08.02.13

Jahr der Schlange

China glaubt an nichts – außer an Horoskope

Feuerschlange oder Wasserschlange? Die Frage beschäftigt in diesen Tagen China. Denn wenn das chinesische Jahr der Schlange beginnt, wollen die Bewohner des Riesenreichs wissen, was sie erwartet.

Von Johnny Erling
Foto: Johnny Erling

Straße der Wahrsager in Peking: Die Horoskope sind eingeflogen
Straße der Wahrsager in Peking: Die Horoskope sind eingeflogen

Sollten die neuen kommunistischen Führer der Weltmacht China kurz vor dem um Mitternacht auf Sonntag beginnenden Jahr der Schlange noch Rat brauchen, wie sie das neue Jahr meistern, müssen sie nicht weit suchen. Wenige Straßenblöcke von ihrem Herrschaftssitz Zhongnanhai entfernt kommt eine Jahrzehnte verschüttete Welt der Wahrsager wieder zum Vorschein. Entlang eines 500 Meter langen Straßenstücks feiern im Gassenviertel zwischen Lama- und Konfuziustempel mitten im hypermodernen Peking alte Fengshui-Meister und Namensschreiber, Kalender- und Horoskopdeuter blühende Einstände.

Bizarre, bärtige Taoisten wie Meister Li verkünden, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gibt, als das, was man nur sieht. "Die Welt ist rund. Sie ist keine Scheibe, wie uns das Kommunisten erzählen." Der Andrang der Kunden bei ihm "ist größer als je zuvor", sagt der auf traditionelle Schutz- und Glückssymbole vom Talisman, Amulettgeld bis Zaubersäckchen (erstmals im Angebot) spezialisierte Zhang Hui.

"Sogar Unternehmen bestellen dieses Jahr über Handy und Internet dutzendfach Glücksbringer für ihre Mitarbeiter." Und die "China Daily" fragte: "Mystische Bewegung oder doch nur Geldschneiderei?"

Was es einst gab, gibt es wieder

Es geht um Geld und Glück. Farbenprächtige, gold und rot dekorierte, mit Lampions geschmückte Geschäfte in der Großen Straße des Yonghegong-Lamatempels sind zu Umschlagplätzen für buddhistische Heiligenfiguren, magische Accessoires und Opfergaben des Ahnenkults geworden. Alles, was es einst gab, gibt es wieder.

Bedienungsanleitungen liegen bei: Nur noch wenige wissen, wann man welches Glückssymbol unters Kopfkissen legen oder aufhängen soll, für wen oder gegen welche bösen Geister geopfert werden muss. "Aber das Interesse unter jungen Chinesen ist riesengroß", sagt Zhang.

Vor den Läden türmen sich Jahreshoroskope, aus Hongkong eingeflogen. Die Bestseller unter ihnen hat Fengshui-Meister Edward Li Kuiming verfasst. Seine Horoskope werben mit Prophezeiungen auch über Chinas neue Führer Xi Jinping und den kommenden Premier Li Keqiang und ihren Fotos auf den Buchumschlägen, eine kleine politische Sensation.

Bislang wurden Weißsagungen über Pekinger Führer als Verbreitung von Aberglauben verfolgt. Für Hongkong wird eine Ausnahme gemacht. Das Prinzip: "Ein Land, zwei Systeme, machen solche Bücher auch bei uns gesellschaftsfähig", sagt Verkäuferin Wu Wei.

Deutschland bleibt ein "Lichtblick"

Parteichef Xi ist noch keine 100 Tage im Amt, über seinen zukünftigen politischen Kurs herrscht in China wie international Rätselraten. Für einen Fengshui-Meister aber ist der im Juni 1953 in einem Jahr der Schlange geborene Politiker wie ein offenes Buch. Der Hongkonger Edward Li durchschaut ihn mit dem sogenannten Bazi-Chart. Er stützt sich bei seinem Horoskop auf die acht Zeichen (Bazi), die für Himmelsstämme und Erdzweige stehen.

Ihre Kombinationen geben nach Jahr, Monat, Tag und Stunde der Geburt berechnet Aufschluss über das Schicksal jedes Menschen. 2013 wird für Parteichef Xi zum "benmingnian", zu seinem besonderen "Schicksalsjahr" , wenn "Schlange zu Schlange kommt" und dieses Zusammentreffen auf den 60 Jahre Zyklus des Kalenders fällt.

Das hat nichts Böses zu bedeuten. Im Gegenteil, die Horoskope für Xi und Premier Li zeigen zumindest langfristig Gutes voraus. Beide Politiker, die China künftig im Tandem beherrschen, hätten alles in die Wiege gelegt bekommen, um ihre zehn Jahre Amtszeit zu einer Dekade einer "aufgeklärten Politik" zu machen. Ein Gefälligkeitshoroskop ist das allerdings nicht.

Denn es stellt auch fest, dass sie nur erfolgreich sein werden, wenn sie sich in ihren Anfangsjahren auf Chinas Binnenprobleme, auf die Nachfolgeregelungen konzentrieren und auf die Entwicklung in Tibet und Xinjiang achten. 2013 stünden die USA unter einem guten Stern, ganz anders als Russland. Die Krise lähme weiter Europa. Deutschland bleibe dort der einzige und positive Lichtblick.

Abfall entsorgen bringt Unglück

Hongkongs Fengshui-Meister schlichteten auch den jüngsten Streit unter Chinas Horoskopdeutern, ob 2013 ein Jahr der Feuerschlange oder der Wasserschlange ist. Edward Li nennt es ein Ruhe und Erfolg versprechendes, glücksverheißendes Wasserschlangen-Jahr. Chinesische Händler, die sich für ihre Geschäfte auf Bauernmärkten zum Frühlingsfest mit dunkelroter Unterwäsche eingedeckt hatten, bleiben nun darauf sitzen. Wäre es ein Feuerschlangen-Jahr dann hätten ihnen abergläubische Frauen die roten Höschen zur Abwehr allen Unglücks aus den Händen gerissen.

Obwohl immer mehr junge vermögende Chinesen auf Auslandsreisen rund um die Welt gehen, haben die meisten zum größten Familienfest des Landes nur eines im Sinn – ab nach Hause. "Hui Jia", wie der Begriff auf Chinesisch heißt, ist als geflügeltes Wort in aller Munde. Es sei ein Synonym für den Wunsch nach Urlaub für die Seele vom Stress und weg von der Unpersönlichkeit des modernen Lebens geworden. Auch die Renaissance für uralte Bräuche habe darin ihre Ursache.

Der Xianer Kalenderformer Zhang Qianwu, der seit Jahren für eine Reform des Frühlingsfestes und für die Abschaffung des unzeitgemäßen Bauernkalenders wirbt, beklagt viel Widerstand. Neue Traditionalisten stemmten sich dagegen, sagt er. Ihr Argument: "Das Frühlingsfest ist ein Symbol für China und ein Wahrzeichen für unsere geistige Heimat."

In Peking verwandeln sich zum Frühlingsfest zehn ehemalige kaiserliche Opferplätze, Gärten, wie der Sommerpalast, und historische Straßenplätze in bunte Jahrmärkte. Vom Sonntag, dem ersten Neujahrstag an, trägt jeder Tag einen Eigennamen. Es gibt es Vorschriften und Tabus: Am ersten Tag des Schlangenjahres darf jeder nur glücksbringende Worte sagen und keinen Abfall entsorgen – er würde sonst seinen Reichtum verschleudern.

Foto: dpa

Der Parteitag der Kommunistischen Partei fand eine Woche lang in der Großen Halle des Volkes in Peking statt.

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