16.02.13

Kloster im Vatikan

So sieht das neue Zuhause Joseph Ratzingers aus

Der jetzige Papst Benedikt XVI. wird nach seinem Rücktritt in das Klausurkloster Mater Ecclesiae im Vatikan umziehen. Machen Sie mit der "Welt" einen virtuellen Rundgang durch Ratzingers Ruhesitz.

Von Paul Badde

Joseph Ratzinger sei "a Mentsch", hieß es nach seiner Wahl vor acht Jahren in der "Welt". Treffender als mit diesem jiddischen Ausdruck, in dem Güte, Witz und Menschlichkeit zu einem Amalgam verschmelzen, lässt sich der Papst auf Abruf wahrscheinlich auch heute kaum charakterisieren. Doch jetzt wird der "Mentsch" ein Mönch. Und das ist nur noch unerhört und beispiellos. Doch nicht ganz und gar unerklärlich.

"Die Lebensform der kontemplativen Klöster ist im mystischen Leib Christi die Herzmitte der Kirche", erklärte Benedikt XVI. 13 Dominikanerinnen am 24. Juni 2010 am Rand Roms. Er hatte die Nonnen in der "Klausur" ihres Rosenkranzklosters auf dem Monte Mario besucht, wo sie seit Eintritt in den Orden freiwillig verschlossen sind, um - hinter Gittern! - nur noch für Gott zu leben und zu sterben. "Wie das Herz das Blut zirkulieren lässt und den ganzen Leib am Leben erhält", führte der Papst weiter vor ihnen aus, "so trägt euer verborgenes Leben mit Christus im Gebet dazu bei, die Kirche zu stützen. Ihr seid ein Werkzeug des Heils für alle Menschen, die der Herr mit seinem Blut erlöst hat."

Es war, als hätte er damals mit wenigen Worten das Ziel umrissen, dem auch er für den Rest seiner Pilgerreise folgen will, wenn er bald vom obersten Stock seines apostolischen Palastes in ein kontemplatives Kloster umzieht, um sein Leben nun selbst in einer der Herzkammern der katholischen Kirche zu beenden und vollenden.

Schritt auf den Gottesberg des Gebets

In diesem Sinn ist sein spektakulärer Schritt kein Rücktritt, sondern ein Schritt voran und hinauf, auf den Gottesberg des christlichen Gebets. Dafür wird er weder Rom noch den Vatikan verlassen. Den Priestern Roms sagte er zum Abschied am Donnerstag: "Hier werde ich immer bei euch sein, nur im Verborgenen, wenn ich im Gebet zurückgezogen sein werde. Der Herr siegt. Ich werde verborgen sein."

Das Haus, in das der alte Priester eintritt, wenn er seine prachtvollen Papstgewänder wieder abgelegt hat, hat Papst Johannes Paul II. am 13. Mai 1994 innerhalb der Vatikanischen Gärten gestiftet, um hier das Gebet für die Kirche, den Papst und die Kurie nie mehr enden zu lassen. Er hat es Mater Ecclesiae (Mutter der Kirche) genannt, wie das Wappen, das der Papst aus Polen damals auch als Mosaik über dem Petersplatz anbringen ließ, nachdem ihm bewusst geworden war, dass sich in dem barocken Bildprogramm des Platzes unter seinem Fenster - mit den zahllosen Heiligen aus der Schule Berninis - kein einziges Bild der Muttergottes befand. Namenspatronin der "Mutter der Kirche" ist ein altes, verehrtes Fresko auf einer Säule der Vorgängerbasilika des Petersdoms von Kaiser Konstantin (270–337).

Bester Schutz vor neugierigen Augen

Das letzte Heim des ehemaligen Papstes ist ein unspektakulärer Bau, der nicht hinter einer eigenen Mauer liegt, sondern von den mächtigen Leoninischen Mauern geschützt wird, die Papst Leo IV. (790–855) schon im neunten Jahrhundert errichten ließ, um den schutzlosen Vatikanhügel vor den Angriffen marodierender Sarazenen zu schützen.

