11.02.13

"Zero Dark Thirty"

Roter US-Racheengel, das CIA-Geheimnis um Maya

Eine Domina im Dienste des Vaterlandes: Bin-Laden-Jägerin Maya ist eine unerträgliche, unkollegiale, eitle Zicke. Ihre Story ist in Wahrheit die getarnte Geschichte vom Aufstieg der Frauen in der CIA.

Von Uwe Schmitt
Quelle: Universal Pictures
06.01.13 2:00 min.
Oscar-Preisträgerin Kathryn Bigelow inszeniert mit atemberaubender Spannung ein knappes Jahrzehnt der Suche nach dem Staatsfeind Nr. 1 der USA. Im Zentrum der Geschichte steht die CIA-Analystin Maya.

Die Chancen stehen gut, dass bei der Oscar-Verleihung am 24. Februar Jessica Chastain zur "Besten Darstellerin" gekürt wird. Hollywood würde so einer realen Bin-Laden-CIA-Jägerin mit dem Decknamen Maya ihre zweite Auszeichnung verleihen.

Nicht nur Filmschaffende haben sich in Chastains Maya aus "Zero Dark Thirty" verliebt, obwohl und gerade weil die herbe, von der Jagd besessene Antiheldin die Verhöre von Männern einer Affäre mit Männern vorzuziehen scheint: Eine Domina im Dienste des Vaterlandes, rothaariger Racheengel Amerikas.

Auch die Medien fanden Chastains CIA-Offizierin unwiderstehlich. Eine Frau, die männliche Vorgesetzte als Weichlinge verhöhnt und sich messianisch auserwählt weiß, "die Mission" zu Ende zu bringen, als eine Kameradin beim Selbstmordattentat eines Al-Qaida-Doppelagenten getötet wird.

Viel spricht dafür, dass Jessica Chastains Maya zu schön ist, um wahr zu sein. Sie ist eine Kunstfigur, von der Regisseurin Kathryn Bigelow und ihrem Autor Mark Boal gewonnen aus etlichen Frauen, die in der CIA-Sondereinheit eine Rolle spielten. Mayas Story ist in Wahrheit die getarnte Geschichte vom Aufstieg der Frauen in Amerikas Geheimdiensten.

Zwei glaubwürdige Zeugen

Für die Entschlüsselung der Figur Maya gibt es mindestens zwei eminent glaubwürdige Zeugen: Der frühere CIA-Direktor Michael Hayden, ein Liebling der Konservativen, und Peter Bergen, einer der angesehensten US-Terrorismus-Fachleute, Autor des Buches "Manhunt" über die zehn Jahre währende Jagd auf Osama Bin Laden, teilen politisch nichts.

Doch umso mehr Sachverstand in Geheimdienstfragen. Bergen versteht den Film von Kathryn Bigelow als "feministisches Epos in der Regie einer Frau, die offenkundig der Star der Filmemacher ist". Die Entscheidung, eine Frau in den Mittelpunkt der Story zu stellen, gehe als "künstlerische Wahl" in Ordnung und sei im Licht der wahren Geschichte vertretbar.

"Die Bin-Laden-Einheit war überwiegend mit Frauen besetzt, als sie gegründet wurde", erklärt Bergen, "aber es gab auch eine Menge Männer, zum Beispiel einen gewissen ´John´, der eine absolut kritische Rolle spielte. Und dann gab es noch einen Mann namens Barack Obama, der die riskante Entscheidung fällte, die Navy Seals nach Abbottabad zu zuschicken."

Hayden gerät ins Schwärmen

General Hayden geriet Ende Januar bei einer Podiumsdiskussion des konservativen Thinktanks AEI über "Zero Dark Thirty" ins Schwärmen: "Insgesamt finde ich den Film sehr gut und bin froh, dass er gemacht wurde … Er erweist uns einen Dienst, weil er auf meisterhafte Weise klarmacht, dass es in der realen Welt nicht nur rechte Winkel gibt und nicht nur einfache Antworten in sehr schwierigen Situationen."

Authentisch sei der Film auch, so Hayden, in der Darstellung der absoluten Besessenheit des Bin-Laden-Teams, das ihm Ende 2007 die Fahndungshypothese zu Kurieren vorgetragen habe: "Es waren viele Frauen dabei. Aber für mich ist klar, dass Maya eine Kunstfigur ist. Und wenn ich einen Einwand gegen den Film habe, dann den, dass er sich zu viel auf Maya kapriziert." Der General gab in seinem Übermut sogar zustimmend ("Sie wird mich dafür umbringen") die Meinung seiner Gattin über Maya preis: "politische Korrektheit". Eine knallharte Frau mache die Jagd auf Bin Laden reizvoller.

Im Grunde ist die Maya im Film eine unerträgliche, unkollegiale, eitle Zicke, die über Leichen geht und in Tränen des Triumphs ausbricht, als sie die Leiche Bin Ladens sieht. Jessica Chastain war fasziniert von Mayas Stärke: "Wenn sie gegen die Wand rennt, ob bei Verhören, die nicht nach ihren Vorstellungen laufen, oder bei Kollegen, die ihrer Intuition nicht glauben: Sie nimmt nie ein ´Nein´ als Antwort hin." Mit solchen Leuten zu arbeiten ist, wie jeder weiß, außerhalb von Filmen kein reines Vergnügen.

