03.02.13

Afrika-Cup

Malis Fußballer sind Botschafter des Friedens

Malis Nationalteam steht beim Afrika-Cup im Halbfinale und widmet den Sieg über Südafrika der vom Krieg gezeichneten Heimat. Die Rhetorik der Hoffnung beherrscht vor allem Kapitän Seydou Keita.

Von Christian Putsch
Foto: dpa

Malis Fußballer zelebrieren den Halbfinal-Einzug beim Afrika-Cup
Malis Fußballer zelebrieren den Halbfinal-Einzug beim Afrika-Cup

Malis Kapitän Seydou Keita hüllte seinen Körper eilig in eine Flagge seines Heimatlandes, erst dann trat er im Stadion von Durban vor die Kameras. Er weiß um die Bedeutung patriotischer Bilder in Zeiten des Krieges. "Dieser Sieg bedeutet jedem einzelnen in Mali eine Menge", sagte er mit jener kräftigen Stimme, die zuletzt schon so viele Botschaften der Hoffnung für Mali formuliert hatte.

Es war der einstige Star des FC Barcelona, der sich dafür eingesetzt hatte, vor dem Afrika-Cup in Südafrika ein Trainingslager in der vom Kampf gegen Islamisten gezeichneten Heimat abzuhalten. Tausende kamen zu den Trainingseinheiten.

Es war Keita, der durchsetzte, einen Teil der Mannschaftsprämien für die Offensive des Militärs zu spenden. Und es war dann auch Keita, der am Samstag im Viertelfinale gegen den Gastgeber den Ausgleich zum 1:1 erzielte und damit den Sieg im Elfmeterschießen (3:1) erst ermöglichte. "Wir haben heute unseren Job erledigt und hart gekämpft", sagte der 33-Jährige, und man merkte ihm an, dass es hier nicht allein um ein Fußballspiel ging.

Keitas Tränen

Wohl nur wenige verkörpern die Sehnsucht nach einem Stück Alltag in dem westafrikanischen Land wie der eloquente Profi, der inzwischen für den chinesischen Verein Dalian Aerbin antritt. Vor einem Jahr waren es seine Tränen, mit denen er Aufmerksamkeit auf die damals noch wenig beachtete Krise lenkte.

Mali hatte beim Afrika-Cup in Gabun ebenfalls den Gastgeber im Viertelfinale besiegt, im Norden des Landes aber lief bereits der Aufstand der Tuareg, der Militärputsch stand unmittelbar bevor. "Wir feiern unseren Sieg, aber gleichzeitig fühlen wir uns sehr traurig", sagte er damals verzweifelt, "wir brauchen Frieden, wir sind doch eine Nation."

Das Jahr, das folgen sollte, sieht nicht nur Keita als "eine der schwierigsten Epochen unserer Geschichte". Islamisten nutzten das Machtvakuum nach dem Militäraufstand und rissen die Kontrolle über den Norden an sich. Die mit al-Qaida kooperierende Terrorgruppe Ansar Dine führte eine besonders strenge Form der islamischen Gesetzgebung Sharia ein.

Tanz, Musik, Rauchen, Alkohol und auch das Spielen und Anschauen von Fußball wurden als Teil westlicher Einflüsse verboten. Erst als die Islamisten Anfang Januar eine Offensive auf die Hauptstadt Bamako im Süden des Landes startete, griff Frankreich ein.

Es fehlt an landesweit verbindener Identität

Während sich Mali in Südafrika unter die letzten vier Mannschaften spielte, eroberten französische und malische Truppen im 6000 Kilometer entfernten Mali Ort für Ort zurück. Unabhängige Bilder und Informationen von der Front gibt es kaum, da die Franzosen Journalisten kaum Zugang ermöglichen. In der vergangenen Woche vermeldete die Armee, mit Gao, Timbuktu und Kidal seien die großen Städte im Norden befreit worden.

Doch der Konflikt in dem Land ist komplexer als ein bloßer Kampf gegen den Terror, der nach Einschätzung von Diplomaten noch Jahre dauern wird. Es geht auch um Ressourcenverteilung zwischen Süden und Norden, zunehmende Arbeitslosigkeit bei hohem Bevölkerungswachstum und ethnische Spannungen. Kurz: Mali ist eine Nation, der es an einer landesweit verbindenden Identität fehlt.

