04.02.13

Luca di Montezemolo

"Italien darf nicht zu Deutschland aufschauen"

Wäre Italien ein Formel-1-Wagen, könnte der beste Fahrer der Welt mit ihm nicht siegen, findet Ferrari-Präsident Luca di Montezemolo. Deshalb unterstützt er bei der Parlamentswahl Mario Monti.

Von Tobias Bayer

Ferrari ist ein zwar großer Mythos, doch das Hauptquartier ist bescheiden. Die Führungsspitze sitzt auf einem kurzen Flur. Rechts hat Piero Ferrari sein Büro. Er ist der Sohn von Enzo Ferrari, dem Gründer der Scuderia. Er tritt hinaus und schüttelt die Hand. In der Mitte arbeiten zwei Assistentinnen. Und in einem Eckbüro links sitzt schon er, der "Avvocato", Ferrari-Präsident Luca Cordero di Montezemolo, hinter seinem Schreibtisch, bei brennender Lampe. "Ich habe nur wenig Zeit", sagt er gleich. Vor Kurzem war er in Bari, morgens war er auf einem Händlertreffen, und abends geht es zurück nach Rom, wo seine Familie wohnt. Zur Begrüßung will Montezemolo wissen: "Sind Sie schon mit dem Italo gefahren?" Italo ist der Schnellzug, der seit rund einem Jahr der Staatsbahn Trenitalia auf den Fernstrecken Konkurrenz macht. Hinter Italo steht Montezemolo mit seiner Gesellschaft NTV. Das klare Ja erfreut Montezemolo. Der Fotograf ruft schnell hinterher: "Ich bin auch mit dem Italo gefahren." Montezemolo lacht laut und sagt: "Stellen Sie mir Ihre Fragen."

Die Welt: Wer wird nach den Wahlen am 24. Februar und 25. Februar Ministerpräsident Italiens?"

Luca Cordero di Montezemolo: Ich hoffe, dass es Mario Monti sein wird. Die Wahlen sind für Italien von entscheidender Bedeutung. Nach dem Desaster der Zweiten Republik muss nun die Ära der Dritten Republik beginnen.

Die Welt: Warum haben Sie sich entschieden, mit Ihrer Bewegung Italia Futura Mario Monti zu unterstützen?

Montezemolo: Italia Futura hätte alleine antreten können, wenn es das Wahlrecht zugelassen hätte. Das aktuelle Wahlrecht ist absurd, es ist wenig demokratisch. Mario Monti steht für die Moderne, für einen Neuanfang, der mit der alten Politik bricht. Er bricht mit ihrem Stil, mit ihrem Verhalten. Er vertritt eine Kultur, die liberal, europäisch und international ist.

Die Welt: Monti und Italia Futura sind ein Bündnis mit den Parteien von Pierferdinando Casini und Gianfranco Fini eingegangen. Casini und Fini sind seit Jahrzehnten in der Politik. Das stößt einigen Beobachtern auf.

Montezemolo: Auch das ist dem Wahlrecht geschuldet. Die Partei Casinis ist eine Bewegung der Mitte, Casini selbst ist eine Person mit guten Absichten. Ich verstehe allerdings, dass das Bündnis mit Casini und Fini wie ein Widerspruch zu einem kompletten Neuanfang wahrgenommen wird.

Das Wahlrecht in Italien ist eine Wissenschaft für sich. Das aktuelle ist höchst umstritten. Es heißt "Porcellum", was sich von "porcata" oder "Schweinerei" ableitet. Die Parteien nahmen sich vor, es zu reformieren, doch am Ende blieb alles beim Alten. Herausragendes Merkmal ist, dass das Bündnis mit dem höchsten Stimmenanteil eine Mehrheitsprämie bekommt. Außerdem wird nicht über Personen, sondern nur über Listen abgestimmt. Um bei den Wahlen eine Chance zu haben, entschieden sich Monti und Italia Futura für eine Zwischenlösung: Bei der Wahl zum Senat treten sie mit einer Liste an, bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus mit drei. Als Partner haben sie die Partei UDC von Pierferdinando Casini und die FLI von Gianfranco Fini. Sowohl Casini als auch Fini sind seit Jahrzehnten in der Politik.

Die Welt: Mario Monti wird dafür kritisiert, dem Spardiktat Deutschlands gefolgt zu sein. Ihm wird mit die Rezession in Italien angelastet.

Montezemolo: Mario Monti ist meiner Meinung die richtige Person, um Italien in die Zukunft zu führen. Wenn wir ihn nicht hätten, hätten die Italiener die Wahl zwischen Silvio Berlusconi und Pierluigi Bersani. Das erinnert doch stark an 1994, als Berlusconi gegen Achille Occhetto antrat. Es wäre mehr oder weniger dasselbe gewesen. Die Welt hat sich jedoch in den vergangenen 20 Jahren extrem verändert.

Die Welt: Sind Sie mit der Regierung Monti zufrieden?

