ihnen bereisten Ländern haben kann und ein ganzes Netz von Informanten zerstören kann.

Denn mit Sicherheit sind die Geheimdienste des Iran und anderer betroffener Länder längst damit beschäftigt, jene "Geschäftspartner" auf Herz und Nieren zu überprüfen, mit denen die vorgeblichen Herren Allen und Burrows auf ihren Reisen zusammengetroffen waren. Eine größere Katastrophe ist für einen Geheimdienst kaum denkbar.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Promi-Newsflash U2-Sänger schwer verletzt
Sebastian Vettel "Mein Ziel ist, an die Spitze zurückzukommen&…
Jerusalem Trauerfeier nach Anschlag auf Synagoge
Chris Hemsworth ist der "Sexiest Man Alive" "Sexiest Man Alive"
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Sega

Mauritius törnt sich mit Tanz und Sega an

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote