12.02.13

Doppelagent

Diesem Dänen hätte al-Qaida nicht vertrauen sollen

Die CIA ist stolz auf die Tötung des Terrorchefs Anwar al-Awlaki. Doch der Ex-Islamist Morten Storm beansprucht den Erfolg für sich. Dabei spielte eine hübsche Facebook-Kroatin eine wichtige Rolle.

Von Katja Heise
Foto: picture alliance / dpa

Der dänische Ex-Agent Morten Storm wandte sich wegen seiner Enttäuschung über die CIA an die Presse
Der dänische Ex-Agent Morten Storm wandte sich wegen seiner Enttäuschung über die CIA an die Presse

Er wuchs im protestantischen Dänemark auf. Er geriet auf die schiefe Bahn und wurde Mitglied der Rockerbande Bandidos. Doch 1997 landete Morten Storm wegen Körperverletzung im Gefängnis, und dort konvertierte der damals 21-Jährige zum Islam. Mit seinem neuen Vornamen Murad tourte er durch Moscheegemeinden in ganz Europa und predigte den Heiligen Krieg.

Was wie eine Kleinkriminellenbiografie begann, führte den jungen Mann schließlich an die vorderste Front des Kriegs gegen den Terror. Denn nun kam er mit zentralen Figuren der militanten Szene in Kontakt – vor allem mit Anwar al-Awlaki, dem Führer der al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP), dem jemenitischen Ableger des internationalen Netzwerks.

2006 gab es dann einen erneuten Bruch im Leben des Dänen: Nach einer Glaubenskrise wurde er zum Spion des dänischen Geheimdienstes PET, und seine Informationen waren es, welche die Tötung Awlakis im September 2011 durch Drohnen des US-Geheimdienstes CIA ermöglichten – jedenfalls behauptet das Storm.

Auch wenn die Geschichte in Washington anders erzählt wird. Aus Ärger berichtete er jetzt dänischen Journalisten die Details seines Einsatzes.

Ein "Meilenstein" im Kampf gegen den Terror

Die Redakteure der dänischen Tageszeitung "Jyllands-Posten" interviewten Storm etwa 120 Stunden lang und prüften von ihm zur Verfügung gestellte Dokumente. Für die Geschichte wurde die Zeitung im Januar mit dem European Press Prize ausgezeichnet. Wenn Storms Darstellung stimmt, dann hätte er tatsächlich zu einem beinahe historischen Schlag gegen den Terror beigetragen.

Einen "weiteren bedeutsamen Meilenstein" nannte US-Präsident Barack Obama den Schlag gegen Awlaki. Der Sohn jemenitischer Eltern, der im US-Bundesstaat New Mexico geboren wurde und so die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt, stand auf der CIA-Liste von Personen, deren Tötung Präsident Obama zugestimmt hatte.

Die Al-Qaida-Organisation im Jemen, die er anführte, gilt als eine der zur Zeit aktivsten Teile des Netzwerkes. In Afghanistan und Pakistan, wo al-Qaida traditionell sein Hauptquartiere besitzt, ist das Netzwerk durch Drohnenschläge mehr oder weniger lahmgelegt.

Im Jemen hingegen führt die Bewegung von Bin-Laden-Anhängern größere Feldschlachten mit mehreren Hundert Beteiligten und kontrollierte bis vor Kurzem ganze Gebiete. Doch wenn Storms Version stimmt, dann hatte der Terrornachwuchsstar Awlaki noch weitergehende Ambitionen.

Globale Terrorpläne

"Er wollte die großen Einkaufszentren des Westens mit biologischen Waffen angreifen", erzählte Storm den dänischen Journalisten von seinen Unterhaltungen mit dem Terroristen. "Ich sagte, ich will keine Zivilisten töten. Ich will nur helfen, militärische Ziele anzugreifen. Natürlich hätte ich nicht geholfen, Terroraktionen auszuführen, aber ich musste den Eindruck erwecken, auf seiner Seite zu sein."

Mit Erfolg: Storm und Awlaki blieben in Kontakt und tauschten Nachrichten auf USB-Sticks aus, die Kuriere transportierten. Wo genau sich der Jemenit gerade aufhielt, wusste Storm jedoch nur selten.

"In einer seiner Nachrichten bat Anwar mich, zu sammeln, was westliche Medien über ihn schrieben und über seine Pläne, Ricin-Anschläge zu verüben", erinnert sich Storm. "Außerdem wollte er einen mobilen Kühlschrank, in dem er Bestandteile für biologische Waffen aufbewahren könnte."

Zweifel wuchsen bald nach dem Kennenlernen

Kennengelernt hatten Storm und Awlaki sich Anfang 2006. Damals lebte Storm in Sanaa, der Hauptstadt des Jemen, wo er Islam und Arabisch an der Al-Iman-Universität studierte. "Awlaki sah mich nicht als gewöhnlichen Islamstudenten, sondern eher als einen Freund. Wir beide kamen aus dem Westen und konnten frei miteinander sprechen."

