14.02.13

Atomtest

Chinas Geduld mit Nordkorea ist am Ende

Nordkoreas Atomtest empört die Chinesen – verliert die Diktatur auch den letzten Verbündeten? Während Südkorea über Präventivschläge nachdenkt, wächst in China die Angst vor Strahlenschäden.

Foto: Johnny Erling

Chinesische Zeitungen demonstrieren mit ihrer Aufmachung Zorn über den Unruhestifter Nordkorea: Die „Beijing Times“ zeigt eine farbige Reliefkarte von Nordkorea als Land voller Atomanlagen
Chinesische Zeitungen demonstrieren mit ihrer Aufmachung Zorn über den Unruhestifter Nordkorea: Die "Beijing Times" zeigt eine farbige Reliefkarte von Nordkorea als Land voller Atomanlagen

Hat Nordkoreas junger Machthaber Kim Jong-un mit dem Atomtest zu hoch gepokert? Lässt ihn sein letzter politischer Verbündeter China nun auch fallen? Die Fragen sind nicht mehr abwegig, seit weltweit über einschneidende Sanktionen beraten wird, die das isolierte Regime zur Umkehr zwingen sollen.

Pjöngjang kann nicht mehr auf Peking bauen, wenn es darum geht, neue See- und Landblockaden zu entschärfen. Chinas Außenministerium hatte Nordkoreas Atomtest "entschieden verurteilt", aber scheinbar gezögert, den Stab vollends zu brechen. Es rief alle Staaten auf, weiterhin "einen kühlen Kopf zu bewahren und auf dem Verhandlungsweg nach Lösungen zu suchen".

Vielen Beobachtern entging jedoch eine wichtige Nuance in Chinas Antwort: Anders als in seinen Reaktionen auf frühere Atom- und Raketentests Nordkoreas fehlte diesmal der Schluss-Satz: "Peking wird sich dafür einsetzen."

Dieser Satz bedeutete stets eine Rückversicherung für Pjöngjang, dass es mit den Sanktionen nicht so schlimm kommen wird. Jetzt aber will China, das größter Energielieferant und Handelspartner Nordkoreas ist, Pjöngjang offenbar nicht mehr aus der Patsche helfen.

Chinesen empört über das Kim-Regime

Die Regierung reagiert nicht nur auf weltweiten Druck, wenn sie Nordkorea nicht mehr in Schutz nimmt. Auch innerhalb Chinas wachsen Wut und Ungeduld über die Nachsichtigkeit mit Nordkoreas Führer, der mit seinen Atomtests die Interessen des Landes und die Gesundheit des Volkes aufs Spiel setzt.

Selbst die parteiloyale "Global Times" warnte auf ihrer Website die eigene Führung: China müsse diesmal nicht nur harte Sanktionen unterstützen, sondern rechtzeitig an seinen Grenzen für Schutzmaßnamen sorgen, falls in Nordkorea Chaos ausbricht und es zu größeren Fluchtbewegungen kommt. "Wir hoffen nicht, dass so etwas passiert. Wir müssen aber vorbereitet sein."

Nordkoreas Strategen haben sich mit ihrem Atomtest so sehr ins Abseits manövriert, dass sich selbst der Iran distanzierte und Verbündete wie China sich abwenden. Mikroblogs, die die Zensur nicht streicht, wüten gegen das Kim-Regime und auch gegen die Pekinger Regierung, falls sie weiterhin auf "verlogene Solidarität" setzt.

Offiziell gibt es keine erhöhte Strahlung

Tausende Menschen bedrängten zudem das Umweltministerium mit kritischen Fragen zu Strahlungsschäden.

Die Messämter gaben am Donnerstag die Ergebnisse von 150 Kontrollstellen bekannt. Pjöngjangs Atomtest soll keine zusätzliche Verseuchung in den Grenzgebieten verursacht haben, wurde da versichert. Die Nervosität der Bevölkerung ist gut nachzuvollziehen: Manche Grenzregionen sind nur 100 Kilometer vom nordkoreanischen Testgebiet entfernt.

Mobile Teams hätten 24 Stunden lang Chinas Nordosten intensiv kontrolliert sowie Proben von Wasser und Boden genommen, gab das Umweltamt bekannt. Nirgendwo sei erhöhte Strahlung gemessen worden. Zahlreiche Blogger blieben jedoch skeptisch. "Wir hoffen, dass das wahr ist und nicht aus ideologischen Gründen geschönt wurde."

