03.02.13

Guantánamo

Fidel's Backyard mit islamischem Friedhof

Die US-Militärbasis Guantánamo auf Kuba ist zum Synonym für Gefangenenlager geworden. Dabei leben die 6000 Menschen dort – nur ein Drittel sind Soldaten – ein fast beschauliches Leben. Ein Besuch.

Von Ansgar Graw
Foto: Frank Hoppmann für Welt am Sonntag/Frank Hoppmann/Welt am Sonntag
Guantánamo, wie es der Illustrator Frank Hoppmann sieht
Guantánamo, wie es der Illustrator Frank Hoppmann sieht

Durch Guantánamo verläuft eine Grenze. Auf der einen Seite herrscht Tristesse, es gibt kaum Touristen und ein großes, den Blicken der Öffentlichkeit entzogenes Gefängnis, in dem Menschenrechte wenig zählen. Die Freiheit ist abends am Horizont mit den Lichtern von Jamaika zu sehen. Aber sie bleibt für die Menschen hier unerreichbar.

Das andere Guantánamo sprüht vor Leben. Es gibt Geschäfte und Mütter, die mit ihren Kindern auf den Schulbus warten, junge Männer, die in Kneipen grölen, zwei Kinos, eine Radiostation, Kirchen, Strände, Sportplätze. Aber keinen einzigen Touristen.

Ja, und es gibt ein berüchtigtes Gefangenenlager, und dass die 166 Insassen darin immer entsprechend den Genfer Konventionen behandelt werden, darf bezweifelt werden. Viele Insassen warten seit über einem Jahrzehnt vergeblich auf ihren Prozess, und ihr Tod hinter den gesicherten Mauern ist wahrscheinlicher als ihre Freilassung.

"Rockin' in Fidel's Backyard"

Das erste, das triste Guantánamo liegt im äußersten Osten der sozialistischen Republik Kuba, so abgelegen, dass Besucher sich selten hierher verirren. Und im Provinzgefängnis sitzen neben Frauen und Minderjährigen auch "Politische" ein, Kubaner, die in irgendeiner Form gegen das System aufbegehrten. Medien und Menschenrechtler interessieren sich nicht für sie.

Im anderen Guantánamo lautet der freche Slogan des Radiosenders: "Rockin' in Fidel's Backyard." Über Camp Delta, das Gefangenenlager auf der amerikanischen Marinebasis, wird regelmäßig berichtet.

Diese Woche fanden wieder Anhörungen statt zur Vorbereitung des "Jahrhundertprozesses" gegen Khalid Scheich Mohammed und vier weitere mutmaßliche Drahtzieher des Terrorangriffs vom 11. September 2001. Sie sitzen im Hochsicherheitstrakt "Camp 7", und wie es dort zugeht oder wo genau er liegt, wissen nicht einmal ihre Anwälte.

US-amerikanischer Mikrokosmos unter Palmen

Aber der US-Außenposten Guantánamo Bay ist ein Jahrhundert älter als das 2002 entstandene Gefangenenlager, und das Leben dort ist bunt. Man kann auch sagen: durchschnittlich. Ein US-amerikanischer Mikrokosmos unter Palmen. Mit Schulkindern und Gottesdiensten und Restaurants und McDonald's und einer Shoppingmall, in der ein Plakat zu Yogakursen einlädt und ein anderes aufruft, häusliche Gewalt zu stoppen.

120 Quadratkilometer mit teilweise kleinstädtischem, mal ländlichem, mitunter tropischem Charakter. "Nein, ich bin doch keine Soldatin", sagt mit erstauntem Unterton Analyn (Name geändert), die im "O'Kelly's" kellnert, einem Irish Pub mit hohem Geräuschpegel, niedrigen Preisen und dazu passender Speisequalität. Die Mittdreißigerin kommt von den Philippinen und hat als Vertragsarbeiterin ihren Weg auf die Karibikinsel gefunden. Zwei Jahre wird sie bleiben, dann will sie zurück in die Heimat.

"Das Wetter ist gut, die Menschen sind nett, und ich verdiene genug Geld", sagt die Asiatin, die unerschütterlich lächelt, obwohl gerade von einem Tisch nach Bier und vom nächsten nach den Rechnungen gerufen wird. 6000 Menschen wohnen in dem Territorium, das der erste kubanische Präsident Tomás Estrada Palma am 23. Februar 1903 per unbefristetem Pachtvertrag den Amerikanern als Stützpunkt überließ.

