12.02.13

Atomstreit

Wie Kim Jong-un seine letzten Verbündeten verprellt

Nordkoreas dritter Atomtest erntet einhellige Empörung – sogar in China. Der UN-Sicherheitsrat verurteilt das Vorgehen und berät über neue Sanktionen. Das Regime droht mit weiteren Tests.

Foto: AFP

Der Grundsatz „Das Militär kommt zuerst“ werde auch weiter gelten, verkündete Nordkorea nach dem Atomtest. Dieses offizielle Foto zeigt Diktator Kim bei einem Truppenbesuch im vergangenen Jahr.
Der Grundsatz "Das Militär kommt zuerst" werde auch weiter gelten, verkündete Nordkorea nach dem Atomtest. Dieses offizielle Foto zeigt Diktator Kim bei einem Truppenbesuch im vergangenen Jahr.

Nordkoreas Militärführer haben sich nach ihrem dritten unterirdischen Atomtest in der asiatisch-pazifischen Region stärker isoliert, als sie vermutlich annahmen. Das Regime in Pjöngjang brachte erstmals eine internationale Ablehnungsfront gegen sich zusammen. Die USA und Japan gehören ihr an, die Staaten Europas, aber auch Nordkoreas einzig verbliebene politische Verbündete Russland und China.

Mit dem Test habe Pjöngjang wiederholt gegen Resolutionen des Weltsicherheitsrates verstoßen, sagte ein Sprecher des russischen Außenministeriums. Chinas Außenminister Yang Jiechi bestellte Nordkoreas Botschafter ein, um ihm seine "entschiedene Verurteilung" des Tests mitzuteilen. Allerdings warnte das Außenministerium die internationale Gemeinschaft, die Tür zu Sechs-Parteien-Gesprächen nicht zu verschließen.

Doch die Chinesen wissen nur zu genau, dass es nicht die Amerikaner waren, die diese Gespräche abbrachen. Im Januar hatte zuerst Pjöngjang die von Peking einst initiierten Verhandlungen über sein Atomprogramm mit den fünf anderen Teilnehmern Südkorea, Japan, China, USA und Russland in Bausch und Bogen verworfen. Dann verkündete es auch seinen Ausstieg aus dem seit 20 Jahren bestehenden Grundlagenkonsens, die koreanische Region zu einer atomwaffenfreien Zone machen zu wollen.

"Wir erklären die 1992 verabschiedete gemeinsame Deklaration zur Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel für Null und Nichtig und für komplett ungültig", so zitiere Nordkoreas amtliche Nachrichtenagentur KCNA damals das staatliche "Komitee zur friedlichen Wiedervereinigung des Vaterlands".

Chinesische Blogger sehen darum nun gerade Peking in einem besonderen Dilemma: Nordkoreas dritter Atomtest sei der Knall, mit dem es gegenüber China seine Tür zuschmettere. Mit dem Zeitpunkt des Atomtests mitten im einwöchigen chinesischen Frühlingsfest brüskiere das Regime des 28 Jahre alten Kim Jong-un die chinesische Führung doppelt. In Volkes Meinung ist Nordkorea längst unten durch.

Pjöngjang droht mit weiteren Tests

Doch wenn es in Pjöngjang Besorgnis über das internationale Echo auf den Test gab, dann ließ man sich davon zumindest nichts anmerken. Die Führung reagierte im Gegenteil mit neuen Drohungen. Während in New York der UN-Sicherheitsrat tagte, drohte Nordkorea weitere Tests an.

In einer schriftlichen Erklärung des nordkoreanischen Außenministeriums, welche die südkoreanische Nachrichtenagentur Yonhap zitierte, hieß es, man werde noch mehr Test unternehmen, wenn die USA mit Strafaktionen auf den jüngsten Atomtest antworten sollten. Dieser sei eine "Selbstschutzmaßname" gegen die USA gewesen und solle den Zorn von Armee und Volk Nordkoreas über die "kriminelle Feindschaft" der Amerikaner zum Ausdruck bringen sowie die technologischen Fähigkeiten des Landes und sein Festhalten an dem Grundsatz "Das Militär kommt zuerst".

Zwei Stunden nach der Detonation um 10.57 Uhr lokaler Zeit hatte die KCNA triumphierend den "Erfolg" des unterirdischen dritten Atomtests gemeldet. In den Fernsehnachrichten verlas ein Sprecher vor wehender nordkoreanischer Flagge die Jubelmeldung.

Die Detonation im gebirgigen Atomtestgebiet Punggye, wo Pjöngjang schon 2006 und 2009 Bomben testete, sei "in sicherer Weise und ohne Schaden für die Umgebung" getestet worden. Die Bombe sei ein "neuartiger, kleinerer und leichterer Typ, aber mit größerer Explosivkraft" als die Vorgänger.

Ein Drittel der Hiroshima-Bombe

Nordkorea machte keine Angaben, ob seine Bombe auf Basis von Plutonium, oder erstmals mit hochangereichertem Uran hergestellt wurde. Russische und südkoreanische Experten schätzten die Stärke auf sechs bis sieben Kilotonnen. Das entspricht etwa einem Drittel der Zerstörungskraft der Atombomben von Hiroshima und Nagasaki.

Wegen der geringen Stärke schlossen die Fachleute Uran aus, oder unterstellten einen teilweise missglückten Versuch. Nordkorea verfügt über Langstreckenraketen, die bis zur Westküste der USA fliegen können.

