11.02.13

Stav Schaffir

Mit 27 Jahren aus dem Protestzelt in die Knesset

Stav Schaffir ist die jüngste Abgeordnete in der israelischen Knesset. Mittlerweile gilt die ebenso eloquente wie charismatische 27-Jährige als inoffizielle Sprecherin der Protestbewegung.

Von Michael Borgstede
Foto: REUTERS/ Amir Cohen
Selbstbewusst und elegant: Jungparlamentarierin Stav Schaffir
Selbstbewusst und elegant: Jungparlamentarierin Stav Schaffir

Vor gut einem Jahr hatten ihre Jeans noch Löcher und die roten Locken wogten ungebändigt über dem auch ungeschminkt sehr hübschen Gesicht. Heute trägt Stav Schaffir elegante Kostüme, sie muss sich eine Haarbürste zugelegt haben und ein geschmackvolles Make-up scheint nun auch zur Morgentoilette zu gehören.

Kein Wunder, die 27-Jährige ist heute eben nicht mehr sozialrevolutionäre Aktivistin, sondern die jüngste Abgeordnete im israelischen Parlament. Sie bewohnt nun nicht mehr eine Protest-Zeltstadt am Rothschild-Boulevard, sondern könnte sich mit ihrem Monatsgehalt von mehr als 7500 Euro wohl auch eine hübsche Wohnung im Zentrum von Tel Aviv leisten.

In einem Jahr kann sich eben viel ändern: "Ich glaube nicht an Politik", hatte sie im Dezember 2011 noch unmissverständlich klargestellt. "Ich bin erst 26. Die Politik würde mein Leben ruinieren. Ich könnte nicht mehr ich selber sein."

Heute ist sie 27 und sagt: "Ja, ich habe die Politik verabscheut. Aber wir können uns nicht vor der Verantwortung drücken." Es sei falsch gewesen, zu behaupten, die sozialen Proteste seien nicht politisch gewesen. Schließlich gelte es nun, die Ideale der Protestbewegung in der Knesset zu vertreten und darum sei sie im Herbst der israelischen Arbeitspartei beigetreten.

Tochter eines Buchhalters

Schaffir wurde 1985 in der Küstenstadt Netanja als Tochter eines Buchhalters und einer Lehrerin geboren. Nach dem Schulabschluss verbrachte sie ein freiwilliges soziales Jahr damit, den Kindern von Neueinwanderern in den Problemvierteln der Stadt Tiberias bei der Integration und beim Spracherwerb zu helfen. Immerhin fünf Monate ihres Militärdienstes absolvierte sie im für seine Durchfallquote berüchtigten Fliegerlehrgang der Luftwaffe, dann wechselte sie als Journalistin zum Armeemagazin und berichtete über den Rückzug aus Gaza und den Libanonkrieg des Jahres 2006.

Mit Hilfe des Stipendiums einer Friedensorganisation studierte sie in London Soziologie und Journalismus, nahm an Gesprächen mit palästinensischen Mitstudenten teil und absolvierte ein Praktikum im britischen Unterhaus.

Zurück in Israel versuchte sie es mit einem Musikstudium, schrieb sich für einen Masterstudiengang an der Universität Tel Aviv ein und arbeitete als Journalistin für allerlei Printmedien und Webseiten. Schaffir schrieb 2011 den ersten Artikel über die gerade beginnenden Sozialproteste – bevor sie von der Beobachterin zur Teilnehmerin wurde.

Inoffizielle Sprecherin der Protestbewegung

Sie gehörte zu den ersten, die im Sommer 2011 ihr Zelt auf dem schicken Rothschild-Boulevard in Tel Aviv aufschlugen. Der Protest gegen hohe Immobilien- und Lebenshaltungskosten fand im ganzen Land Nachahmer und mündete schließlich in Massendemonstrationen von mehreren Hunderttausend Menschen.

Die ebenso eloquente wie charismatische Schaffir war bald zur inoffiziellen Sprecherin der Protestbewegung geworden. Einer ihrer ersten Auftritte ist legendär: Bei einem Fernsehgespräch zur besten Sendezeit ließ sie die leicht hysterisch kreischende Likud-Abgeordnete Miri Regev souverän abblitzen: "Für Sie immer noch Frau Abgeordnete Miri Regev", wollte diese sich eine respektvolle Anrede ausdienen. "Ich spreche diese Frau am besten gar nicht direkt an", entgegnete eine ungerührt lächelnde Schaffir.

Damals, in eben jenem Interview, konnte sie noch offen zugeben, keine Lösungsvorschläge für die Anliegen der Demonstranten parat zu haben. Das sei ja auch gar nicht ihre Aufgabe, sie sei ja keine Politikerin. Nun ist sie eine Politikerin – auch wenn sie mit den anderen Vertretern der Arbeitspartei nach der Regierungsbildung wohl ihren Platz auf den Oppositionsbänken einnehmen wird.

Nicht der einzige Neuling

Stav Schaffir mag die jüngste Volksvertreterin im Parlament sein, sie ist bei weitem nicht der einzige Neuling. Noch nie seien bei einer israelischen Wahl so viele Abgeordnete ausgetauscht worden, stellte der bisherige Parlamentspräsident Ruwen Riwlin bei der Eröffnungszeremonie fest.

Von 120 Abgeordneten hätten es 48 zum ersten Mal ins Parlament geschafft. Die Frauenquote liegt mit 27 Parlamentarierinnen nun höher denn je und auch das Durchschnittsalter wurde deutlich gesenkt. Alterspräsident Benjamin Ben Elieser, mit seinen 77 Jahren genau ein halbes Jahrhundert älter als Schaffir, konnte sich dann auch den Hinweis nicht verkneifen, er habe schon 1984 – also ein Jahr vor der Geburt seiner jugendlichen Parteifreundin – zum ersten Mal den Amtseid als Parlamentarier abgelegt.

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