06.02.13

Casting-Show

17-jährige Afghanin riskiert ihr Leben für die Musik

Je bekannter sie ist, umso gefährlicher wird es für Latifa Azizi. Trotzdem wagt sich die Afghanin auf die Bühne der Casting-Show "Afghan Star". Sie erhält dafür Morddrohungen – aber auch Jubel.

Foto: REUTERS

Latifa Azizi liebt es auf der Bühne zu stehen
Latifa Azizi liebt es auf der Bühne zu stehen

Die 17-jährige Latifa Azizi hat einen Traum: Sie will Sängerin werden. Deswegen nimmt sie an der Casting-Show "Afghan Star" teil, in der jährlich ein neuer "setare", ein Stern am afghanischen Pophimmel, gekürt wird. Doch für ihren Traum muss Latifa Azizi einen hohen Preis bezahlen: Seitdem sie im November 2012 zum ersten Mal im Fernsehen auf der Bühne zu sehen war, bekommen sie und ihre Familie Morddrohungen.

In ihrem Heimatort in Mazar-e Sharif will man es nicht akzeptieren, dass eine Frau auf einer Bühne steht und singt – auch viele Jahre nach der Herrschaft der Taliban in Afghanistan nicht. Aus Angst ist sie mit ihren Eltern und Geschwistern vorerst nach Kabul gezogen. Sogar die eigene Verwandtschaft kritisiert die 17-Jährige scharf für ihre Entscheidung – es entspreche nicht den islamischen Richtlinien, dass eine Frau auf der Bühne Musik präsentiert.

Unter den letzten sechs

Das Publikum sieht das anders. Latifa Azizi hat es in der Casting-Show, die der afghanische Sender "Tolo TV" mehrmals wöchentlich ausstrahlt, schon weit gebracht. Sie gehört zu den letzten sechs Kandidaten und ist das einzige Mädchen von zwei, das sich in der achten Staffel der Show bis in die "Top 13" durchsetzen konnte.

Wenn Latifa Azizi auf die Bühne tritt, bricht das junge Publikum in Jubel aus, Applaus und Pfiffe sind zu hören – von den männlichen Fans auf der einen Seite des Studios und von den weiblichen Fans auf der anderen Seite, ihre Köpfe sind bedeckt mit farbigen Tüchern. So auch in der zuletzt ausgestrahlten Show Anfang Februar. Die 17-jährige Sängerin schaut anfangs schüchtern zu Boden, streicht sich eine Strähne aus der Stirn.

Latifa Azizis Augen sind stark geschminkt, dunkel umrahmt – das ist auch das einzige, das ihr Outfit mit dem der europäischen Casting-Show-Teilnehmer gemein hat. Ansonsten trägt sie ein schwarzes Gewand, darunter sieht man ein goldenes Oberteil mit Rollkragen glitzern, ihre Haare sind weitgehend mit einem lockeren schwarzen Tuch bedeckt. Schnelle Musik schallt aus den Boxen, das grelle Scheinwerferlicht zuckt im Rhythmus. Dann umklammert die 17-Jährige das Mikrofon fest mit beiden Händen und singt – ein scheues Lächeln huscht über ihr Gesicht, sie wippt fast unscheinbar zum Rhythmus der turkmenischen Musik und das Publikum jubelt erneut. Rund elf Millionen Menschen schauen ihr vor den Fernsehgeräten und im Internet zu.

Drohungen nach Shows

Eine Prominenz, die auch viele ihrer Mitschüler Latifa Azizi nicht gönnen und als unehrenhaft verurteilen. "Nachdem mein Auftritt ausgestrahlt wurde, bin ich zur Schule gegangen, um meine Abschlussprüfungen zu machen. Meine Mitschüler haben angefangen, mir schreckliche Dinge hinterher zu rufen und mich an den Haaren zu ziehen", sagte sie Reuters.

Solch schreckliche Erfahrungen mussten auch schon andere Teilnehmer der beliebten Casting-Show machen. Auch die zweite weibliche Teilnehmerin, Baran Arya, die es bis in die "Top 13" geschafft hat, soll bedroht worden sein. In einer Dokumentation über "Afghan Star" aus dem Jahr 2009 wird auch über eine Teilnehmerin berichtet, die ihre Heimatstadt verlassen musste, weil es dort zu gefährlich für sie wurde. Seit September 2005 wurden in der Casting-Show bereits sieben Nachwuchskünstler gekürt – allerdings alles Männer. "Afghan Star" symbolisiert ein Stück Freiheit für die afghanische Jugend, abseits der konservativen, islamisch geprägten Gesellschaft.

Vater unterstützt Nachwuchs-Sängerin

Ihre Familie unterstützt Latifa Azizi dabei, ihren Wunsch zu verwirklichen – trotz der Morddrohungen, die sie bis nach Kabul verfolgen. Seine Familie sei zwar wütend, aber es sei der Traum seiner Tochter zu singen, sagt Sayed Ghulam Shah Azizi. "Was sollte ich anderes machen, als sie darin zu bestärken ihn zu verfolgen?"

Auch die afghanische Sängerin Shahla Zaland, die in der Jury der Show sitzt, weiß unter welchem Druck Latifa Azizi auf der Bühne steht. Nicht wegen der Aufregung, sondern wegen der gesellschaftlichen Zwänge. Dennoch, ihr Urteil fällt deswegen nicht weniger streng aus. "Latifa ist ein sehr freundliches, schönes, schüchternes und gutes Mädchen", sagt sie. "Was den Gesang angeht, muss sie sich mindestens, das ist meine Meinung, drei oder vier Jahre weiter entwickeln, um die Stimme Afghanistans zu werden."

Für Latifa ist klar, dass ihr Leben nie wieder so sein wird wie zuvor. "Egal, ob ich gewinne oder verliere, meine Familie kann nicht zurück nach Hause gehen. Das ist zu gefährlich", sagte sie Reuters. Die nächste Entscheidung wird am 7. Februar fallen. Wenn sie gewinnt, wird sie mit einem Auto, Geld und einem Plattenvertrag belohnt.

Nach ihrem Auftritt Anfang Februar sagt Latifa hoffnungsvoll, auch ein wenig verlegen, die Telefonnummer in die Kamera, mit der die Zuschauer sie ihrem Ziel ein wenig näher bringen können. Und sie macht in einem Nebensatz deutlich, wie außergewöhnlich es ist, als Frau vor der bunt erleuchteten Kulisse der Casting-Show zu stehen: "Jedes Jahr kommen die Mädchen nicht weiter, und ich bitte die Zuschauer auch für Mädchen zu stimmen."

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