Wenn der isolierte Staat sie atomar bestücken könnte, würde er erstmals zur direkten Bedrohung für alle Weltegionen werden. Amerikas Präsident Barack Obama verdammte den Atomtest als "hoch provokativ" und forderte "rasche und glaubwürdige Aktionen" gegen Nordkorea durch die internationale Gemeinschaft.

Seoul versetzte die Armee in Alarmbereitschaft

Die Regierung in Seoul wartete nach der Detonation nur eine knappe Stunde ab. Dann war sie sicher, dass die Stärke 4.9, die südkoreanische Messgeräte anzeigten, nicht von einem Erdbeben stammten, und versetzte das Militär in Alarmbereitschaft. Südkorea, das derzeit turnusmäßig den 15-köpfigen UN-Sicherheitsrat leitet, berief eine Dringlichkeitssitzung ein.

Der Sicherheitsrat verurteilte am Dienstagabend den Test als "eindeutige Bedrohung des internationalen Friedens und der Sicherheit" und kündigte an, "sofort" Beratungen über weitere "Maßnahmen" aufzunehmen. Nach Angaben von Diplomaten könnte es sich dabei um eine weitere Resolution oder neue Sanktionen handeln.

Auch Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) forderte eine "klare Haltung der internationalen Gemeinschaft mit weiteren Sanktionen" und will Nordkorea auch zum Thema des EU-Außenministerrats am kommenden Montag machen.

Nordkorea ist für seine forcierten Raketen- und Atombombentests mehrfach vom Sicherheitsrat verurteilt und mit UN-Sanktionen bestraft worden, zuletzt am 23. Januar. Die Vereinten Nationen hatten dabei mit Zustimmung Chinas und Russlands Nordkoreas erneuten Test einer ballistischen Rakete einstimmig verurteilt.

Armee ist mehr als eine Million Mann stark

Pjöngjang hatte den Test der Langstreckenrakete am 12. Dezember als Satellitenstart zu friedlichen Zwecken dargestellt. Nach der Verurteilung, die zur Enttäuschung Nordkoreas weder von Moskau noch Peking verhindert wurden, erklärte die Führung, man werde noch mehr Raketenstarts und vor allem einen Nukleartest auf "höherem Entwicklungsstand" durchführen.

Das Regime Nordkoreas, einem der ärmsten und unterentwickeltsten Staaten der Welt ließ sich weder von Sanktionen noch von den immensen Kosten von weiteren Tests abhalten. Südkoreas Verteidigungsministerium schätzt nach Angaben von Yonhap die bisherigen Ausgaben für das Nuklearprogramm auf 1,1 bis 1,5 Milliarden Dollar.

Nordkoreas mehr als Million Mann starke Armee – bei einer Einwohnerzahl von 24 Millionen – bedroht den Nachbarstaat Südkorea. Dort sind seit dem Koreakrieg (1950 bis 1953) noch 25.000 US-Soldaten stationiert. Jede Eskalation des Koreakonflikts könnte zum Bürgerkrieg führen und ein Eingreifen der USA provozieren.

Einen bewaffneten Konflikt will niemand riskieren

In Pjöngjang weiß man das genau. Der Nordkoreaexperte an Chinas Parteihochschule, Zhang Liangui, warnt davor, Nordkoreas strategisches Kalkül misszuverstehen. Pjöngjang fürchte gerade wegen der weltweiten Implikationen eines solchen Konfliktes Sanktionen keineswegs. Der jüngste Atomtest sei vor allem ein Versuch, die USA und China zu erpressen, damit sie ihre Karten auf den Tisch legen.

Vor allem teste die Führung die USA. Sie setze darauf, dass Washington weder militärisch noch politisch eingreifen werde und so gezwungen sei, den isolierten Staat als Atommacht anzuerkennen. Das sei das Ziel des Kim-Regimes.

Vor China habe Nordkorea noch weniger Angst als vor den USA. Man wisse sehr gut, dass Peking auch scharfe Sanktionen nicht strikt durchsetzen werde, selbst wenn es ihnen im Sicherheitsrat zustimme. Es könne Nordkorea nicht zusammenbrechen lassen und damit Chaos und Flüchtlingsströme an seiner Nordostgrenze riskieren. "Pjöngjang legt seine Finger in die Wunden beider Länder sowohl der USA als auch in die Chinas", sagt Zhang.

"Diesmal ein hoher Preis"

Alle Blicke ruhen nun auf Peking. Haben sich Nordkoreas Machthaber verrechnet, als sie allen internationalen Warnungen zum Trotz ihren jüngsten Atomtest ausführten? China unterstützte zwar auch schon bisherige Sanktionen nach den ersten beiden Atomtests und den bislang drei Raketentests, setzte sie an seinen Grenzen nicht durch.

China ist Nordkoreas größter Öllieferant, größte Investor und größter Handelspartner. Nordkoreas Handel mit China 2012 erreichte ein Volumen von etwa sechs Milliarden US-Dollar, bei Exporten von 3,44 Milliarden. Nordkorea erhielt vor allem Erdöl und Nahrungsmitteln, China Erze und Kohle. Der Handel macht das Dreifache dessen mit dem zweitgrößten Handelspartner von Nordkoreas aus, dem Bruderstaat Südkorea.

Ein Leitartikel der chinesischen Parteizeitung " Global Times" warnte Nordkorea noch vergangene Woche vor dem Atomtest. Die Regierung in Peking werde diesmal nicht zögern, ihre Hilfe für das Nachbarland zu reduzieren. "Es ist unwahrscheinlich, dass China so scharfe Sanktionen wie andere Staaten durchsetzen wird. Das müsste der Westen wissen. Aber Nordkorea müsse wiederum wissen, dass es diesmal einen hohen Preis zu zahlen hätte."

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