11.02.13

Marktl am Inn

Jetzt noch schnell zwei Vierer-Packs Papst-Bier

Im Geburtsort Joseph Ratzingers, Marktl am Inn, hatte sich die Euphorie eigentlich schon gelegt. Nach der Rücktrittsankündigung flammt die Begeisterung für den berühmtesten Sohn der Stadt wieder auf.

Von Peter Issig
Foto: PA/dpa/Robert Piffer
Joseph Kardinal Ratzinger besichtigt 1997 das Zimmer, in dem er 1927 geboren wurde
Joseph Kardinal Ratzinger besichtigt 1997 das Zimmer, in dem er 1927 geboren wurde

Nur wenige gehen heute auf die Straße. Nicht wegen des schneidenden Windes und der eisigen Temperaturen. Es ist eine Flucht. Die kleine Gemeinde Marktl, dort wo am 16. April 1927 um 4.15 Uhr morgen im Haus am Marktplatz 11 Joseph Ratzinger geboren wurde, ist von Kamerateams, Übertragungswagen und Journalisten überrannt.

Nur zwei, drei Stunden ist es her, dass sich die Nachricht aus dem Vatikan auch hier wie ein Lauffeuer verbreitet hatte, von Mund zu Mund oder über Telefonketten in der Verwandtschaft "Die Tante hat sogar geweint", berichtet eine Frau, die nicht genannt werden möchte.

Ein Münchner, der eilends angereist ist, verstaut in Kofferraum seines Autos noch schnell zwei Vierer-Packs mit "Papst-Bier". Man wisse ja nicht, ob es das jetzt noch lange gibt, sagt er und berichtet ganz unernst von seinen letzten "Visionen" nach dem Genuss des Bieres.

"Er hat immer das richtige zur richtigen Zeit gemacht"

Von einem Freund und der Gemeindesekretärin wurde auch Bürgermeister Hubert Gschwendtner aufgeschreckt. "Damit habe ich wirklich nicht gerechnet", sagt er der "Welt". Dabei kennt er den Papst mittlerweile ganz gut. Zwölf Mal hatte er ihn schon getroffen. "Es war immer sehr menschlich, sehr freundlich, sehr angenehm im Umgang."

Zuletzt sah er den Ehrenbürger seiner Gemeinde im vergangenen Juni, als eine Delegation aus Marktl in Rom ihre Aufwartung machte. "Da hat er physisch und intellektuell noch einen hervorragenden Eindruck gemacht."

Aber er habe ein absolutes Verständnis angesichts der Bürde, "die das Amt mit sich bringt. Er hat immer das richtige zur richtigen Zeit gemacht", kommentiert der Ortsvorsteher die neuesten Entwicklungen im Vatikan, bevor er routiniert zur nächsten Live-Schalte mit einem Fernsehsender hastet.

"Benediktsäule" und "Papstbrot" mit Mehlkreuz

Nach dem Papstbesuch am 11. September 2006 kann Geschwendtner offenbar nichts mehr aus der Ruhe bringen. Damals blickte ganz Deutschland auf Marktl. Papst Benedikt XVI. besuchte die Pfarrkirche St. Oswald und betete vor dem sechseckigen Taufstein. Das Taufbecken lag lange Zeit unbeachtet in einem Garten, wurde dann ins Heimatmuseum geschafft und schließlich zu Ehren des hohen Besuchs wieder in der Dorfkirche aufgestellt.

In der Ortsmitte erhebt sich auch eine moderne "Benediktsäule", in der Form einer Schriftrolle. Zwischen Kirche und dem renovierten Geburtshaus wird in der Bäckerei/Konditorei Winzerhörlein das "Papstbrot" verkauft. Ein Ein-Pfund-Laib mit einem weißen Mehrkreuz darauf.

Im Tourismus-Büro gibt es Papst-Kerzen in reicher Auswahl. Unter Glas ist das Goldene Buch zu sehen, mit dem wichtigsten Eintrag: "Der Herr segne diesen so teueren Ort! Benedikt XVI., Papst", steht dort in kleiner Handschrift.

Rund 100.000 Besucher jährlich

Bürgermeister Gschwendtner glaubt nicht, dass das touristische Interesse und die damit verbundenen wirtschaftlichen Gewinne für Marktl versiegen werden. Er hat sich erkundigt. Am Geburtsort von Johannes Paul II. in Polen seien die Besucherzahlen sogar nach dem Tod des Papstes in die Höhe gegangen. Nach Marktl kommen jährlich rund 100.000 Besucher.

"15.000 davon besuchen auch das Geburtshaus", berichtet Pfarrer Josef Kaiser. Wer zum Pilgern zur Schwarzen Madonna von Altötting komme, nehme meistens auch noch die zehn Kilometer zusätzlich nach Marktl auf sich. So wie die internationale Delegation von Bischöfen, die zufällig am Tag der Rücktrittsankündigung angemeldet war und das Papsthaus an einem historischen Tag besichtigte.

Ortspfarrer Kaiser kann dem Papst bei aller Überraschung nur Respekt zollen: "Da gibt es keine Kompromisse, entweder Ja oder Nein – so ist er halt." So sei er immer gewesen, auch wenn es um Glaubensfragen ging. "Der Papst war immer eindeutig."

Familie Ratzinger zog schon früh nach Traunstein

Dass Marktl die große Karriere von Joseph Ratzinger, der Sohn eines Gendarmerie-Beamten war und schon früh mit seiner Familie nach Traunstein weggezogen war, seit acht Jahren weidlich ausnützt, sei "kein Thema mehr". Für den Geistlichen ist auch das eine Frage von Angebot und Nachfrage. Der Besuch in seinen Gottesdiensten hat jedenfalls merkbar zugenommen.

Es seien einfach mehr Gäste und Ausflügler im Ort. Das Leben in der Kirchengemeinde habe aber deswegen keinen großen Aufschwung genommen. "Auch wir hatten vor einigen Jahren die große Austrittswelle und verzeichnen jetzt wieder Eintritte. Auch bei uns ist es wie überall", sagt der 62-jährige Pfarrer.

Mit einer Rückkehr des berühmten Sohn des Ortes rechnet in Marktl niemand. "Das glaube ich nicht, er wird sich seinen Büchern widmen, sagt Monika Kleiner. Dass Benedikt XVI. jetzt quasi in den Ruhestand gehe sei "einerseits sehr schade, aber es ist ihm auch zu vergönnen. Das ist besser als sehr krank im Amt zu bleiben als dann irgendwann altersschwach "vorgeführt zu werden."

Foto: AFP

Ein historischer Tag in Rom: Papst Benedikt XVI. gibt seinen baldigen Rücktritt bekannt. Er sagte: "Ich habe euch zu diesem Konsistorium nicht nur wegen drei Heiligsprechungen zusammengerufen, sondern auch, um euch eine Entscheidung von großer Wichtigkeit für das Leben der Kirche mitzuteilen. ...

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