Es handelt sich gewissermaßen um eine Drei-Drittel-Gesellschaft: 2000 US-Soldaten – von der Navy über die Marines und die Army bis zur Luftwaffe und Küstenwache –, 2000 Gastarbeiter von den Philippinen und aus Jamaika sowie 2000 amerikanische Zivilisten.

"In Gitmo lässt es sich aushalten"

Richard gehört zu Letzteren. Der Leiter des Postamtes ist geboren in der rauen New Yorker Bronx. Das Kontrastprogramm in der zumindest jenseits der Hurrikansaison verschlafen wirkenden Karibik gefällt ihm so gut, dass er nun schon das zweite Mal hier ist. "Von 2008 bis 2010 war ich als Soldat in Gitmo stationiert und habe gedacht: Da lässt es sich aushalten", sagt der 44-Jährige.

Im vorletzten Jahr kam Richard zurück, um sich im Rahmen eines Vierjahresvertrages um Briefe, Päckchen und Karten zwischen Basis und Mutterland zu kümmern. "Es gibt hier praktisch keine Kriminalität", schwärmt der Vater dreier Töchter und geht dann aber doch noch einmal zurück zu seinem nicht abgeschlossenen Auto, um das iPad herauszuholen.

Man kann ein Fahrrad mieten, einen Tauchkurs buchen, ein Segelboot kaufen, ein Liegeplatz kostet ganze 15 Dollar pro Monat. Ob er sich vorstellen könnte, immer hierzubleiben? Da schüttelt Richard dann doch sehr entschieden den Kopf. "Immer? Hier? Nein!"

"Ich fühle mich wohl. Aber ich bleibe Kubanerin!"

Gloria Martínez hingegen wird nicht mehr wegziehen. "Ich lebe hier, ich arbeite hier, ich fühle mich wohl. Aber ich bleibe Kubanerin, immer!" Gloria hat ein kleines Häuschen nördlich vom Ortskern der weitläufigen Basis. Sie steht im Garten, freut sich über die Versicherung, dass man ihr den in den kommenden Wochen anstehenden 80. Geburtstag wirklich nicht ansieht, und vielleicht noch mehr über die Gelegenheit, aus ihrem Leben erzählen zu können.

Ab 1961 pendelten Gloria und ihr Mann täglich aus dem nahen Guantánamo City, um für die Amerikaner zu arbeiten. Zwei Jahre zuvor hatte Fidel Castro die Macht übernommen. Doch in seine Politik hatte sie wenig Vertrauen. Als der Revolutionär vergeblich versuchte, die Amerikaner zur Aufgabe des kubanischen Inselzipfels zu bewegen, entschied sich das Ehepaar, ganz auf die Basis umzuziehen.

Irgendwann, dachte Gloria, würde sich das Verhältnis normalisieren und sie würde ihre Verwandten auf der anderen Seite wieder besuchen können. 1962 kam es zur Raketenkrise, und Gloria fürchtete, ein neuer Weltkrieg würde ausgerechnet in ihrer Heimat losbrechen. Der Krieg blieb aus, aber die Normalisierung ebenso. Gloria gebar einen Sohn und eine Tochter.

Bis Ende 2012 gab es sogar Tagespendler

Ihr Mann nahm einen Job als Bauarbeiter in Florida an und verunglückte tödlich. Das ist 23 Jahre her. Gloria arbeitet immer noch für die Amerikaner, inzwischen im "Kubanischen Gemeindezentrum". Dort werden ihre Landsleute betreut, die bei den "Gringos" bleiben. Das sind heute noch 36.

Bis zum 31. Dezember 2012 gab es sogar noch zwei tägliche Pendler, die mit Zustimmung der Regierung in Havanna jeden Morgen gegen sechs Uhr per Taxi an das streng gesicherte Nordost-Tor gefahren wurden. Dort nahm ein Fahrzeug der Amerikaner die beiden Männer auf, die jeden Abend auf dem entgegengesetzten Weg wieder heimkehrten nach Guantánamo City. Als die beiden Arbeiter zum Jahresende pensioniert wurden, gab es eine feierliche Zeremonie mit kubanischer und amerikanischen Nationalhymne.