Doch schon kurz nachdem er Awlaki kennengerlernt hatte, begann Storm an der bis dahin gemeinsamen Sache zu zweifeln – aus Gründen, welche die dänische Zeitung nicht enthüllt. Nur so viel stellt sie klar: Storm nahm von sich aus Kontakt zum dänischen Geheimdienst auf.

Während anschließender Treffen diskutierten PET und CIA, wie Storm Awlakis Aufenthaltsort herausfinden könnte – die Voraussetzung für einen Drohnenschlag.

Storm fand für Awlaki eine Frau auf Facebook

Im September 2009 ergab sich eine erste Gelegenheit, dem Terroristen eine Falle zu stellen. Denn: "Awlaki vermisste jemanden in seinem Umfeld, der seine westliche Art zu denken teilte. Er fragte, ob ich eine Frau aus dem Westen kenne, die er heiraten könnte", erzählte Storm.

"Er wollte eine weiße Muslimin, die mit ihm in seinem Versteck leben sollte." Über eine Awlaki-Fanseite auf Facebook kontaktierte Storm daraufhin die hübsche Kroatin Aminah und bat um Unterstützung für den Al-Qaida-Führer. Die 33-jährige Blondine war erst kürzlich zum Islam konvertiert. Sie und Awlaki lernten sich nun näher kennen, indem sie Videobotschaften austauschten. Nach ein paar Clips stimmte Aminah der Heirat zu.

Schließlich habe er sie auf die Reise zu ihrem zukünftigen Ehemann geschickt und dabei heimlich einen Sender in ihrem Koffer platziert, so Storm, der die CIA zu dem Terrorfürsten lotsen sollte.

Storm erhielt 250.000 Dollar

Das Paar heiratete kurz darauf, und Awlaki bedankte sich in einer SMS an Storm. Er schrieb, die Frau entspreche nicht nur seinen Erwartungen, sie sei viel besser. Und auch die CIA zeigte sich erkenntlich für die Aktion. Storm erhielt von der US-Behörde eine Belohnung von 250.000 Dollar.

Aber der Plan war dennoch gescheitert. Ein anderer Vertrauter Awlakis hatte der Braut den Koffer vor ihrer Ankunft im Jemen wieder abgenommen – aus Sicherheitsgründen.

Schon wenig später erdachten die Agenten jedoch neue Pläne. Man habe überlegt, einen jener Nachrichten-USB-Sticks, die Storm und Awlaki austauschten, mit einem Sender auszustatten oder einfach dem Kurier zu folgen, der die CIA direkt zu Awlaki führen könnte, erzählte Storm.

Vorfreude auf das Kopfgeld

Bei allen Gesprächen mit der CIA seien auch Agenten der PET dabei gewesen. "Sie wussten also genau, dass es darum ging, Awlaki zu töten", so Storm. Außerdem hätten die Amerikaner gesagt, das Kopfgeld für Awlaki sei enorm. Dieses Mal war "die Stimmung gut, wir waren kurz davor, Anwar zu kriegen", sagt der Ex-Islamist.

"Drei Wochen später erfuhr ich aus den Nachrichten, dass Awlaki getötet wurde, durch eine US-Drohne im Jemen", so Storm weiter. Bis dahin habe er noch geglaubt, eine Schlüsselrolle in der Aufspürung Awlakis gespielt zu haben. Vonseiten der CIA habe es dann aber plötzlich geheißen, dass es nicht Storm, sondern eine parallele Mission gewesen sei, die zur Auffindung Awlakis geführt habe.

Dennoch sei man bei der CIA sehr dankbar gewesen und habe selbst Präsident Obama über seine Leistungen informiert, so Storm. "Die richtigen Leute wissen, was du getan hast", so habe es ihm ein CIA-Agent mitgeteilt. Das bestätige eine Tonaufzeichnung des Gesprächs auf Storms Mobiltelefon, schrieb "Jyllands-Posten". Aber eine offizielle Würdigung gab es trotzdem nicht.

"Amerikaner wollen nicht, dass es ein kleines Land war"

Der dänische Geheimdienst scheint sich sogar noch weitergehend von der Aktion gegen Awlaki zu distanzieren. Auf eine offizielle Anfrage der dänischen Zeitung an den Dienst heißt es: "Wir sind nicht an Aktionen beteiligt, bei welchen Menschen getötet werden." Auch von dieser Stelle darf Storm also kaum offiziellen Dank erwarten.

Storm ist aber weiter überzeugt, er habe maßgeblich geholfen, den Terroristen zur Strecke zu bringen. Immerhin hatte es in den Nachrichten geheißen, Agenten hätten einen Jungen verfolgt, der sie zu Awlaki geführt habe. "Das stimmt mit unserem Plan überein, den Kurier des USB-Sticks zu verfolgen, der war nämlich nur etwa 15 bis 17 Jahre alt", erklärte Storm.

Aber was sollte die USA davon abhalten, ihm offiziell für seine Leistung zu danken? Storm hat eine Vermutung: "Anscheinend wollen die Amerikaner nicht, dass es der PET und ein so kleines Land wie Dänemark waren, die sie zu Anwar führten."

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