Montezemolo: Ich gebe ihr kein 100-prozentig positives Urteil. Ich glaube, man hätte mehr für das Wachstum tun können. Man hätte auch die Kosten des Staates stärker beschneiden können, die Privilegien der Politik. Man hätte Staatsbeteiligungen verkaufen können. Mehr Privatisierung, mehr Liberalisierung.

Die Welt: Warum hat die Regierung nicht mehr angepackt in seiner Zeit als Premier?

Montezemolo: Die beiden großen Parteien haben ihm Fesseln aufgelegt. Eine Technokratenregierung, die keine wirkliche Mehrheit im Parlament hat, kann nicht alles umsetzen, was ihr vorschwebt. Dennoch hat sie einiges bewegt. Monti hat Italien vor dem Default bewahrt, hat die Glaubwürdigkeit unseres Landes wieder hergestellt. Er hat eine Rentenreform verabschiedet, er hat begonnen, den Arbeitsmarkt zu reformieren. Man hätte mehr machen können, doch gerade zum Schluss seiner Amtszeit war der Selbstschutz der Politik zu stark. Sie hat sich gegen ein neues Wahlrecht gewehrt, hat die Abschaffung der Provinzen verhindert und hat sich gegen ein wirksames Anti-Korruptions-Gesetz gestemmt.

Die Welt: Viele Italiener werfen Monti vor, sein Wort gebrochen zu haben. Als er im November zum Ministerpräsidenten bestellt worden war, hatte er ausgeschlossen, als Politiker für eine zweite Amtszeit zu kandidieren.

Montezemolo: Im Leben muss man immer darauf schauen, welche Alternativen es gibt. Wenn Monti nicht in die Politik gegangen wäre, dann hätten wir heute immer noch die ewig gleichen Köpfe in der Politik. Dank Monti und Italia Futura gibt es nun für das Abgeordnetenhaus zum ersten Mal eine Kandidatenliste, auf der sich keine Politiker befinden. Es ist ein Akt der Zivilgesellschaft. Hier treten Personen an, die kompetent sind und sich für das Wohl des Landes einsetzen. Es gibt noch einen weiteren Grund, warum Monti angetreten ist. Ich beschreibe das so: Wenn sie heute sparen, können sie morgen mehr ausgeben. Sie machen als einen Schritt nach hinten, um dann zwei nach vorne gehen zu können. Monti wäre Gefahr gelaufen, als Protagonist dieses Schritts zurück in die Geschichte einzugehen, ohne die Zukunft gestaltet zu haben. Das hat seine Entscheidung beeinflusst.

Die Welt: Laut den Umfragen sieht es derzeit so aus, als gebe es nach der Wahl keine klaren Mehrheiten. Denken Sie schon über Koalitionen mit anderen Parteien nach?

Montezemolo: Mir gefällt es nicht, mich auf politisches Geplänkel einzulassen. Unsere Bewegung möchte ausbrechen aus dem alten Schubladendenken, links oder rechts. Für uns ist entscheidend, wer nach der Wahl zu wirklichen Reformen bereit ist, darauf gründen sich dann die Bündnisse. Im Wahlkampf versprechen alle alles, das war schon immer so. Wenn heute einer den rechten Parteien zuhört, dann gewinnt er den Eindruck, sie seien total liberal.

Die Welt: Was wird die nächste Regierung Monti als Erstes anpacken?

Montezemolo: Zuerst muss der Staat reformiert werden. Er muss schneller werden, leichter, billiger. Das heißt für mich: weniger Bürokratie, weniger Parlamentarier. Ich vergleiche Italien gern mit einem Formel-1-Wagen. Selbst der beste Pilot der Welt könnte mit solch einem Auto nicht gewinnen. Eben weil es so schwer, so kompliziert, so teuer und so langsam ist. Zweitens muss eine wirklich liberale Politik gemacht werden. Das heißt: weniger Steuern für die Unternehmen, weniger Steuern für die Angestellten und Arbeiter. Der Staat müsste den roten Teppich für all jene ausbreiten, die produzieren, die investieren, die mit ihrem Kapital ins Risiko gehen. Es muss liberalisiert werden. Mit unserer Zuggesellschaft NTV, die auf den Fernstrecken der Staatsbahn Trenitalia Konkurrenz macht, haben wir mehr als 1000 unbefristete Arbeitsplätze geschaffen. Ohne einen einzigen Euro an Subventionen wohlgemerkt.

Im Gegensatz zu Deutschland gibt es im Personenfernverkehr auf der Schiene inzwischen dank NTV seit 2012 Konkurrenz. Hinter dem Unternehmen stehen neben Montezemolo unter anderem noch der Eigentümer des Lederwarenherstellers Tod's, Diego Della Valle, sowie die französische Staatsbahn SNCF. Mit dem Italo werden die Metropolen Italiens angefahren, mehr als zwei Millionen Passagiere wurden schon transportiert.

Die Welt: Was halten Sie von einer Vermögensabgabe?

