30.01.13

Franzosen in Kidal

Von Malis islamistischen Kämpfern fehlt jede Spur

Die Islamisten in Mali haben nun auch Kidal, ihre letzte Hochburg, kampflos aufgegeben. Vermutlich haben sich in die Berge zurückgezogen. Französische und malische Soldaten rücken weiter vor.

Von Alfred Hackensberger
Foto: AFP

Ein Mann in Ansongo, südlich der Stadt Gao, winkt mit einer französischen Flagge und raucht genussvoll eine Zigarette. Bis die französischen Truppen gemeinsam mit Soldaten aus Mali und Niger die Stadt von den Islamisten befreiten, war Rauchen wie auch Alkohol trinken und Musik als unislamisch verboten
Ein Mann in Ansongo, südlich der Stadt Gao, winkt mit einer französischen Flagge und raucht genussvoll eine Zigarette. Bis die französischen Truppen gemeinsam mit Soldaten aus Mali und Niger die Stadt von den Islamisten befreiten, war Rauchen wie auch Alkohol trinken und Musik als unislamisch verboten

In der Nacht zu Mittwoch landeten die ersten Transportmaschinen mit französischen Soldaten und ihren Fahrzeugen. Hubschrauber kontrollierten die Umgebung. Bei Tageslicht wurden erste Patrouillen nach Kidal geschickt.

Es ist die letzte der drei großen Städte im Norden Malis, die von den Islamisten besetzt war. Wie schon in Gao und Timbuktu verließen die Rebellen auch Kidal kampflos. "Die Franzosen kamen um 21.30 Uhr in drei Flugzeugen", berichtete Haminy Maiga, der Interimspräsident der Regionalversammlung. "Sie übernahmen den Flugplatz und fuhren in die Stadt. Es gab keine Kampfhandlungen."

Ansar al-Din, die Verteidiger des Glaubens, hatten den 1500 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Bamako gelegenen Ort regiert. Der Flughafen von Kidal war ein Dreh- und Angelpunkt des internationalen Schmuggels.

Von hier aus wurden Kokain und Zigaretten über den Luftweg in die Länder Nordafrikas gebracht. Tonnenweise wurde Haschisch aus Marokko in den Süden Afrikas transportiert. "Das Millionengeschäft mit dem Schmuggel ist einer der wichtigsten Hintergründe der Krise in Mali", erklärte Ahmedou Oud Abdallah.

Der 72-Jährige hatte mehrere Ministerposten in Mauretanien inne und war UN-Beauftragter in Somalia. Heute ist er als Berater tätig und unterhält einen Think Tank.

Tuaregs behaupten, sie kontrollieren die Stadt

Unklar ist bisher noch, wer nach dem Abzug der Islamisten am Samstag die Kontrolle der Stadt übernommen hat. Die Tuareg-Bewegung für einen unabhängigen Staat Azawad (MNLA) behauptet, in die Stadt einmarschiert zu sein.

Die MNLA hatte im Januar 2012 eine Rebellion gegen die Zentralregierung in Bamako gestartet. Innerhalb von drei Monaten eroberten sie den gesamten Norden Malis. Nach dem Ausruf des unabhängigen Staats Azawad im März wurden die Tuareg von den Islamisten entmachtet und vertrieben.

Im Juni hatte das islamistische Bündnis aus Ansar al-Din, der Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika (Mujao) und Al-Qaida im Islamischen Maghreb (Aqmi) das Gebiet, das doppelt so groß wie Deutschland ist, unter ihrer Herrschaft.

Abspaltung von Ansar al-Din erhebt Ansprüche

In Kidal meldete sich auch die Islamische Bewegung Azawad (Ima) zu Wort, eine Abspaltung von Ansar al-Din. "Wir haben die Stadt übernommen", hieß es von ihrer Seite. Vor einer Woche hatte der Tuareg-Führer Alghabass Ag Intalla die Gründung der neuen Gruppe im Radio Frankreich International bekannt gegeben.

"Wir sind gegen Extremismus und Terror. Wir wollen eine friedliche Lösung." Angeblich will Ima mit dem französischen Militär in Kidal in Kontakt sein und über den Status der Organisation verhandeln.

