31.01.13

Terrorgruppe

Die merkwürdigen Zufälle bei den PKK-Toten

In Paris werden drei PKK-Frauen umgebracht, in Moskau stirbt ein kurdischer Waffenhändler. Doch die türkische Regierung "verhandelt" mit PKK-Chef Öcalan. Sind die Morde Zufall oder Strategie?

Von Boris Kálnoky
Foto: AFP

An der Beerdigung der in Frankreich getöteten PKK-Aktivistinnen nahmen in Tunceli Tausende Kurden teil
An der Beerdigung der in Frankreich getöteten PKK-Aktivistinnen nahmen in Tunceli Tausende Kurden teil

Als Anfang Januar drei PKK-Aktivistinnen in Paris erschossen wurden, sprachen sowohl Frankreich als auch die Türkei von einer "internen Abrechnung." Denkbar seien auch niedere Motive wie Geld – eine der Frauen, PKK-Mitgründerin Sakine Cansiz, galt als zentrale Geldbeschafferin in Deutschland – oder Eifersucht.

Der mutmaßliche Täter, Ömer Güney, wurde von den Behörden und den Medien – auch vom Schreiber dieser Zeilen - zunächst als Kurde bezeichnet, was seine Familie aber dementierte. Tatsache ist, dass ein kurdischer Mitbewohner ausgesagt haben soll, Güney habe gesagt: "Ich bin kurdischer als Du".

Er war, anders als in ersten Berichten behauptet, offenbar nicht PKK-Mitglied, wohl aber Mitglied eines kurdischen Kulturvereins in Frankreich, und hatte in den vergangenen zwei Jahren das PKK-nahe kurdische Milieu frequentiert.

Hinweis auf Verwicklung des türkischen Staates

Davor aber, so schreibt der angesehene türkische Kommentator Murat Yetkin, habe er "paradoxerweise" das nationalistische türkische Milieu frequentiert.

Wo Yetkin einem "Paradox" sieht, und wohl "Zufall" meint, sehen kurdische Stimmen einen Hinweis auf eine Verwicklung des türkischen Staates – was französische und türkische Ermittler jedoch ausschließen.

Es wird aber noch paradoxer. Nach den Morden von Paris prophezeiten sowohl der frühere türkische Justizminister Mehmet Ali Sahin, als auch Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, dass es zu weiteren Morden an PKK-Führern "beispielsweise in Deutschland" kommen werde.

Als Ausdruck eines Richtungsstreits in der PKK. Denn die türkische Regierung "verhandelt" derzeit, oder spricht zumindest mit PKK-Chef Abdullah Öcalan und erlaubt ihm Kontakt mit Vertretern der PKK-nahen Kurden-Partei BDP.

"Opa Hassan" starb in Moskau

Es kam tatsächlich zu einem weiteren Mord, aber (noch) nicht in Deutschland. Eine Woche nach den Pariser Morden wurde am 16. Januar in Moskau der kurdisch-stämmige Mafiaboss und Waffenhändler Aslan Ussojan ("Opa Hassan") erschossen. Yetkin bezieht sich auf russische Medien und türkische Geheimdienstquellen, denen zufolge Ussojan ein wichtiger Waffen- und Geldbeschaffer für die PKK gewesen sei.

Nicht nur im Ausland sterben ranghohe PKK-Führer. Am 13. Januar, also zwischen den Morden von Paris und Moskau, wurde Mehmet Sirin Cebe bei einer Polizeirazzia in Nusaybin im Südosten der Türkei erschossen.

Er soll einer der ranghöchsten PKK-Kommandeure der Region gewesen sein. Und kurz vor den Pariser Morden starb Ertem Karabulut, der PKK-Kommandeur für die Region um die Kurdenmetropole Diyarbakir, am 31. Dezember 2012 in einem Feuergefecht in der Stadt.

PKK wollte Gebiete dauerhaft "befreien"

Das waren herbe Verluste für die PKK. Erstmals seit vielen Jahren hatte sie im Sommer versucht, Gebiete dauerhaft zu "befreien", beließ also ihre Kämpfer in der Region, statt sie nach einem gelungenen Angriff sofort in den Nordirak zurückzuziehen. Und auch jetzt, im Winter, sind die PKK-Verbände noch da.

Da sind sie natürlich türkischen Angriffen ausgesetzt, und die PKK hat öffentlich schwere Verluste eingeräumt – rund zehn Prozent ihrer Kämpfer will sie im Sommer verloren haben. Vermutlich sind es mehr. Die Kämpfer sind kein Problem, "Kanonenfutter" kann neu rekrutiert werden. Aber der Verlust, innerhalb von 17 Tagen, von erfahrenen Kommandeuren im Inland, sowie wichtigen Geld- und Waffenbeschaffern im Ausland, ist ein schwerer Schlag.

Die Frage ist nun: Sind die gehäuften Tötungen von PKK-Führern ein Ergebnis zufälliger Gleichzeitigkeit, oder steckt eine Strategie dahinter, eine führende Hand? Auf kurdischer Seite mehren sich die Stimmen, die in den "Verhandlungen" einen Versuch sehen, nicht etwa Frieden zu erreichen, sondern die PKK entscheidend zu schwächen. Gezielte Morde einerseits, eine fortdauernde Militäroffensive, und moralische Schwächung, indem man mit "Friedensgesprächen" für Streit und Verwirrung in der PKK sorgt.

Türke soll nach England gereist sein

Vielleicht sind es alles Zufälle. Aber die PKK-Zeitung "Yeni Özgür Politika" schrieb am 28. Januar, dass ein Türke namens Adnan Gürbüz, aus Ömer Güneys Heimatstadt, der auch in denselben nationalistischen Kreisen verkehrte, am Tag der Morde in Paris gewesen, und am folgenden Tag nach England weitergereist sei.

Das Rätselraten geht weiter – und das Warten auf die angekündigten "Morde in Deutschland", deren Ankündigung man bei der PKK als eine offene Drohung der Regierung versteht. Da mag Paranoia oder Desinformation im Spiel sein und alles doch ein Richtungsstreit. Oder die Desinformation erfolgt umgekehrt, und die Türkei jagt PKK-Führer wie Israel palästinensische Terroristen. Oder – es ist alles Zufall.

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