"Ihr habt mich bekämpft"

Von einer der realen Mayas, die naturgemäß anonym blieben, ist bekannt, dass sie ihre Distinguished Intelligence Medal, den zweithöchsten Orden der CIA, wütend in einer E-Mail "an alle" von niederen Auszeichnungen ihrer Kollegen absetzte. Einer der Adressaten ihrer Mail gibt sie aus der Erinnerung wieder: "Ihr Typen habt mich behindert, wo ihr konntet. Ihr habt mich bekämpft. Nur ich verdiene einen Orden." Man sagt, der Heldin Maya sei eine Beförderung verweigert worden. Es ging um etwas Ehre und 16.000 Dollar mehr im Jahr.

Ohne Greg Miller, den Geheimdienstspezialisten der "Washington Post", wüssten wir nichts von der Frau, die neben anderen Modell stand für die Filmfigur. Miller outete Mayas Alter Ego Mitte Dezember 2012 als Offizierin Mitte 30 mit schwieriger Persönlichkeit und "problematischer Karriere". Sie sei alles andere als beliebt, vertrauten Insider Miller an, aber mit Beliebtheit fange man auch nicht Osama Bin Laden.

"Wellen des Neides" seien über der CIA zusammengeschlagen, seit sich die Filmemacher für Maya und den inneren Kreis der Bin-Laden-Einheit zu begeistern begannen und beispiellosen Zugang erhielten: "Die Agency ist ein seltsamer, insulärer Ort, bevölkert von Zehntklässlern mit Sicherheits-Clearance." Die reale Maya wurde noch vor "9/11" angeheuert; sie arbeitete in Islamabad als "targeter", die Ziele für Drohnenschläge oder Aktionen von Agenten ausspähen. Es heißt, sie habe früh die Spur der Kuriere verfolgt. Der Rest ist Filmgeschichte.

Von Frauen unterwandert

In Wahrheit wird die CIA, einst ein klassisches Old-Boy-Netzwerk, seit rund drei Jahrzehnten langsam und stetig von immer mehr Frauen unterwandert. Auch wenn die Zahlen noch bescheiden aussehen: Im gehobenen Geheimdienst sind nach Angaben der CIA 13 Prozent der Offiziere Frauen, in den übrigen US-Diensten, die mit nationaler Sicherheit befasst sind, liegt der Anteil bei bis zu 29 Prozent.

Zurzeit ist die Chefanalystin der CIA eine Frau, ebenso die Direktorin für Wissenschaft und Technologie, die zweithöchste Person im National Clandestine Service ist weiblich, ebenso die dritthöchste Beamtin der CIA.

Jonna Mendez, die 27 Jahre lang in getarnter Existenz Agenten in aller Welt unterwies, erinnert sich an ihre Anfänge: "Damals waren die Männer Väter, die glaubten, Frauen gehörten eigentlich ins Haus. Die nächste, meine Generation, traute uns schon etwas zu. Aber sie hätte nie geglaubt, dass wir eines Tages den Laden führen würden." Frauen, sagt Mendez, seien meist begabt darin, aus vielen kleinen Beobachtungen etwas zusammenzufügen, Beziehungen und Gewohnheiten zu entdecken.

Besonderer Blick für Details

Es war ein Mann, Michael Scheuer, der in der CIA 1995 diese Talente für die Jagd auf die Führungsclique al-Qaidas nutzbar machte. Scheuer war der Gründer der Sondereinheit. Im Gespräch mit Journalist Peter Bergen macht er kein Geheimnis daraus, warum er Frauen wollte: "Sie haben einen besonderen Blick für Details und Beziehungen. Und ehrlich gesagt verbringen sie auch viel weniger Zeit als unsere Jungs damit, einander Kriegsanekdoten zu erzählen, zu schwatzen und vor der Tür Zigaretten zu rauchen." Scheuer fügt hinzu: "Wenn es mir erlaubt gewesen wäre, hätte ich ein Schild aufgehängt: ´Männer brauchen sich nicht zu bewerben.´"

Mayas Filmpersönlichkeit ist also ein Kunststück, an dem viele mitgewirkt haben. Unter anderen Peter Bergen, der zu den unbezahlten Beratern von "Zero Dark Thirty" zählte.

Nach Sichtung einer Rohfassung, berichtet er, hätten die Berater den Drehbuchautor Mark Boal dringend ermahnt, die Verhörszenen zu entschärfen: "Al-Qaida-Mitglieder wurden in CIA-Geheimgefängnissen im Ausland gewiss misshandelt, aber sie wurden nicht zu Brei geschlagen." Die Filmemacher folgten dem Rat. Maya blieb, getreu Amerikas Motto "e pluribus unum", die eine, aus vielen gefertigte Antiheldin. Man hört, sie verlangen nun, gefälligst, ihren Oscar.

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