13.02.13

Generalaudienz

Der scheidende Papst ist gerührt von so viel Liebe

In Rom empfängt Benedikt XVI. Tausende zur Generalaudienz – der erste große Auftritt seit der Rückzugserklärung. Angesichts des herzlichen Empfangs steht ihm die Erleichterung ins Gesicht geschrieben.

Von Paul Badde
Quelle: Reuters
13.02.13 1:15 min.
Der Papst hat sich bei einer Generalaudienz zum ersten Mal nach seiner Rücktrittsankündigung in der Öffentlichkeit gezeigt. Er bat die Gläubigen in der Audienzhalle, für den neuen Papst zu beten.

Countdown eines Pontifikats. Vor der Engelsburg haben Sender aus aller Welt ihre Übertragungswagen so aufgebaut, als würden sie hier einem Abflug zum Mars beiwohnen. Doch der Abschied Benedikts XVI. aus seinem Amt ist kein Raketenstart. Er folgt dem Kalender des Kirchenjahres mit seinen festen Regeln. Bis Ostern ist vom Aschermittwoch an kein Halleluja mehr im Vatikan zu hören.

In Roms Herbergen stehen die Telefone kaum still. Aus allen Kontinenten strömen Pilger in die winterhelle Stadt, wo sie den Papst aus Deutschland ein letztes Mal persönlich erleben wollen – und sei es auch nur aus der Ferne. Für seine vorletzte Generalaudienz platzt die moderne Nervi-Halle neben dem deutschen Campo Santo schon Stunden vorher aus allen Nähten. Über Nacht hat plötzlich jedes seiner letzten Worte als Papst Vermächtnischarakter angenommen.

Doch er betritt den Saal wie immer. Er kommt von links auf die Bühne, wie immer in Weiß und nicht mit der roten Samt-Mozetta und der päpstlichen Stola, in der er den Kardinälen am Montag seinen Rücktritt verkündet hat. Ein vorletztes Mal tritt er noch einmal als Lehrer vor die Welt, mit kurzen tastenden Schritten und gefalteten Händen.

Großer Applaus empfängt ihn, der gar nicht mehr zur Ruhe kommen will, als er sich auf seinem Lehrstuhl niederlässt. Er schaut scheu lächelnd in die Menge zurück – wie immer – als könnte er immer noch nicht fassen, dass die "signori cardinali" ihn vor bald acht Jahren zum Nachfolger Petri gewählt haben.

Im Applaus muss er mehrmals ansetzen

Hier – in der Aula Nervi – sprach er damals danach vor Gästen aus Deutschland auch von der "Guillotine", die er mit der Wahl auf sich zurasen sah. Jetzt steht ihm hier eine leise Erleichterung ins Gesicht geschrieben – auch vor der Freude der Pilger, dass der Kopf des Papstes immer noch auf seinem Hals ruht. "Liebe Brüder und Schwestern!", redet er sie persönlich an und muss in dem Applaus mehrmals ansetzen.

Er lässt das Manuskript sinken, hebt und dreht seine rechte offene Hand zur Höhe, wie er es schon als Professor vor seinen Studenten gemacht hat, und wendet sich persönlich an die Menge: "Danke, danke für eure Zuneigung in diesen für mich nicht einfachen Tagen! Und Dank für eure Gebete zu meiner Unterstützung, die ich in diesen Tagen fast körperlich wahrgenommen habe."

Dann nimmt er den Text auf und liest in seinem bayerischen Italienisch, das viele Römer schon jetzt zu vermissen beginnen, die ihn vom ersten Tag an als einen der ihren in ihr Herz geschlossen hatten: "Wie ihr wisst, habe ich mich dazu entschlossen, auf das Amt, das mir der Herr am 19. April 2005 anvertraut hat, zu verzichten. Ich habe dies in voller Freiheit zum Wohl der Kirche getan, nachdem ich lange gebetet und vor Gott mein Gewissen geprüft habe. Ich bin mir des Ernstes dieses Aktes sehr bewusst, aber ich bin mir ebenso bewusst, nicht mehr in der Lage zu sein, das Petrusamt mit der dafür erforderlichen Kraft auszuüben."

