30.01.13

"Zero Dark Thirty"

Wer gefoltert wird, der muss auch schuldig sein

Kathryn Bigelow erzählt in "Zero Dark Thirty" von der Jagd auf Osama Bin Laden. Es ist ein zutiefst zwiespältiger Film geworden, weil er Folter zwar schonungslos zeigt, aber keine Stellung dazu nimmt.

Von Hanns-Georg Rodek
Quelle: Universal
24.01.13 2:00 min.
"Zero Dark Thirty" erzählt von der Jagd nach der Führungsspitze der al-Qaida. Die Elite-Truppe der Navy Seals soll den Terroristen Osama Bin Laden finden und stellt ihn schließlich in Pakistan.

Ein junger Mann mit mittelöstlichem Aussehen steht da wie ein X, Füße gespreizt und Arme über dem Kopf ausgebreitet. Er kann nicht anders, denn Stricke halten ihn in dieser hilflosen Position.

Mit ihm in dem dunklen Schuppen befinden sich einige Männer mit westlichem Gesichtseinschlag. Ihr Anführer redet auf den Gefangenen ein, und es liegt eine ungeheuere Diskrepanz zwischen der Sachlichkeit seines Ton und der Drohung in seinen Worten: "Wenn du nicht redest, werde ich dich bestrafen. Wenn du mir nicht alles sagst, werde ich dich bestrafen. Wenn du nicht die Wahrheit sagst, werde ich dich bestrafen." Der Gefangene bleibt stumm.

Nun beginnt das, was nach dem 11. September 2001 als "Waterboarding" notorische Bekanntheit erlangt hat. Der Verhörleiter legt dem Gefesselten ein Tuch über Mund und Nase und tränkt es immer wieder mit Wasser, damit das Opfer das Gefühl bekommt, zu ertrinken. Es gibt eine "mildere" Form des Waterboarding, bei dem das Objekt in einer Position fixiert wird, wobei der Kopf tiefer liegt als der restliche Körper, um das Eindringen von Wasser in die Lungen und damit tatsächliches Ertrinken zu verhindern. Das Waterboarding in "Zero Dark Thirty" ist die verschärfte Form, weil der Gefangene dabei stehen muss.

Dies ist Waterboarding in verschärfter Form

Wir haben nun schon fast ein Fünftel dieses Artikels auf die Eingangssequenz des neuen Films von Kathryn Bigelow verwendet, und das ist durchaus angebracht, denn diese Sequenz ist selbst quälend lang und etabliert die Betrachtungsweise der Regisseurin. Neben den Folterern befindet sich noch eine junge Frau im Raum, die sich nicht beteiligt und die Nase zuhält, als der Gefangene vor Angst in die Hose macht. Schließlich bleiben die beiden allein in dem Schuppen zurück, und der junge Mann bittet die Frau um Hilfe, vergebens. "Helfen Sie sich selbst, indem Sie ehrlich sind", entgegnet sie, verlässt den Raum und lässt ihn in seinen Fesseln zurück.

Man muss, spricht man über "Zero Dark Thirty", den Film über die Jagd von Militär und CIA nach Osama Bin Laden, zuallererst von Geisteshaltungen sprechen. Die Männer, die im Auftrag der Regierung George W. Bush hier Menschen waterboarden, schlagen und in ihren Fesseln hängen lassen, sind keine Sadisten, keine Amon Göths, wie der Aufseher, der KZ-Häftlinge von seinen Hunden zerfleischen ließ. Sie handeln im militärischen Auftrag, glauben ihrem Land einen Dienst zu erweisen, und wenn ihnen ihr Handwerk allmählich auf die Nerven geht, lassen sie sich versetzen.

Die junge Frau, Maya heißt sie, und gespielt wird sie von Jessica Chastain (die dafür einen Oscar gewinnen könnte), bleibt jenseits ihres missionarischen Eifers, die Spur von Bin Laden zu finden, ein komplettes Rätsel. Wir erfahren nicht nur nichts über ihren Hintergrund, nein, Kathryn Bigelow verweigert ihr auch jegliche Reflexion über das, was sie hier tut.

Die Filmheldin bleibt ein komplettes Rätsel

Dies entspricht exakt der Haltung, welche die Regisseurin selbst gegenüber ihrem Stoff einnimmt. Ihr einziges Interesse bestand offenbar in einer möglichst faktengetreue Wiedergabe der jahrelangen Jagd auf Amerikas Staatsfeind Nummer eins, ohne die Spur einer Wertung des Gezeigten.