Umso wichtiger erscheint da der Erfolg von "Les Aisles" (die Adler). Und Kapitän Keita, den sein ehemaliger Trainer Pep Guardiola einmal als seinen "moralischen und ethischen Prüfstein" bezeichnet hat, erweist sich zunehmend als perfekter Botschafter einer Mannschaft, die sich ihrer gesellschaftlichen Rolle bewusst ist. Nach den Vorrundenspielen zeigte er sich mit einem Hemd, auf das die Friedensforderung "Un peuple, un but, une foi" geschrieben war. Eine Nation, ein Ziel, ein Glaube.

"Wollen Fußball als Instrument des Friedens nutzen"

Keitas Trauer des vergangenen Jahres ist einer kraftvollen Entschlossenheit gewichen, mit der er seine Botschaften präsentiert. "Ich bin nicht an Medaillen für mich interessiert, ich möchte nur eines: meinem Land Freude bereiten." Zum vierten Mal steht das defensiv gut organisierte Mali im Halbfinale eines Afrika-Cups, mit einem Sieg am Mittwoch gegen Nigeria (2:1-Sieger im Viertelfinale gegen die Elfenbeinküste) könnte erstmals der Einzug ins Finale gelingen.

Es scheint, als vermag die Sorge um Freunde und Verwandte die Spieler nicht zu hemmen. Nur drei Kicker stehen in Mali unter Vertrag, doch jeder einzelne telefoniert täglich mit der Heimat. "Wir glauben fest daran, dass bald wieder Frieden einkehrt", sagte Mittelfeldspieler Sigamary Diarra, "aber wir können einfach nicht aufhören, an unsere Familien in Mali zu denken."

Keita stammt aus der Hauptstadt Bamako, der die Islamisten jüngst erst gefährlich nahe gekommen waren. Er weiß um die begrenzte Kraft des Fußballs. "Wir wollen Fußball als Instrument für den Frieden nutzen, und das können wir nur, wenn wir Spiele gewinnen." Allerdings sei sich das Team bewusst, dass Fußball im Krieg letztlich nichts ändere. Es komme auf die internationalen und malischen Streitkräfte an.

Auch Südafrika profitierte einst vom Fußball

Doch wohl auf keinem anderen Kontinent hat der Fußball eine derart politische Bedeutung wie in Afrika, wo viele Nationen den Sport als Instrument der Nationenbildung einsetzen. Als in Südafrika 1994 die Politik der Apartheid endete, bekam das Land die Chance zur Ausrichtung des Afrika-Cups 1996.

Der sollte eigentlich in Kenia stattfinden, weil aber dort die Stadien nicht rechtzeitig fertig wurden, half die junge Demokratie aus. Südafrika gewann sensationell das Turnier, und die über Jahrzehnte gesetzlich getrennt gehaltenen ethnischen Gruppen des Landes feierten gemeinsam. Der damalige Präsident Nelson Mandela hatte sich zuvor schon für die Bewerbung um die Rugby-Weltmeisterschaft 1995 eingesetzt. Auch dieses Turnier gewann Südafrika.

Die Elfenbeinküste war von 2002 bis 2007 zwischen dem von Rebellen beherrschten Norden und von der Regierung kontrollierten Süden gespalten. Es sei auch der Fußball gewesen, der das Land vereinigt hat, schreibt der britische Autor Steve Bloomfield in seinem Buch "Africa United". Die Elefanten, wie dort die Nationalmannschaft genannt werde, sei nicht nur ein Fußballteam, so Bloomberg, "für viele sind sie die Männer, die geholfen haben, den Krieg zu beenden."

Anlässlich der Unterzeichnung eines Friedensvertrags trat das Team zu einem Freundschaftsspiel an, und als das Land im Jahr 2011 einen weiteren Bürgerkrieg bewältigen musste, wurde anschließend Fußballstar Didier Drogba in eine Versöhnungskommission berufen. In Liberia kandidierte der ehemalige Weltfußballer George Weah sogar für das Präsidentenamt, wenn auch ohne nennenswerten Erfolg.

Keitas einzige falsche Prognose

Mittelfeld-Star Keita will sich auf den Fußball konzentrieren, so weit es denn möglich ist. Er hat in den vergangenen Wochen viel Richtiges über sein Heimatland gesagt. Mit einer Prognose aber lag er falsch.

Er glaube nicht, dass die Menschen in Bamako bei großen Siegen auf den Straßen feiern würden, sagte er zu Beginn des Turniers, dafür sei die Situation im Norden zu dramatisch. Am Samstagabend feierten Tausende in Bamako bis tief in die Nacht.

Foto: dapd

Gut, wenn man immer eine Fahne dabei hat. Dieser kongolesische Fan nutzt sie, um sich vor dem Vorrundenspiel seiner Mannschaft gegen Mali vor dem Regen zu schützen.

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