"Benedetto, Benedetto", rufen die Römer

Und weiter erklärt der scheidende Papst: "Mich trägt und erleuchtet die Gewissheit, dass es die Kirche Christi ist und der Herr es ihr nie an seiner Leitung und Sorge fehlen lassen wird. Ich danke euch allen für die Liebe und für das Gebet, mit dem ihr mich begleitet habt. Danke! Ich habe in diesen für mich nicht leichten Tagen gleichsam physisch die Kraft des Gebets verspürt, die mir die Liebe der Kirche, euer Gebet bringt. Betet weiter für mich, für die Kirche und für den kommenden Papst. Der Herr wird uns leiten." Applaus unterbricht ihn wieder. "Viva il Papa! Benedetto, Benedetto!"

Dann beginnt er mit der 347. Katechese seines Pontifikats, und es wird still in der riesigen Halle. Natürlich redet er – wie an jedem Aschermittwoch – über die Fastenzeit und erinnert dabei an das 40-tägige Fasten Jesu in der Wüste, das aber nicht von einem befreienden Osterfest gekrönt wurde, sondern von einer Begegnung mit dem Satan, der dem ausgehungerten Heiland am Schluss von dessen Exerzitien als Versucher entgegentritt.

"Wie geht der Teufel bei dieser Versuchung vor?", fragt er. Der Satan habe Jesus zunächst aufgefordert, er möge befehlen, dass aus Steinen Brot wird. Dann versprach er ihm Macht auf dieser Erde. Schließlich schlug er Jesus vor, er möge sich von der Zinne des Tempels stürzen und dabei die Leute durch eine märchenhafte Rettung ins Staunen versetzen.

"Was ist der Kern der drei Versuchungen?", fragt der Papst in seiner vorletzten Lektion und antwortet selbst: "Der Kern ist: Gott für die eigenen Interessen, für den eigenen Erfolg zu instrumentalisieren, letztlich sich selbst an die Stelle Gottes zu setzen." Umkehr bedeute hingegen, die rechte Ordnung anzuerkennen, "Gott den richtigen, das heißt den ersten Platz zu geben".

Die Gottesfrage über allen anderen Fragen

Es ist das Kernthema seines Pontikats, das er hier noch einmal anschlägt: die Gottesfrage über allen anderen Fragen. Heute sei es unmöglich, fährt er fort, Christ nur noch deshalb zu sein, weil wir zufällig in einer Gesellschaft leben würden, die christliche Wurzeln habe. Auch alle Getauften und alle Kinder christlicher Familien und Schüler christlicher Schulen und Lehrer müssten heute jeden Tag ihre Entscheidung erneuern, bewusst Christ zu sein, "und Gott immer wieder neu den ersten Platz einräumen angesichts der Versuchungen, vor die uns die säkularisierte Kultur ständig stellt angesichts des kritischen Urteils vieler Zeitgenossen". Christen dürfen sich nicht von der Säkularisierung verschlingen lassen.

In dieser Situation bedeute Umkehr, "sich nicht in der Sorge und Suche nach dem eigenen Erfolg, Prestige oder Stellung zu verschließen". Diese Alternative stelle Christen heute auch immer wieder neu vor die Alternative des Versuchers in der Wüste.

Es sei die Wahl, sich im Egoismus zu verschließen oder auf Gott hin zu öffnen – wie Paulus und Augustinus in der Wüste oder im letzten grauenhaften Jahrhundert so verschiedene Charaktere wir der russische Wissenschaftler Pawel Florenski, die Holländerin Etty Himmesun, die als Jüdin in Auschwitz ums Leben gekommen ist, oder die Amerikanerin Dorothy Day.

Dann lächelt er wieder in den Applaus hinein, der ihn am Schluss wieder wärmer umfängt. Er bedankt sich bei Kindern, die ihm ein "Te Deum" gesungen haben, für dieses ihm "so besonders liebe Lied".

Eine Stunde nach der Audienz hat er wieder einen Tweet abgesetzt, natürlich auf Latein: "Quadragesimae hoc quod iam inimus tempore nostrum conversionis officium redintegramus studiumque plus nempe Deo spatii tribuendo. (In der Fastenzeit, die wir nun beginnen, erneuern wir unseren Vorsatz zur Umkehr und wollen Gott Raum geben)".

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