Montezemolo: Die Vermögensabgabe sollte nicht der Bürger leisten, sondern der Staat. Er sollte sich von Beteiligungen trennen, er sollte schließen, kürzen, um den Weg frei zu machen für Investitionen. Als Italiener bin ich bereit, mehr Steuern zu bezahlen. Aber zuerst will ich, dass der Staat den ersten Schritt macht. Er muss mir dann erklären, was mit meinem Geld geschieht. Danach leiste ich gerne meinen Beitrag.

Die Welt: Viele italienische Firmen hat die Krise stark zugesetzt. Wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Lage?

Montezemolo: Die Firmen, die die Krise überwunden haben, stehen viel besser da als vorher. Sie leben vom Export, immer mehr in Länder außerhalb Europas. Sie sind internationaler geworden, auch kulturell. Wissen Sie, was die wichtigsten Auslieferungen Italiens nach Japan sind? Es sind Präzisionsmaschinen in der Fertigungstechnik. Also keine Mode, keine Möbel, kein Essen. Ich habe großes Vertrauen in das Potenzial Italiens. Man muss das Land nur von alten Verkrustungen befreien. Das ist wie mit einer Flasche Champagner. Du ziehst den Korken – und dann "Boom"!

Die Welt: Im Wahlkampf wird Bundeskanzlerin Merkel oft dafür gescholten, Italien einen zu strengen Sparkurs auferlegt zu haben. Was bedeuten für Sie die deutsch-italienischen Beziehungen?

Montezemolo: Die Beziehungen sind fundamental wichtig. Ich selbst habe ein enges Verhältnis zu Deutschland. Mit vier Jahren sprach ich besser Deutsch als Sie, weil ich ein deutsches Kindermädchen hatte. Für Italien ist Deutschland seit jeher der wichtigste Handelspartner. Italien ist nach Deutschland das Land mit der größten verarbeitenden Industrie. Die Bundesrepublik ist für uns auch ein Maßstab, ein Modell für Reformen und für die Funktionsweise des Staates. Beide Länder sind wichtig für Europa. Italien braucht mehr Europa in Italien, und Europa braucht mehr Italien in Europa.

Die Welt: Was könnte denn Europa von Italien lernen?

Montezemolo: Italien ist ein Land, das sich nur einen außergewöhnlichen Unternehmergeist auszeichnet, mit seinen vielen kleinen und mittelständischen Betrieben. Italien hat eine Kulturpolitik, die auch auf europäischer Ebene denkbar wäre. In erster Linie glaube ich aber, dass Italien ein gutes Beispiel für eine wahre und vitale Demokratie darstellt.

Die Welt: Wie kann sich Italien denn in Berlin und Brüssel Gehör verschaffen?

Montezemolo: Meines Erachtens wäre eine Beziehung falsch, in der Italien zu Deutschland aufschaut. Wenn jemand denkt, alle Probleme unseres Landes hingen von Deutschland und dem Euro ab, der liegt 50 Jahre zurück. Ich mache da nicht mit. Ich habe mich selbst und meine Mitstreiter eingebracht, um Monti zu unterstützen. Ich glaube, dass ein Mann wie er Italien die Rolle in Europa verschaffen kann, die unserem Land gebührt. Zusammen mit Deutschland und Frankreich muss Italien an einem Europa mitwirken, dass endlich eine gemeinsame Finanz-, Forschungs- und Außenpolitik hat. Das ist entscheidend für die kommenden Generationen.

Die Welt: Sehen wir Sie irgendwann selbst in der Politik?

Montezemolo: Wenn Monti nicht angetreten wäre, wäre es für mich nicht einfach gewesen, mich einer Kandidatur zu widersetzen. Die Italiener hätten sonst die Wahl zwischen Berlusconi und Bersani gehabt. Ich habe in meinem Leben sehr viel Glück gehabt. Ich war Präsident von Fiat, ich war Präsident des Arbeitgeberverbands Confindustria. Ich habe ein weites Netz an internationalen Beziehungen. Seit 22 Jahren komme ich morgens in mein Büro bei Ferrari und bin sofort guter Laune. Mir kommen sofort viele Ideen. Ich habe also schon viel zu tun.

Die Welt: Ihr politisches Engagement erhalten Sie aber aufrecht?

Montezemolo: Ich bin 65 Jahre alt. Vor drei Jahren habe ich Italia Futura gegründet, aus Leidenschaft. Ein Ziel war es, neue Leute darauf vorzubereiten, politische Verantwortung zu übernehmen und so die herrschende Klasse zu verjüngen. Ein Problem der Italiener ist, dass viele kritisieren, aber viele nichts wirklich anpacken. Wie im Fußball. Sie bleiben auf der Tribüne und schimpfen auf Trainer und Spieler. Selbst geht aber keiner auf den Platz. Schluss damit, nur noch zu kritisieren. Sonst würden Schaden anrichten. Für unsere Kinder und für Italien.

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