Der Sinneswandel kommt etwas spät. Viele Trümpfe dürfte Ima nicht besitzen. Mit der bisher erfolgreichen französischen Intervention stehen die Tuareg mit dem Rücken zur Wand. Über ein halbes Jahr hatten sie mit den islamistischen Extremisten gemeinsame Sache gemacht.

"Pragmatismus ist in dieser Region völlig normal", erläutert der mauretanische Ex-Diplomat Abdallah. "Sehen Sie, jeder kann hier eine Miliz gründen, wenn nur das Geld stimmt. Und alle sind begeistert von der neue Sache."

Wo sind die Islamisten jetzt?

Die große Frage in Kidal bleibt: Wohin sind die islamistischen Kämpfer verschwunden? Ohne Vergeltungsmaßnahmen werden sich gerade die Al-Qaida-Kommandanten Mokhtar Belmokhtar und Abdelhamid Abu Zeid nicht in die Wüste zurückziehen. Beide sind berüchtigt für ihre Brutalität und Radikalität.

Belmokhtar, der in Afghanistan auf Seiten der Taliban kämpfte, soll der Drahtzieher des Anschlags auf die algerische Gasanlage in In Amenas sein. Abu Zeid gilt als Verantwortlicher zahlreicher Entführungen und Exekutionen von Europäern.

Laut Berichten aus Kidal sollen sich beide Aqmi-Führer, zusammen mit Iyad Ag Ghaly, dem Chef von Ansar al-Din, in die Berge nördlich der Stadt zurückgezogen haben. Dort gibt es Höhlensysteme, die den Islamisten als logistische Basis dienen.

Aus dem bergigen Terrain können sie jederzeit Angriffe auf Patrouillen der französischen oder malischen Armee starten. Von Kampfflugzeugen sind sie nur schwer auszumachen.

Angst vor Menschenrechtsverletzungen

Über militärische Strategien machen sich Menschenrechtsorganisationen kaum Gedanken. Sie sorgen sich um die Zivilbevölkerung. Nach der Befreiung von Timbuktu wurden Geschäfte von Tuareg und Arabern geplündert.

Ein Mob wollte sogar zwei Ladenbesitzer lynchen, denen man die Unterstützung der Islamisten nachsagte. Im letzten Moment konnte das verhindert werden – mit Hilfe von malischen Soldaten, die alles andere als eine gute Reputation besitzen, was die Einhaltung der Menschenrechte angeht.

Human Rights Watch (HRW) und andere Menschenrechtsorganisationen machen sie für Exekutionen verantwortlich. Mitte Januar sollen Soldaten Tuareg und Araber hingerichtet haben, die man als Islamisten verdächtigte. Nicht der erste Fall.

Im September 2012 sollen sie 16 muslimische Prediger nahe Diabali erschossen haben. Diese Morde gelten als möglicher Grund für die Eroberung und teilweisen Zerstörung der Kleinstadt im Westen Malis durch die Islamisten.

Der Internationale Strafgerichtshof (ICC) hat eine Untersuchung in Mali eingeleitet. "Ich möchte alle am Konflikt beteiligten Parteien daran erinnern", erklärte die ICC-Chefanklägerin Fatou Bensouda, "dass mein Büro die Jurisdiktion über alle ernsten Verbrechen hat und die Täter zur Verantwortung gezogen werden müssen."

Die französische Regierung will möglichst bald internationale Beobachter nach Mali entsenden, "um die Einhaltung der Menschenrechte zu gewährleisten", wie Premierminister Jean-Marc Ayrault in Paris versicherte.

Angst vor Rache

In Kidal, der Hauptstadt der Tuareg-Rebellion, wird sich zeigen, wie sehr die malische Armee gewillt ist, internationales Recht zu respektieren. "Die Tuareg sind doch an dem ganzen Schlamassel Schuld", lautet die populäre Meinung in Mali. Im Norden Malis machen die Tuareg nicht mehr als 15 Prozent der Bevölkerung aus.

Ihr unabhängiger Staat, den sie im März ausriefen, galt als Diktat einer ethnischen Minorität über die Mehrheit der Bewohner der Region. Unter den Tuareg geht nun die Angst vor Racheaktionen um.

Sie gelten wegen ihrer Hautfarbe als die "Roten". In Bamako wedelten neunjährige Kinder auf der Straße mit französischen Flaggen und riefen: "Wir sind Rote, wollen aber allen zeigen, dass wir nichts mit den Terroristen gemein haben."

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