11.02.13

Rom

"Nein, nein, das glaube ich einfach nicht!"

Die Ankündigung vom Rücktritt des Papstes erwischt den Vatikan, das politische Italien und Pilger unvorbereitet. Auf dem Petersplatz mögen viele die Nachricht erst gar nicht glauben.

Foto: AFP

Erst als die Kamerateams eintreffen, glauben viele Menschen auf dem Petersplatz, dass die Nachricht vom Rücktritt Benedikts XVI. stimmt
Erst als die Kamerateams eintreffen, glauben viele Menschen auf dem Petersplatz, dass die Nachricht vom Rücktritt Benedikts XVI. stimmt

"Der Papst tritt zurück". Es ist 11.52 am Montag in Rom. Die Nachricht platzt in eine Wahlkampfveranstaltung mit Nichi Vendola, Kandidat von Linke und Freiheit. Die vier Worte sind per Nachrichtenservice auf den Handys der anwesenden Journalisten aufgetaucht, die nun unvermittelt aufspringen, gar nicht mehr hinhören und aus dem Saal stürzen.

Der Papst tritt zurück. Im Taxi geht es zum Petersplatz. Taxifahrer Leonardo will die Nachricht nicht glauben: "Das tut mir sehr leid. Er war ein sehr guter Papst". Noch haben die Rundfunksender nichts berichtet, denn keiner traut sich, die Nachricht offiziell zu machen.

Es regnet in Rom, am Morgen hat es sogar geschneit. Darum sind die Journalisten, die kurz darauf den Pressesaal am Petersplatz bevölkern, nicht im dunklen Blazer – so wie der Vatikan-Knigge es vorsieht – sondern mit Daunenjacken und dicken Stiefeln gekommen. TV-Teams installieren ihre Posten in Minutenschnelle.

Die Nachrichtensprecherin der staatlichen RAI, Maria Cuffaro, sitzt im Trainingsanzug und dicker Wollmütze auf einer Mauer und schreibt am Text für ihren Aufsager. Ihr Chef hat sie aus dem Sportstudio geholt. Sie ist keine Katholikin, aber trotzdem voller Bewunderung für die Entscheidung des Papstes: "Das ist sehr modern, sehr menschlich. Gerade er, den man für so reaktionär hielt, ist nun ein Vorbild geworden."

"Er hat eine vernünftige Entscheidung getroffen"

Der Pressechef des Vatikan, Pater Federico Lombardi, hat Journalisten aus ganz Rom zusammengetrommelt und macht offiziell, was passiert ist: "Papst Benedikt XVI. dankt ab." Viele schauen ihn an, als trauten sie ihren Ohren nicht.

Der spanische Vatikankorrespondent Antonio Pelayo, der Rom solange kennt wie Joseph Ratzinger, schüttelt den Kopf voller weißer Locken, verlässt den Saal, kann nicht fassen, was er hört und scheint betroffen wie Kardinal Angelo Sodano, der es als "einen Blitz aus heiterem Himmel" empfunden hat.

Nur Pater Lombardi spricht so ruhig, als ginge es hier um einen zurückgetretenen Minister und nicht um den Papst, so als wäre man im Wahlkampf und nicht im Vatikan. Der Vatikan-Experte der staatlichen Rundfunkanstalt RAI, Aldo Maria Valli, ist nicht überrascht. "Er hat diese Entscheidung mindestens dreimal in den letzten Monaten angekündigt", sagt er. "Und er hat eine vernünftige Entscheidung getroffen". Dann hetzt er aus dem Saal, draußen ist Live-Schaltung.

"Politiker sollten es dem Papst gleichtun"

"Wir müssen von ihm lernen! Dieser Papst ist ein Vorbild, er ist weise und hat im Gebet auf seine innere Stimme gehört". Don Sebino Lattanzio ist Pfarrer im Städtchen Barletta in Apulien und heute nur zufällig in Rom. Auf dem Petersplatz hält er seine eigene kleine Messe, viele Reporter haben sich um ihn geschart und in deren Schlepptau Neugierige.

"Und nun erlebe ich einen historischen Tag. Benedikt war ein ganz großer Papst. Leider ist er unterschätzt und viel zu häufig auch hart kritisiert worden. Aber gerade von ihm müssen wir lernen: Viele werden das erst jetzt, nach seinem Rücktritt, erkennen und schätzen lernen." Er sei kein charismatischer Papst gewesen, findet Don Lattanzio, sondern eine diskrete Person und habe dafür oft auch Beleidigungen ertragen müssen.

"Heute leben wir wie in einer täglichen Reality-Show, nur wird sich gerne zur Schau stellt, wird akzeptiert. Benedikt ist dagegen weise." Don Lattanzio kann es nicht lassen, auch italienischen Politikern noch einen Seitenhieb zu verpassen: "Sie sollten es dem Papst gleichtun und ihre Ämter, an die sie sich klammern, endlich den neuen Generationen überlassen".

Souvenirverkäufer mochten Johannes Paul II. lieber

Auf dem Petersplatz ist nicht viel los. Es ist Februar, Nebensaison. Es gibt keine Menschenschlangen vor der Peterskirche, nur das übliche Kommen und Gehen der Touristen. Taxifahrer stehen gelangweilt herum, machen schlechte Geschäfte. Verkäufer in Souvenirläden und Imbissbuden reagieren mit zynischer Gleichgültigkeit.