Besser als hier kann Joseph Ratzinger nach seinem Rücktritt vom Amt des Papstes nirgendwo vor neugierigen Augen und Ohren geschützt werden. Hierhin versperren die Schweizer Gardisten und die Gendarmerie des Vatikanstaates alle Zugänge auf eine Weise, wie es an keinem anderen Ort der Erde möglich wäre.

Jetzt muss der Komplex für seinen Umzug nur noch entsprechend umgebaut werden, was wohl noch einige Monate dauern kann – in denen er sich noch ein letztes Mal in Castel Gandolfo aufhalten wird. Das Heim, das danach auf ihn wartet, hat vier verschiedene Ordensgemeinschaften schon nacheinander beherbergt. Jetzt müssen hier viele Einzelheiten für den letzten Lebensabschnitt und Aufenthalt Joseph Ratzingers noch geklärt und studiert werden.

Denn einen richtigen Präzedenzfall gibt es für einen solchen Schritt ja noch nicht, auch nicht mit der Abdankung Gregor XII. (1415) oder dem Rücktritt Coelestin V. (1294). Selbst sein Grabstein ist noch ungewiss. In L'Aquila, wo der heilige Coelestin V. begraben liegt, steht auf der Grabplatte des Einsiedlerpapstes: "In diesem Grab ruht Petrus, der sich als Papst Coelestin nannte."

Normale Schuhe und schwarze Soutane

Joseph, der sich als Papst Benedikt XVI. nannte, wird nach der weißen Phase seines Lebens und den roten Schuhen wieder normale Schuhe tragen (vielleicht von seinem Schuhmacher Antonio Arellano aus Peru in der Via del Falco im Borgo, der ja immer noch seine Maße und seinen Leisten hat) und wieder eine schwarze Soutane, vielleicht – an Festtagen – mit roten Bordüren.

Er wird wohl auch sein altes Brustkreuz wieder tragen, und in der Hierarchie der Kurie den Rang eines ehemaligen Bischofs von Rom einnehmen. Doch das sind – im "Verborgenen", in dem er dann ja leben will – alles zweitrangige Fragen. Er wird sich in kuriale Fragen nicht mehr einmischen und erst recht nicht in machiavellistische Machtspiele oder in die Rankünen auf den Fluren des Vatikans, deren Gewisper er so lange ertragen hat. Für seine Feinde hat er bisher schon gebetet.

Jetzt will er mit seiner letzten Kraft für Feinde und Freunde beten wie nie zuvor. Gar nicht zweitrangig ist, wer ihn dabei begleiten wird. Erzbischof Gänswein, sein Sekretär, wird zunächst bei ihm bleiben, auch die Memores Domini, die vier Schwestern, die schon den päpstlichen Haushalt betreut und verwaltet haben.

Doppelbelastung für Gänswein

Wie und wie lange Georg Gänswein, der seit dem 6. Januar auch noch Präfekt des Päpstlichen Hauses ist, die komplizierte und hoch differenzierte Doppelaufgabe dann noch bewältigen kann, werden die nächsten Monate erweisen.

Sicher ist jetzt nur, das letzte Kloster Joseph Ratzingers ist der verborgene Ort einer Sehnsucht, den er vor Augen hatte, als er am letzten Montag seine Rücktrittserklärung mit den Worten beendete: "Was mich selbst betrifft, so möchte ich auch in Zukunft der heiligen Kirche Gottes mit ganzem Herzen durch ein Leben im Gebet dienen." Mit dieser Wendung vom Papstthron in eine selbst gewählte Zelle geht er auf einzigartige Weise in die Geschichte ein.

Das Kloster Mater Ecclesiae, in das er bald umziehen wird, zeigt aber auch: Benedikt XVI. geht mit seinem Rücktritt nicht zurück. Er wird nicht wieder Präfekt der Glaubenskongregation oder Erzbischof von München und Freising oder Professor. Er wird Mönch. Das ist und bleibt unglaublich.

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