Nun kann man begrüßen, dass Bigelow die hollywoodüblichen Fallgruben Verherrlichung und Verharmlosung vermieden hat. In anderen – männlichen – Händen wären aus den Bin-Laden-Jägern Action-Heroen geworden, hier verrichtet eine Elite-Einheit eine schmutzige Arbeit, ohne sich patriotisch gut dabei zu fühlen. Es hätte auch kaum einen anderen Regisseur in Amerika gegeben, der bei der Darstellung von Folter nicht viel früher verschämt die Kamera anderswohin hätte blicken lassen.

Gerade weil sie in diesem Punkt so ehrlich ist, verfängt sich Bigelow aber in einem anderen Dilemma: Wer Folter so ungeschminkt beschreibt, kann sich nicht auf den neutralen Standpunkt des reportagehaften Betrachters zurückziehen. Folter verlangt Parteinahme. Doch genau das versäumt Bigelows Film.

Es ist, bei genauerem Hinsehen, sogar noch schlimmer. All die Gefangenen, die im Laufe von "Zero Dark Thirty" gefoltert werden (oder offensichtlich schon gefoltert worden sind), gestehen irgendwann, liefern irgendwann genau die Information, die ihre Peiniger von Anfang an in ihren Köpfen vermutet haben. Es gibt keinen Unschuldigen, der sich im Netz verfangen hätte. Welch bessere Begründung könnte ein sich sachlich gebender Film dafür liefern, dass Folter doch ihre Berechtigung besitzt?

Alle Folteropfer haben ihre Behandlung verdient

"Zero Dark Thirty" versagt auf mehreren Ebenen. Zum Ersten lässt sich Folter nicht sachlich, nicht ohne moralische Wertung darstellen, ganz gleichgültig, zu welchem "guten Zweck" sie ausgeübt wird. Zum Zweiten rechtfertigt er Folter indirekt, da er kein einziges Opfer zeigt, dessen Unschuld sich herausstellt.

Und zum Dritten krankt er an Bigelows Faszination mit militärischen Abläufen, die schon in "K-19 – Showdown in der Tiefe" und "Tödliches Kommando – The Hurt Locker" zu beobachten war, diesmal aber negativ ins Gewicht fällt, weil sie keine spannende Geschichte zu erzählen hat, worin sie eingebettet wäre. Denn dass Bin Laden am Ende tot sein wird, weiß jeder Zuschauer.

Bigelow jedoch setzt ihr Tötungskommando einfach in zwei Flugzeuge und lässt sie endlos durch die Bergtäler des Hindukusch kurven, und die letzte halbe Stunde verbringt ihr Film mit der Attacke auf das Anwesen des Terroristen. In den grünstichigen Bildern von Nachtsichtgeräten erobern maskierten Figuren Zimmer für Zimmer, und die Regisseurin schwelgt in kleinen Explosionen, die verrammelte Türen sprengen, und Elitesoldaten, die mit angelegtem Sturmgewehr durch enge Gänge schleichen und hin und wieder einem Anwesenden gezielt in den Kopf schießen.

Auch in den USA gab es eine Debatte – eine andere

Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass auch in den USA eine Debatte über "Zero Dark Thirty" stattfand, der sich momentan Hoffnungen auf fünf Oscars machen kann, darunter den für den Besten Film des Jahres. Allerdings war es eine ganz andere Debatte als die um die Haltung zur Folter.

So beschwerten sich einige Politiker, in den Film seien CIA-Informationen eingeflossen, die hätten geheim bleiben müssen. Drei Senatoren verlangten außerdem eine Klarstellung der Produzenten, dass die Informationen, die zur Ermordung Bin Ladens führten, nicht durch Folter gewonnen worden seien – beides reine Nebelwerferdebatten.

Die Herren Senatoren hätten sich an die Szene in "Zero Dark Thirty" erinnern sollen, in der drei CIA-Agenten irgendwo auf der Welt Präsident Barack Obama im Fernsehen zuschauen, der im Brustton der Überzeugung versichert, sein Land foltere nicht. Die CIA-Leute stutzen kurz. Dann nehmen sie dieses ihr Handwerk wieder auf.

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