01.02.13

Italien

Berlusconi will letzten freien Sender beeinflussen

Ein enger Vertrauter des früheren italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi will den unabhängigen Kanal La7 kaufen. Viele fürchten, dass dies die Meinungsfreiheit einschränken könnte.

Von Constanze Reuscher
Foto: REUTERS

Wahlkämpfer Silvio Berlusconi kann sich freuen: Wahrscheinlich wird der letzte wirklich unabhängige TV-Sender Italiens an einen seiner Vertrauten verkauft
Wahlkämpfer Silvio Berlusconi kann sich freuen: Wahrscheinlich wird der letzte wirklich unabhängige TV-Sender Italiens an einen seiner Vertrauten verkauft

Der einzig wirklich unabhängige TV-Sender Italiens, La7, sucht einen Käufer. Bisher gehörte er zu Telecom Italia, aber dem Telefonkonzern ist der Fernsehkanal zu kostspielig geworden. 200 Millionen Euro Schulden hat La7 angehäuft. Seit Monaten soll der TV-Sender deswegen abgestoßen werden, nur finden sich kaum Interessenten. Auch der deutsche Bertelsmann-Konzern war zeitweise interessiert, scherte aber schnell aus der Gruppe möglicher Käufer aus.

In Poleposition liegt nun ganz allein der kleine Verleger Urbano Cairo, der auch Präsident des Fußballklubs FC Turin ist. Viele fürchten in ihm aber einen Handlanger von Silvio Berlusconi, dem größten Medienunternehmer Italiens.

Cairo ist im Hause Berlusconi ein alter Bekannter: Er ist ein enger Vertrauter Berlusconis, war früher dessen persönlicher Sekretär, dann lange Manager in seinem Medienkonzern. Viele fürchten, dass Cairo nicht die wirtschaftliche Solidität mitbringt, um den Sender allein zu sanieren.

Unabhängiger Prestige-Kanal

Sollte Silvio Berlusconi tatsächlich hinter dem Geschäft stehen, stände damit ein Stück Meinungsfreiheit in der italienischen Medienlandschaft auf dem Spiel. La7 hat sich in den letzten zehn Jahren auch zu einem Prestige-Kanal gemausert, bekannt und beliebt bei einem ständig wachsenden Publikum für hochwertige Infoprogramme, Talkshows und Dokumentationen – klein, aber fein und vor allem politisch neutral.

Das überzeugte viele Starmoderatoren wie Lilli Gruber, Michele Santoro, Daria Bignardi, Corrado Formigli und Enrico Mentana, die beliebtesten Satiriker wie Maurizio Crozza und Corrado Guzzanti, die La7 bei staatlichen und privaten Sendern erfolgreich abgeworben hat. Auch der Chef von La7, Paolo Ruffini, ist ein Star des italienischen TVs, der früher Erfolgsprogramme für die staatlichen Programme schmiedete.

Für Berlusconis Mediaset war der Abgang seines Starjournalisten Enrico Mentana, einst Nachrichtensprecher und Chefredakteur auf Canale 5 und heute für die Nachrichtensendung bei La7 verantwortlich, besonders schmerzhaft.

Mentana trieb mit seiner politisch liberalen Newsshow die Einschaltquoten von La7 hoch – und die von Canale 5 runter. Er liefert neutrale Information, und das ist wichtig in den turbulenten Zeiten, in denen Italien sich befindet – und in einem Land, in dem der TV-Markt von sechs Sendern beherrscht wird, die in zwei monolithische Blöcke aufgeteilt sind.

Käufer Urbano Cairo bekäme den Sender umsonst

Die drei Kanäle Rai1, Rai2 und Rai3 gehören der staatlichen Rundfunkanstalt, die von jeher fest in der Hand von Parteipolitik und Regierungen ist. Die anderen drei, Rete 4, Canale 5 und Italia 1, gehören zum privaten Konzern Mediaset, dem Medienimperium von Silvio Berlusconi.

Der hatte auf diese Weise, solange er Regierungschef war, zeitweilig die gesamte TV-Landschaft Italiens unter Kontrolle. Hinzu kommt der unabhängige Pay-TV-Sender Sky, dessen hochwertige Programme nur gegen kostspielige Abonnements zu haben sind.

Sehr preiswert wäre dagegen der kleine Sender La7 für Urbano Cairo zu haben: Er müsste für den Sender nämlich gar nichts bezahlen. Nachdem Cairo sich aus dem Hause Mediaset und von Berlusconi verabschiedet hatte, machte er seine Geschäfte seit Jahren unter anderem mit Werberechten für das Fernsehen.

Bei La7 hat er schon seit Jahren einen Exklusivertrag, einzigartig in seiner Art selbst in Italien: La7 muss 50 Prozent Provision auf die Werbeeinnahmen zahlen. Ein Knebelvertrag, der auch zu den hohen Schulden geführt hat. Und die will Cairo sich nun sogar teuer bezahlen lassen: Er bietet 100 Millionen Euro für den Sender, aber Telecom Italia soll ebenfalls 100 Millionen Euro an Cairo zahlen, um den Schuldenberg für ihn erträglicher zu machen.

Berlusconi-Tochter forderte Verkauf von La7

Cairos Angebot hat jetzt endgültig die Spekulationen angeheizt: "La7 wird an Freund von B. verschenkt", titelte in dieser Woche die Tageszeitung "Il Fatto Quotidiano". B. steht für Berlusconi. "Es ist nicht Cairo, der La7 kauft, sondern Telecom, die La7 an Cairo verschenkt. Im Auftrag eines dritten: Mediaset" – der Konzern von Silvio Berlusconi, heißt es weiter.

Spekulationen über Berlusconis Interesse an La7 sind nicht neu – spätestens seit seine Tochter Marina, die als Vizepräsidentin der an Telecom beteiligten Mediobanca Mitspracherecht hat, den Verkauf von La7 forderte.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Telecom-Chef Franco Bernabe noch auf ein weiteres Angebot hofft. Senderchef Paolo Ruffini sagte der "Welt": "La7 ist von jeher der einzige unabhängige Sender Italiens. Qualitätsjournalismus und auch Programme, die daran anlehnen, wie gute Satire, haben zu einem beträchtlichen Wachstum beigetragen. Es ist wichtig, dass ein neuer Eigner das respektiert. Sollte sich an unseren Werten etwas ändern müssen, wäre das ein Verlust für die Medienlandschaft und das ganze Land."

Enrico Mentana, Chefredakteur der erfolgreichen Nachrichtensendung von La7, antwortet hingegen auf die Frage, ob der anstehende Verkauf an Cairo und dessen Nähe zu Berlusconi ihm Sorgen mache: "Ich habe eine starke Position und mache mir keine Sorgen. Ich habe dem Sender hohe Quoten verschafft, ohne mich wäre er vielleicht schon pleite. Wir sollten froh sein, wenn sich ein Käufer findet, der unsere Bilanz in Ordnung bringt und in die Zukunft des Senders investiert."

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