15.02.13

Globale Sicherheit

Extremereignisse können Staaten ins Wanken bringen

Ob Stürme, Fluten, Beben oder Vulkanausbrüche. Forscher warnen: Extremereignisse infolge des Klimawandels sowie Naturkatastrophen könnten künftig selbst reiche Gesellschaften destabilisieren.

Foto: Infografik Die Welt

Weltweit steigen die Kosten für Naturkatastrophen. Wer Welt-Risiko-Bericht aus dem vergangenen Jahr zeigte bereits, dass das Ausmaß der Folgen durch Naturkatastrophen heute in starkem Maße davon abhängt, in welcher gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Situation sich ein ein Land befindet
Weltweit steigen die Kosten für Naturkatastrophen. Wer Welt-Risiko-Bericht aus dem vergangenen Jahr zeigte bereits, dass das Ausmaß der Folgen durch Naturkatastrophen heute in starkem Maße davon abhängt, in welcher gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Situation sich ein ein Land befindet

Klimatische Extremereignisse und ihre Folgen können nach Ansicht von Experten in Zukunft ganze Staaten ins Wanken bringen. "Große Stürme können Städte zerstören und Hungerkatastrophen ganze Gesellschaften", sagte der Hamburger Klimaforscher Jürgen Scheffran. Revolten und Bürgerkriege hätten dann das Potenzial, ganze Weltgegenden zu destabilisieren.

Der Professor und Leiter der Forschungsgruppe Klimawandel und Sicherheit an der Universität Hamburg referierte bei einem wissenschaftlichen Symposium der Volkswagenstiftung im neu erbauten Schloss Herrenhausen in Hannover.

Laut Scheffran treffen große Naturkatastrophen vielfach die ärmeren Regionen der Welt. Zum einen lägen diese oftmals in trockenen oder tropischen Gebieten, in denen auch bestimmte Formen von Extremereignissen häufig auftreten.

"Zum anderen haben Länder mit niedrigem Entwicklungsniveau meist weniger Reaktionsmöglichkeiten", erläuterte der Forscher. Dies lasse die Opferzahlen und die Schäden weitaus stärker steigen als etwa in Ländern mit besser organisierten Schutz- und Notfallsystemen.

Neben den direkten Folgen solcher Katastrophen sieht der Hamburger Professor vor allem die Gefahr, dass gesellschaftlich wichtige Einrichtungen und Ressourcen vernichtet werden: "Wenn ein extremes Naturereignis Landwirtschaft und Umwelt eines Landes so stark zerstört, dass die Ernährung zusammenbricht, dann kann es auch zu sozialen Extremereignissen kommen."

Fukushima-Katastrophe als Beispiel

Aber auch reiche Gesellschaften können durch Naturkatastrophen zumindest lokal stark in Mitleidenschaft gezogen werden, wie etwa die Fukushima-Katastrophe oder die Zerstörung der Stadt New Orleans durch den Wirbelsturm "Katrina" zeigten.

"Wenn es keine koordinierte Reaktion von Staatsseite gibt, sind auch die Menschen entwickelter Länder einer Katastrophe einfach ausgeliefert." Auch ein Hochwasser am Rhein könne ein solches Ereignis sein.

Scheffran zufolge hat die Wissenschaft große Fortschritte bei der Vorhersage von Katastrophen gemacht. Welche Variablen ein System wann genau kippen ließen, wurde etwa bei Vulkanausbrüchen oder Erdbeben jedoch bis heute noch nicht genau verstanden, erläuterte der Physiker.

Für die Zukunft sieht Scheffran weitere klimatische Gefahrenquellen vor allem im Abrutschen von Gletschern am Nord- und Südpol sowie im raschen Auftauen der methanhaltigen Böden in Sibirien und Kanada.

UN-Sicherheitsrat befasst sich mit Risiken

Vor Gefahren für Frieden und Sicherheit in der Welt durch den fortschreitenden Klimawandel warnt auch der Leiter des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Hans Joachim Schellnhuber.

"Wenn der Ausstoß von Treibhausgasen nicht verringert wird, begibt sich die Menschheit auf den Weg in eine ungewisse Zukunft", erklärte Schellnhuber im Vorfeld von Beratungen der Mitglieder des UN-Sicherheitsrats über die mit der Erderwärmung verbundenen potenziellen Bedrohungen.

"Aus der Sicht des Wissenschaftlers ist der Klimawandel ein Multiplikator für Risiken, sie nehmen um ein Vielfaches zu", warnte Schellnhuber. Als Beispiele verwies er auf den Anstieg des Meeresspiegels, der die Gefahr von Überflutungen erhöhe oder auf Störungen des Monsun-Wettersystems.

Kipp-Prozesse in den internationalen Beziehungen

Auch im Amazonas-Regenwald könnte es drastische Änderungen geben, wenn bestimmte Schwellenwerte der Erwärmung überschritten werden. "Dies könnte wiederum Kipp-Prozesse in den internationalen Beziehungen auslösen", etwa durch den Wettbewerb um natürliche Ressourcen, erklärte Schellnhuber weiter.

Das UN-Treffen wurde von den Ratsmitgliedern Großbritannien und dem zuletzt stark von Flutkatastrophen betroffenen Pakistan einberufen. Schellnhuber ist der einzige Wissenschaftler, der zu den Beratungen hinzugezogen wird.

Diskutiert werden sollen unter anderem Auswirkungen des Klimawandels auf Ernährungssicherheit und Wasserversorgung sowie mögliche Migrationsbewegungen größerer Bevölkerungsgruppen über Grenzen hinweg. In den vergangenen Jahren hatte der Sicherheitsrat bereits zweimal über Gefahren des Klimawandels beraten, je einmal auf Antrag Großbritanniens und Deutschlands.

Ernährungssicherheit und Trinkwasserzugang bedroht

"Bei ungebremstem Emissionsausstoß drohen die Risiken des Klimawandels zu eskalieren", warnte auch der Politische Geschäftsführer der Organisation Germanwatch, Christoph Bals, angesichts der UN-Beratungen. Dabei seien besonders die ärmsten Entwicklungsländer den Risiken im Hinblick auf Ernährungssicherheit und Trinkwasserzugang schutzlos ausgesetzt.

"Die wachsenden Sicherheitsrisiken durch den Klimawandel lassen sich nicht militärisch, sondern einerseits durch Energieeffizienz und erneuerbare Energien, andererseits durch Anpassungsmaßnahmen vor Ort eindämmen", mahnte Bals.

Quelle: epd/AFP/oc
Foto: picture-alliance / akg-images

Der berühmteste Vulkanausbruch der Geschichte: 79 n. Chr. verschüttete der Vesuv die Städte Pompeji und Herculaneum. Der Naturforscher Plinius fand dabei den Tod – nach P. H. de Valenciennes (1813).

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