07.02.13

Abgeklatscht

Claudia Roths "High Five" mit Irans Botschafter

Am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz sah man die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth mit dem iranischen Botschafter einschlagen. Was aussieht wie eine Kumpelei, hat einen anderen Hintergrund.

Von Matthias Kamann und Sonja Gillert
Quelle: Reuters
03.02.13 1:40 min.
Auf der Münchner Sicherheitskonferenz hat der Iran die Bereitschaft zu Gesprächen bezüglich seines umstrittenen Nuklearprogramms signalisiert. Tatsächlich aber knüpft er sie an zu viele Bedingungen.

Sein Gesicht erstrahlt, als die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth auf der Münchner Sicherheitskonferenz auf die Stuhlreihe des iranischen Botschafters Ali Reza Sheikh Attar zusteuert. Dann erhebt der Diplomat erfreut die rechte Hand zum Gruß. Roth, auf dem Weg zu ihrem Platz, biegt in die Reihe des Diplomaten ein, bleibt kurz stehen, erhebt ebenfalls ihre rechte Hand und schlägt mit Sheikh Attar ein.

Dann bricht die Szene in einem Beitrag zur Sicherheitskonferenz ab. Die kurze Videosequenz mit dem "High Five" sorgt im Internet für Spekulationen über Kumpelei zwischen der deutschen Politikerin und dem iranischen Diplomaten.

Doch zu der scheinbar ausgelassenen Begrüßungsszene gibt es eine Vorgeschichte und die lässt das Abklatschen in einem anderen Licht erscheinen.

Claudia Roths Sprecher sagte auf Anfrage der "Welt": "Ihre höfliche Reaktion war der Tatsache geschuldet, dass sie den iranischen Außenminister und den iranischen Botschafter am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz in einem Gespräch dazu bewegen wollte, den bekannten iranischen Filmemacher Jafar Panahi zur Berlinale ausreisen zu lassen."

Einsatz für iranischen Regisseur

Schon im Vorfeld der Konferenz soll sich Roth mit dem Anliegen in einem Brief an den Botschafter gewandt haben, der seit 2008 in Berlin die Islamische Republik vertritt. Auf der diesjährigen Berlinale wird der Film "Closed Curtain" des Regisseurs Panahi gezeigt, der im Iran unter Hausarrest und Berufsverbot steht, weil er die Opposition unterstützt hat.

Der Künstler schafft es immer wieder das Berufsverbot zu umgehen und hat im Jahr 2011 einen eigenen Film ("Dies ist kein Film") in einer Torte zu den Filmfestspielen in Cannes geschmuggelt.

Dass der iranische Botschafter der Grünen-Politikerin seine Hand so offen entgegenhielt, sei außerdem ein absolutes Novum für Claudia Roth gewesen. Sheikh Attar habe der Politikerin in der Vergangenheit noch nie die Hand gereicht, sagte der Grünen-Sprecher.

"In dieser Situation hat er offenbar den Versuch eines höflichen Entgegenkommens gemacht, ohne Claudia Roth wirklich die Hand geben zu müssen." Sie sei so überrascht von der Geste gewesen, dass sie diese mit einem kurzen Berühren der Hand des Botschafters erwidert habe.

Proteste gegen Diplomaten

Gegen öffentliche Auftritte von Ali Reza Sheikh Attar gab es vor allem seit der gewalttätigen Niederschlagung der oppositionellen Proteste im Iran und der Inhaftierung vieler Aktivisten nach den Präsidentschaftswahlen 2009 in Deutschland immer wieder Proteste.

Der 60-Jährige ist der achte Vertreter der Islamischen Republik seit der Revolution 1979. Mit dem Ende der Herrschaft des Schahs begann die politische Karriere des Chemikers und Managers: Sheikh Attar war unter anderem Gouverneur, politischer Berater, stellvertretender Industrieminister sowie Generaldirektor im Büro des Außenministers.

Iranische Oppositionelle werfen Attar vor, als Gouverneuer der Provinzen Kurdistan und Westaserbaidschan in den 80er-Jahren Hunderte Menschen auf dem Gewissen zu haben. Angeblich unter seinem Befehl sollen Revolutionsgarden brutale Verbrechen an der Zivilbevölkerung begangen haben. Demnach gab es Erschießungen und Vergewaltigungen, ganze Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht. Attar sei einer derjenigen Männes des Regimes, an dessen Händen am meisten Blut klebe, heißt es aus Oppositionskreisen.

Im Jahr 2003 wechselte Sheik Attar für drei Jahre in die Medien: Als Geschäftsführer und Chefredakteur der iranischen Tageszeitung "Hamshahri" – die Zeitung, die 2006 einen umstrittenen Holocaust-Karikaturen-Wettbewerb ausgeschrieben hat. Claudia Roth kennt den Diplomaten auch durch ihren Einsatz für die iranische Opposition.

Zur Einhaltung der Menschenrechte ermahnt

Auf Menschenrechtsverletzungen durch das iranische Regime wies sie auch im Jahr 2010 auf der Sicherheitskonferenz hin. Damals trat der iranische Außenminister Manuscher Muttaki in München auf und provozierte die Konferenz mit Beschönigungen des iranischen Atomprogramms.

Während die anderen Teilnehmer mit Muttaki nur über diese Frage stritten, attackierte Claudia Roth den Iraner auch mit scharfen Fragen zu den Todesurteilen gegen regimekritische Demonstranten.

Muttaki antwortete auf die Frage der "sehr aktiven Lady", wie er sich damals ausdrückte, mit der Behauptung, es handele sich bei den Todesurteilen gegen Demonstranten um ganz normales rechtsstaatliches Vorgehen.

Im Berlinale-Trubel der kommenden Tage wird sich zeigen, ob Claudia Roths Einsatz bei der diesjährigen Sicherheitskonferenz Erfolg hatte. Wenn Jafar Panahi tatsächlich zu dem Filmfestival reisen darf, dann wäre das eine echte Sensation.

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