Und für Gloria verschwand wieder ein Stück Heimat hinter dem Zaun. "Ich koche kubanisch, ich esse kubanisch, und wenn ich kubanische Musik höre, macht es mich gleichzeitig glücklich und bringt mich zum Weinen", sagt Gloria. Sie summt, auf Wunsch des Reporters, ein Lied, "Guantanamera". Darin werden die so fleißigen wie stolzen Bäuerinnen der Provinz besungen, und mit jungem Blitzen in alten Augen sagt Gloria: "Wir Kubaner sind ein starkes Volk."

Camp X-Ray ist längst ausgemustert

Als die Amerikaner vor 110 Jahren im Krieg gegen Spanien Kubas Unabhängigkeit unterstützten und dafür Guantánamo Bay pachten durften, ging es ihnen vor allem um einen Stützpunkt zur Versorgung ihrer Schiffe in der Karibik. Sie wurden in dem Hafen mit Kohle, Wasser und Lebensmitteln versorgt.

Auch heute dient Gitmo oder GTMO, wie die gängigen Kürzel für die Basis lauten, als Treibstofflager für Schiffe, als Handelsumschlagplatz und als Werft für Instandsetzungsmaßnahmen. Die berüchtigte Funktion als Gefängniscamp kam erst im Januar 2002 hinzu. Insgesamt 779 Terroristen und Terrorverdächtige wurden seit dem Beginn des Krieges gegen Afghanistan dorthin deportiert.

Bekannt sind die Bilder von Gefangenen im orangen Overall im Camp X-Ray. Es ist längst ausgemustert und von Unkraut überwuchert. Ein "Folterlager" war Guantánamo Bay nie. Gefürchtete Verhörmethoden wie das Waterboarding wurden dort nicht angewandt. Über die Jahre wurden die Haftbedingungen verbessert.

Manche Gefangene will kein Land aufnehmen

Camp Delta verfügt über Sporteinrichtungen und eine Bücherei, es gibt Koranexemplare und Gebetsteppiche in jeder Zelle, die Gebetsrichtung Mekka ist markiert. Den Insassen werden Kurse angeboten für "ein Leben danach", und ihr Speiseplan ist abwechslungsreicher als der für die Soldaten, die sie bewachen.

Aber was bedeutet das für Gefangene, gegen die bis heute teilweise keine Anklage erhoben wurde? Gegen manche liegen keine gerichtsverwertbaren Beweise vor, doch das, was man aus welchen Quellen auch immer über sie erfuhr, lässt es Washington zu gefährlich erscheinen, sie zu entlassen.

Andere gelten hingegen nicht mehr als "feindliche Kämpfer", kommen aber auch nicht frei, weil kein Land sie aufnehmen will – die Vereinigten Staaten eingeschlossen.

Gefangenenlager bringt schlechte Presse

Das alles bringt keine gute Presse, und darum singt Kelly A. Wirfel, eine für die Öffentlichkeitsarbeit der Basis tätige Zivilangestellte, das Hohelied auf die lichten Seiten von Guantánamo Bay. "Von hier aus lief die Katastrophenhilfe für Haiti, als es 2010 das schlimme Erdbeben gab. Von hier aus bekämpft die Küstenwache den Drogenhandel und -schmuggel in der Karibik", sagt Kelly, die einst selbst als Soldatin in Gitmo diente.

"Das Leben hier wird nicht bestimmt von dem Gefangenenlager." Kelly wirbt mit viel Engagement für den ältesten auswärtigen Stützpunkt der USA, den kaum jemand besuchen darf. Nur Journalisten und Prozessbeobachter, vor allem Vertreter von Menschenrechtsorganisationen, sowie Angehörige von Opfern von 9/11 dürfen zu bestimmten Terminen nach Guantánamo, und wenn sie dort sind, gibt es strenge Auflagen, was sie besichtigen und fotografieren dürfen.

Gut 350 Kinder leben in Guantánamo Bay

Während Kelly die Straßen ihrer Basis abfährt, muss sie an einer Kreuzung halten, um einen Schulbus vorzulassen. Es gibt viele von ihnen, einige im für die USA typischen Gelb, andere sind weiß. Denn Guantánamo Bay hat eine Grundschule, eine Middle- und eine Highschool mit immerhin 250 Schülern. Hinzu kommen noch einmal geschätzte 100 Kinder vom Baby bis zum Vorschüler.

