03.02.13

Pogrom-Vergleich

Die Provokation des katholischen Glaubenshüters

Erzbischof Gerhard Ludwig Müller spricht von "Pogromstimmung" gegenüber der Katholischen Kirche. Grüne und FDP finden das geschmacklos – und auch Katholiken lassen seine Klagen nicht gelten.

Foto: dapd

Gerhard Ludwig Müller hat mit seinen Äußerungen über Katholiken-Feindlichkeit viel Kritik auf sich gezogen
Gerhard Ludwig Müller hat mit seinen Äußerungen über Katholiken-Feindlichkeit viel Kritik auf sich gezogen

Provozieren kann er. Auf dem Höhepunkt der Debatte über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche und wenige Monate vor dem Besuch Papst Benedikts in Deutschland stieß der damalige Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller im Frühjahr 2011 eine Anti-Christ-Diskussion an.

Ausgerechnet er verlangte, die Vertreter der evangelischen Kirche sollten sich von der Behauptung des Reformators Martin Luther distanzieren, dass der Papst der Antichrist sei. Obwohl Müller damals doch der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz vorsaß.

Außer der bewusst erzeugten großen Aufregung bewirkte die Provokation bei den Protestanten zwar nichts, bestenfalls lenkte sie für einen Moment den Blick weg von den Problemen der katholischen Kirche. Geschadet hat die Anti-Christ-Debatte Müller allerdings auch nicht. Benedikt XVI., der bereits vorher große Stücke auf ihn hielt, holte ihn im vergangenen Sommer als Präfekten der einflussreichen vatikanischen Glaubenskongregation nach Rom.

Müller beklagt offene Feindseligkeit

Lange brauchte Müller nicht, um auch dort von sich reden zu machen. An diesem Wochenende nun ließ er wissen, die Gesellschaft, vor allem aber der öffentlichen Diskurs ergehe sich in offener Feindseligkeit gegen Vertreter der katholischen Kirche.

"Gezielte Diskreditierungskampagnen gegen die katholische Kirche in Nordamerika und auch bei uns in Europa haben erreicht, dass Geistliche in manchen Bereichen schon jetzt ganz öffentlich angepöbelt werden. Hier wächst eine künstlich erzeugte Wut, die gelegentlich schon heute an eine Pogromstimmung erinnert", sagte Müller im Interview der Berliner Morgenpost.

Im Internet, aber auch im Fernsehen würden "Attacken gegen die katholische Kirche geritten, deren Rüstzeug zurückgeht auf den Kampf der totalitären Ideologien gegen das Christentum".

Leutheusser-Schnarrenberger – "geschmacklos"

In der Politik riefen Müllers Aussagen zu der "Pogromstimmung" heftige Reaktionen hervor. Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) hielt dem Erzbischof vor, Vergleiche mit dem Holocaust seien "geschmacklos, wenn es um unterschiedliche Auffassungen in unserer Gesellschaft zu aktuellen Fragen" wie beispielsweise zur Ehe, zur Familie und zu eingetragenen Lebenspartnerschaften gehe.

Die katholische Kirche müsse sich drängenden Problemen stellen und könne sich nicht durch "Verweis auf vermeintliche Sonderstellung ihrer Verantwortung entziehen", sagte die Justizministerin.

Scharfer Gegner von kirchlichen Reformen

Volker Beck, Parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen, verlangte, Müller solle die Verwendung des Wortes "Pogromstimmung" zurücknehmen. "Der Vergleich der Kritik an der Kirche mit Judenverfolgung und Holocaust ist einfach daneben", sagte Beck.

Auch der Humanistische Verband Deutschlands (HVD) empörte sich über die Wortwahl des Präfekten der Glaubenskongregation. Öffentliche Kritik an der katholischen Kirche sei auch dann erlaubt, wenn sie hart formuliert werde, sagte Verbandsvize Helmut Fink. Wenn Müller für Kritik an der Kirche den Vergleich mit einer Pogromstimmung heranziehe, beleidige er damit "schlicht die Opfer tatsächlicher Pogrome".

Als Chef der vatikanischen Glaubenskongregation hat Erzbischof Müller die Aufgabe, die Glaubens- und Sittenlehre in der katholischen Kirche zu fördern und zu schützen. Schon in seiner Zeit in Regensburg lehnte Müller grundlegende Reformen in der katholischen Kirche ab. Durch die Wucht seiner Sätze zu der "Pogromstimmung" gingen seine anderen Aussagen diesbezüglich aber beinahe unter.

Gegen Weiheamt für Frauen und Aufhebung des Zölibat

Unter anderem kritisierte Müller im Berliner Morgenpost-Interview die Forderung nach einem sakramentalen Weiheamt für die Frau. "Es ist nicht möglich", sagt Müller. "Nicht weil die Frauen weniger wert wären, sondern weil es in der Natur des Weihesakramentes liegt, dass Christus in ihm repräsentiert wird als Bräutigam im Verhältnis zur Braut."

Unmöglich sei es der Kirche auch, gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu akzeptieren: "Solche Partnerschaften sind grundsätzlich in keiner Weise mit den Ehen gleichzustellen."

Vehement tritt er zudem für den Erhalt des Pflichtzölibats ein: "Der Zölibat der Priester entspricht dem Beispiel und Wort Jesu und hat in der geistlichen Erfahrung der lateinischen Kirche eine besondere Ausprägung gefunden." Die Ehelosigkeit sei "um des Himmelreiches im Evangelium grundgelegt".

Glück widerspricht Müller

Zuletzt hatte kein Geringerer als Alois Glück, Präsident des Zentralkomitees der Katholiken, den Zölibat öffentlich infrage gestellt. "Die Abschaffung des Zölibats ist keine Zauberlösung, doch es würde dadurch sicher mehr Priester geben", sagte Glück im Herbst. Der 72 Jahre alte Ex-CSU-Politiker hatte außerdem dafür plädiert, verheiratete Diakone mit einer entsprechenden Fortbildung zur Priesterweihe zuzulassen. Glück beurteilt auch die öffentliche Wahrnehmung der Kirche anders als Müller.

"Es gibt einen unauflöslichen Zusammenhang zwischen dem, wie die Menschen die Kirche wahrnehmen, und dem, wie sie Zugang zur Botschaft der Kirche finden", sagte Glück. Es sei falsch, die Verantwortung für die Zukunft der Kirche allein den Priestern zu überlassen. Er verwies auf das Zweite Vatikanische Konzil von 1962 bis 1965, das den Laien eine Mitverantwortung zugewiesen habe.

Statt eine feindselige Stimmung der Kirche gegenüber zu beklagen, "müssen wir uns in der Kirche damit auseinandersetzen, warum wir mit der christlichen Botschaft immer weniger Menschen erreichen", so Glück. "Das kann sicher nicht nur an den Menschen liegen."

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