"Wir wissen nichts, wir sagen nichts, wir haben keine Meinung", faucht die Inhaberin des Ladens gleich an der Ecke vom Pressesaal, so als wäre die Finanzpolizei zur Kontrolle gekommen. Im Laden nebenan lässt Verkäufer Carlo sich zu einem knappen Kommentar hinreißen: "Er war ein guter Papst. Ich wünsche ihm noch ein langes Leben.

Klar, kein Vergleich zum Vorgänger, jedenfalls was das Business anbetrifft." Im Laden wird vom Schlüsselanhänger bis zum Teeservice alles verkauft, was in Touristenkoffer passt – fast nur mit dem Antlitz von Johannes Paul II.

"Oh je, das ist sehr sehr schade"

Die meisten Menschen auf dem Petersplatz wissen noch gar nicht, was sich hinter den großen Mauern abspielt. Der junge Pfarrer Feliciano Rodriguez aus Ecuador schüttelt den Kopf: "Nein nein, das glaube ich nicht." Er will sich auch von den Zeitungsmeldungen im Handy nicht überzeugen lassen. Auch Kurt Maßmann und Christiane Pasternak aus München lachen bei der Frage, glauben an einen Karnevalsscherz.

Erst die vielen Ü-Wagen und Kamerateams überzeugen sie. "Oh je, das ist sehr sehr schade", sagt Maßmann schließlich und seufzt. "Er war ein guter Papst, ernsthaft und glaubwürdig. Jedes Interview, jede Erklärung die er gegeben hat, die Bücher, die er geschrieben hat – er hat immer seriöse Worte gefunden. Wenn Benedikt sprach, war es immer etwas ganz Besonderes."

Und seine Partnerin fügt hinzu: "Wir werden es wohl nicht mehr erleben, dass noch einmal ein Deutscher zum Papst gewählt wird."

"Ich fürchte, dass man ihn zum Rücktritt gezwungen hat"

Zwei Ehepaare aus dem süditalienischen Taranto haben die Nachricht vom Papst-Rücktritt nur durch Zufall in den Vatikanischen Museen auf einem Bildschirm gesehen und reden sich jetzt ihre Enttäuschung vom Leibe. "Da liefen Nachrichten auf einem Bildschirm, wir haben das aus einem Newschannel erfahren. Vom Vatikanpersonal kam kein Kommentar", entrüstet sich Nicola Padovano und schiebt nach: "Ich fürchte, dass man Benedikt zum Rücktritt gezwungen hat."

Sein Freund Cosimo Piccinni fügt hinzu: "Das hat viel von einer politischen Entscheidung. Mir tut es sehr leid: Warum sollte er sein Amt nicht zu Ende führen wie seine Vorgänger auch." Soll es jetzt wieder einen italienischen Papst geben? "Nein, warum? Im Zeitalter der Globalisierung hat das keinen Sinn mehr. Und mit Johannes Paul II. und Benedikt haben wir doch einen guten Anfang gemacht", fügt Padovano hinzu.

Inzwischen ist ein riesiges Polizeiaufgebot mobilisiert, gepanzerte Wagen umringen den Platz. Es sieht bedrohlich aus, wie vor einer Großdemonstration. Fast lächerlich wirken japanische Reisegruppen, die in geordneten Reihen den Platz überqueren. Nur vor dem Pressesaal ist ein Menschenpulk zusammengekommen. Vatikan-Experte Valli hat seinen TV-Marathon bereits begonnen. Ihn ärgert der starke Wind, der dauernd an der Kamera und an den Blättern von seinem Notizblock rüttelt. Drumherum stehen staunende Passanten.

Im Wahlkampf kommt die Nachricht ungelegen

Zurück in der Innenstadt geht der römische Alltag weiter. Vor dem Parlament keine Abgeordneten und Minister, die Kommentare geben. Es ist Wahlkampf, die Kandidaten sind im ganzen Land unterwegs. Ihnen kommt die Nachricht ungelegen wie dem italienischen Gesangsfestival in San Remo, das am Dienstag im norditalienischen Ligurien beginnt und schon dem Wahlkampf Konkurrenz macht.

Auf der virtuellen Piazza Italiens nimmt das Facebook-Völkchen die Nachricht vom Papst-Rücktritt weniger ernst: "Berlusconi kandidiert jetzt nicht mehr für das Amt des Regierungschefs sondern als Papst" frotzelt da einer oder: "Darum will Berlusconi nicht mehr Italien regieren: Er wusste, dass ein besserer Platz frei wurde".

Auf Twitter schreibt einer: "Der erste von vier Millionen Arbeitsplätzen, die Berlusconi versprochen hat. Jetzt fehlen nur noch die restlichen 3.999.999!" Einer erinnert an den Film des italienischen Regisseurs Nanni Moretti "Habemus Papam", dessen Protagonist ein Ratzinger-ähnlicher Papst war. Er trat im Film aus psychischer Schwäche zurück. "Er hatte Recht", twittert er.

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