Darum finden sich nahe dem Einkaufszentrum nicht nur großzügige Sportanlagen, sondern auch Kinderspielplätze mit Schaukeln und Klettergerüst. Jetzt, zur Mittagsstunde bei knapp 30 Grad Celsius, ist der Ortskern verwaist. Bis auf den anderthalb Meter langen Leguan, der sich in der Sonne rekelt.

Das Reptil ist zum Wappentier von Guantánamo Bay geworden, muss sich den Titel aber teilen mit der von manchen als niedlich angesehenen Bananenratte, einem Nager von der Größe einer Katze. Drittklässler Daniel (Name geändert), 8, hat einen Brieffreund an einer Partnerschule in Virginia. "Warst du schon mal woanders als in Virginia?", will Daniel von ihm wissen. "Was ist deine Lieblingssportart? Ich mag Fußball, und ich mag es, in Kuba zu sein und im Meer zu schwimmen."

Es gibt sogar einen islamischen Friedhof

Von der Wiege bis zur Bahre: Natürlich hat das Hospital der Insel eine Entbindungsstation, und auf der Insel gibt es gleich mehrere Friedhöfe. Dort ist beispielsweise Arthur Vincent Thorniley bestattet, Kapitän der US-Navy, gestorben am 9. Januar 1907. Ein weißer Stein erinnert an "Baby Girl Mankee", den Eltern geschenkt und genommen am 20. März 1950.

Alberta Cotton schied am 4. August 1985 mit 73 Jahren dahin. Genauso alt wurde Inez Robinson, "kubanische Exilantin", die am 20. Januar 2005 starb. Getrennt davon gibt es einen islamischen Friedhof. Mindestens acht Insassen von Camp X-Ray und Camp Delta sind hier beigesetzt. Sechs verübten Selbstmord, einer starb an Herzinfarkt, einer an Krebs.

Kriminelle werden zurückgeschickt

Manchmal kommen Flüchtlinge aus Haiti an, die dem dortigen Elend entfliehen wollen. Haben es Kubaner, zumeist auf dem Seeweg, bis in die Basis geschafft, versuchen die Amerikaner, die Motive herauszufinden.

Kriminelle werden ebenso zurückgeschickt wie Kurzentschlossene, die dem Ehestreit daheim entkommen wollten. Wenn es sich um politische Dissidenten handelt, vermittelt Washington sie binnen einiger Monate nach Australien, in die Schweiz, nach Osteuropa.

Im Gegensatz zu einer Flucht nach Florida eröffnet die Ankunft in Guantánamo Bay keinen automatischen Zugang zur US-Staatsbürgerschaft. Denn die Amerikaner erkennen entsprechend dem 110-jährigen Vertrag die "Souveränität" Havannas über das Territorium der Basis an, während sie selbst "die vollständige Rechtsprechung und Kontrolle" ausüben.

Castro-Regime erkennt Mietvertrag nicht an

Dafür schicken die USA jedes Jahr einen Scheck an einen Staat, mit dem sie keine diplomatischen Beziehungen unterhalten. Einst betrug die Pacht 2000 Dollar, inzwischen sind es 4300. Das Castro-Regime betrachtet den alten Vertrag als unwirksam, weil Kuba damals nicht wirklich frei gewesen sei. Darum löst Havanna die Schecks nicht ein – bis auf eine einzige Ausnahme im Jahr 1959.

Das sei "ein Irrtum" gewesen, sagt der greise Fidel Castro heute. Washington aber interpretiert diese Annahme der 2000 Dollar als Bekräftigung des Vertrages durch die Republik Kuba. Und obwohl die Spannungen grundsätzlich sind, läuft das Verhältnis professionell. Es gibt regelmäßig wechselseitige Konsultationen. Wenn es auf Kuba in der Nähe der Grenze zum Waldbrand kommt, werden die Amerikaner informiert, umgekehrt funktioniert es genauso.

"Parental Guidance" (Die Bestimmer) mit Billy Chrystal und Bette Midler läuft dieser Tage um 21 Uhr im Freiluftkino. Es wird Popcorn angeboten und Cola. Schräg gegenüber wartet McDonald's später auf Kunden, auf Amerikaner, Jamaikaner, Filipinos, Kubaner. Der Mond steht fast kreisrund am Himmel, Sterne funkeln, von der Karibik weht ein leichter Wind. So ist Guantánamo Bay. Auch so ist Guantánamo Bay.

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