Südkorea rüstet Raketenarsenal auf

Nordkoreas Atomtest droht derweil ein Aufrüstungsrennen in der asiatisch-pazifischen Region anzufachen. Besonders Südkorea rüstet sich gegen den unberechenbaren Nachbarn.

Um die Kampfbereitschaft des Militärs zu demonstrieren, ordnete die Regierung in Seoul am Donnerstag Land-, Luft- und auch Seemanöver in enger Abstimmung mit den USA an, meldete die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap. Bereits 24 Stunden nach der Zündung der Atomwaffe hatte Südkoreas Regierung begonnen, Cruise-Missiles an der Grenze zum Norden aufstellen zu lassen.

Der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Kim Min-seok, sagte, dass Südkorea jetzt auch "rascher als geplant ballistische Raketen mit einer Reichweite von 800 Kilometern entwickeln wird". Zugleich werde es auch sein eigenes Raketenabwehrsystem aufbauen.

Seoul und Washington rücken näher zusammen

Nordkoreas Handlungen würden die USA tiefer in das asiatische Geschehen hineinziehen, schrieb unterdessen die Nachrichtenagentur Xinhua alarmiert. Sie verwies auf Obamas Regierungsansprache, bei der er sagte: " Die USA stehen fest an der Seite ihrer Verbündeten, verstärken ihre eigene Raketenabwehr und führen die Welt dabei an, mit entschiedenen Handlungen auf solche Bedrohungen zu reagieren."

Seither habe Obama Südkorea und Japan erneut Beistand der USA zugesichert und sie ausdrücklich auch unter den Schirm des US- Nuklearschutzes gestellt. "China Daily", die als eine der wenigen Zeitungen am Donnerstag erschien, schrieb, dass Nordkorea den USA "die Entschuldigung verschaffte, mit ihrem Militär in der asiatischen Region aufzutrumpfen".

Seit dem Koreakrieg (1950 bis 1953) sind Südkorea und die USA, die noch 28.500 US-Soldaten im Land stationiert haben, über einen Beistandspakt verbunden. Die neue atomare Bedrohung lässt beide Staaten enger zusammenrücken.

Beratungen über mögliche Präventivschläge

Hohe Beamte ihrer Verteidigungsministerien und Militär-Fachleute vereinbarten inzwischen neue Abwehrmaßnamen, meldete zudem Südkoreas Nachrichtenagentur Yonhap.

Auf einem am 21. Februar in Washington geplanten Treffen wollen sie auch erörtern, unter welchen Bedingungen sie Pjöngjangs fortwährenden Atomtests durch Präventivschläge gegen die Nuklearanlagen des Nordens zuvorkommen sollten.

Hintergrund für solche Planspiele waren Nordkoreas Bekundungen, dass es in seinem dritten Atomtest eine "kleinere, leichtere Atomwaffe mit größerer Sprengkraft" zündete, die "auch physikalisch die vielfältige koreanische Atommacht" unter Beweis stelle.

Pentagon-Chef spricht von "Bedrohung"

Beobachter interpretierten diese kryptischen Äußerungen als Hinweise, dass Pjöngjang erstmals eine Atomwaffe auf Basis von angereichertem Uran und in miniaturisierter Größe testen konnte.

Experten in Südkorea konnten beide Vermutungen noch nicht bestätigen. Falls sie aber zutreffen, würden sie Nordkorea nicht nur erlauben, seine Langstreckenraketen atomar zu bestücken und bis zu 10.000 Kilometer entfernte Regionen, darunter auch die Westküste der USA, zu bedrohen. Sie würden auch die Proliferationsgefahr erhöhen, da waffenfähiges Uran leichter transportierbar ist.

US-Verteidigungsminister Leon Panetta nannte Nordkorea auf einer Pressekonferenz des Pentagons eine "Bedrohung" für die USA, ihre Interessen in Nordostasien und ihre Bündnispartner.

Selbst China und Japan nähern sich einander an

Eine gute Seite scheint der Atomtest Nordkoreas zu haben: Überraschend bringt er die über ihre Territorialansprüche auf die Inselgruppe Diaoyu – auf Japanisch Senkaku – im Ostchinesischen Meer tief zerstrittenen Nachbarn China und Japan wieder zusammen.

Der Asien-Beauftragte im Tokioter Außenministerium, Shinsuke Sugiyama, fährt kommende Woche nach dem Ende des chinesischen Frühlingsfestes nach Peking, um mit Chinas Unterhändler für Nordkorea, Wu Dawei, über die Lage nach dem Atomtest zu beraten.

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