08.02.13

Südafrika

Schavans letzter Spaziergang vor dem Blitzlicht

Bildungsministerin Schavan hetzt bis zuletzt in Südafrika durch Termine, besucht einen Township. Ablenkungsprogramm. Eine Stunde in einem Park bleibt für Gedanken an die Ankunft in Deutschland.

Von Christian Putsch
Foto: HOPE Cape Town Trust & Associati
Vor der Rückkehr nach Berlin: Annette Schavan bei der Besichtigung der Hilfsorganisation "Hope" im Township von Blikkiesdorp, Südafrika
Vor der Rückkehr nach Berlin: Annette Schavan bei der Besichtigung der Hilfsorganisation "Hope" im Township von Blikkiesdorp, Südafrika

Am Donnerstagnachmittag blieb Annette Schavan in Kapstadt genau eine freie Stunde im dicht gedrängten Zeitplan. Die deutsche Bildungsministerin ging mit einigen wenigen Mitgliedern ihrer Delegation in den Company's-Garden-Park, eine idyllische Anlage inmitten der Innenstadt.

Im 17. Jahrhundert hatte der erste Verwalter der Kapkolonie, Jan van Riebeeck, hier einen Gemüsegarten zur Versorgung der Handelskompanie angelegt, heute entspannen dort die Kapstädter nach der Arbeit im Schatten prächtiger Birnenbäume. Es ist ein Ort der Ruhe und der Erinnerung – auf dem Gelände stehen Denkmäler ehemaliger Gouverneure und Präsidenten.

Schavan ging zu Fuß. Company's Garden liegt nur wenige Minuten von dem Hotel entfernt, in dem die Ministerin untergebracht war. Ein lauer Nachmittag, in Südafrika ist Hochsommer, 27 Grad, leichte Brise. Durchatmen, sammeln. Am Abend noch ein Empfang in der Residenz des Deutschen Botschafters, am nächsten Morgen dann zurück nach Deutschland. Ins Blitzlichtgewitter. Freitagabend wurde sie in Berlin zurückerwartet.

Am Dienstagabend, dem zweiten Tag ihrer Südafrika-Reise, hatte die Universität Düsseldorf Schavan den Doktortitel aberkannt, bei ihrer 1980 eingereichten, 350 Seiten langen Arbeit "Person und Gewissen" habe sie "systematisch und vorsätzlich gedankliche Leistungen vorgetäuscht, die sie nicht selbst erbracht hat", hieß es.

23 Sekunden Stellungnahme

Schavan kündigte am nächsten Morgen rechtliche Schritte gegen die Entscheidung an. Eine Bildungsministerin, die gegen eine Universität klagt – lange galt das als undenkbar. 23 Sekunden dauerte ihre Stellungnahme. Dann stürzte sie sich wieder in den engen Zeitplan der Reise, die um keinen der rund zwei Dutzend Termine bei Bildungseinrichtungen, Politikern und Unternehmen gekürzt wurde.

Die Ministerin ging in jener Stunde wohl ihre Strategie für die Tage nach der Rückkehr am Freitagabend durch. Der Druck ist gewaltig, das weiß die Politikerin, sie verfolgte einige Presseartikel der vergangenen Tage. Am Freitag gegrüßte sie die "Bild" mit der Zeile: "Welchen Rücktritt hätten Sie denn gerne, Frau Dr. Schavan?"

Schavan schien diese Frage am letzten Tag ihres Südafrika-Aufenthalts so lange wie möglich verdrängen zu wollen. Am Nachmittag hatte sie ein Projekt der von der Deutschen Aids-Stiftung geförderten Initiative "HOPE Cape Town" besucht. Ihr Leiter, der Pfarrer Stefan Hippler, ist dafür bekannt, dass er die harsche Lebenswirklichkeit im Armenviertel von Blikkiesdorp ohne Beachtung des Status seiner Gäste präsentiert.

"Ich bin nicht so der Powerpoint-Typ", sagt Hippler. Und so führte er Schavan zu Fuß durch staubige Straßen, in stickige Container und Wellblechhütten. Geduldig ließ sich Schavan über Konzepte gegen die Ausweitung der Krankheit informieren, an der in Südafrika 5,8 Millionen Menschen erkrankt sind.

"Sie hat sich absolut professionell und interessiert verhalten", sagte Hippler am Tag nach dem Termin, zu dem keine Presse eingeladen war. "Sie wirkte ein wenig müde, aber das kann auch an den vielen Terminen der vergangenen Tage gelegen haben."

Bloß keine Schwäche zeigen!

Um vier Uhr morgens war Schavan aufgestanden. Auf dem Tagesplan standen noch mehrere Firmenbesuche, um 20 Uhr hielt sie schließlich noch eine Rede auf einem Empfang der Deutschen Botschaft in Kapstadt. Anlass war die erstmalige Verleihung eines Forschungspreises an drei afrikanische Wissenschaftler. Mit ihm erinnert die Alexander-von-Humboldt-Stiftung an den verstorbenen südafrikanischen Linguisten und Wegbegleiter von Nelson Mandela, Neville Alexander.

Etwas angestrengt gelang es Schavan, im Garten der Kapstädter Residenz des Deutschen Botschafters Horst Freitag die Erschöpfung nach den vergangenen Monaten zu unterdrücken. Sie wollte keine Schwäche zeigen, jetzt, wo sie politisch geschwächt ist. Die ehemalige Kultusministerin von Baden-Württemberg scherzte mit dem gebürtigen Bayern Freitag ein wenig über die Rivalität der beiden finanzkräftigen Bundesländer. Dann trat sie an ein etwas erhöhtes Rednerpult, von dem sie auf die rund 100 Gäste auf dem Rasen hinabblickte.

Ihr letzter offizieller Termin im Amt?

Kontrolliert stand sie da im warmen Abendlicht, lächelnd, beide Hände ruhten auf dem Pult. Sie hat einen Hang zu verschachtelten Sätzen: "Wir sind davon überzeugt, dass Wissenschaft und Forschung wichtige Schlüsselelemente für die Gesellschaft darstellen", sagte sie, "und wir hoffen, darüber haben wir in mehreren Treffen während dieser drei Tage gesprochen, dass die Wissenschaft tief in die Zivilgesellschaft eindringt und bei den nächsten Entwicklungsschritten dieses Landes und des Kontinents hilft."

Die 57-Jährige galt lange als die Verkörperung einer Wissenschaftlerin, sie hört sich auch so an.

Schavan hielt sich auch jetzt an ihre Aussage vom Mittwoch, der zufolge sie sich in Südafrika nicht mehr zu ihrer Doktorarbeit äußern werde. So hielten es auch ihre Gesprächspartner dieser Woche, die das Thema tunlichst vermieden. Es ist schwierig, nicht über das zu reden, woran alle denken. So mancher, der da auf dem Rasen der Botschafterresidenz stand, fragte sich, ob dies ihr letzter offizieller Termin im Amt war.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Mexiko Ist diese Frau der älteste Mensch der Geschichte?
Mexiko Hunderttausende tote Fische machen Fischern Sorgen
Kampf gegen IS USA fliegen tonnenweise Hilfsgüter in den Nordirak
Erdrutsche Hochwasser in China führt zu acht Toten
Top Bildershows mehr
Bürgermeister-Karriere

Klaus Wowereit und der Abstieg vom Gipfel

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Nina Hagens Tochter

Schauspielerin Cosma Shiva Hagen

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote