27.01.13

Chile

Merkels Probleme mit den beiden Latinas

Die mächtigsten Politikerinnen auf dem EU-Lateinamerika-Gipfel sind Frauen – die schwierigsten aber auch. Brasiliens Präsidentin beklagt billiges Geld, die Argentinierin stemmt sich gegen Freihandel.

Foto: REUTERS

Die drei mächtigsten Frauen auf der Konferenz: Dilma Rouseff (l.), Angela Merkel (Mi.) und Cristina Fernandez de Kirchner
Die drei mächtigsten Frauen auf der Konferenz: Dilma Rouseff (l.), Angela Merkel (M.) und Cristina Fernandez de Kirchner (unter dem Fächer)

In Deutschland gilt Lateinamerika weithin noch immer als armer Kontinent, in dem Machos den Ton in Ländern angeben, die von den USA abhängig sind. Wie wenig dieses Bild noch mit der Wirklichkeit zu tun hat, konnte die deutsche Kanzlerin am Wochenende erfahren: Angela Merkel besuchte in Santiago der Chile einen Gipfel, den die EU mit der Organisation CELAG veranstalte.

Dies ist eine relativ neue internationale Organisation, die lateinamerikanische und karibische Länder vereint und – am wichtigsten – die nordamerikanischen Länder USA und Kanada ausschließt.

Die Idee dazu hatte ausgerechnet Hugo Chávez, der Linkspopulist aus Venezuela. Merkel traf Chávez vor einigen Jahren bei einem Gipfel, der exzentrische Politiker erzählte davon anschließend live und ausführlich in seiner persönlichen Sendung im Staatsfernsehen. Diesmal fehlte Chávez, er ist schwer krank und wurde von seinem Vizepräsidenten vertreten.

Aus dem Lager der alten Revolutionsführer und Caudillos waren so nur noch Nicaraguas Daniel Ortega und Kubas Rául Castro übrig. Letzterer suchte am Rande der Beratungen tatsächlich die Nähe der Kanzlerin, wie ein von den Kubanern auch sofort verbreitetes Foto beweist. Angeblich hat Merkel Castro aber nur begrüßt und anschließend eine glückliche Hand gewünscht bei seinem Vorhaben, endlich die Zahl der politischen Gefangenen auf der sozialistischen Insel zu verringern.

Deutschland spielt beim Handel nur eine Nebenrolle

Eine Randepisode: Das ideologische Zeitalter ist auch in Lateinamerika vorbei. Und das Zeitalter der Armut vielleicht auch bald. Die hohen Rohstoffpreise treiben fast auf dem gesamten Kontinent das Wachstum. Das Gastgeberland Chile erhält von der Bundesregierung schon keine Entwicklungshilfe mehr, es strebt an, bis 2020 den Status eines Industrielandes zu erreichen.

Freilich boomt der Handel vor allem mit Asien. Europa, Deutschland gar, spielt nur eine Nebenrolle, woran sich auch künftig wenig ändern dürfte: Merkel wurde von einer Wirtschaftsdelegation begleitet, unterzeichnete aber lediglich eine dünne Absichtserklärung für eine verstärkte Zusammenarbeit im Rohstoffsektor.

Die eigentlichen wirtschaftlichen Giganten auf dem Kontinent sind Brasilien, das eindrucksvolle Wachstumsjahre hinter und gewaltige Investitionen vor sich hat, und Argentinien – eher ein schlafender Riese, der mit inneren Problemen beschäftigt ist. Beide Länder, die sich traditionell wie aktuell nicht überaus grün sind, haben noch etwas gemeinsam: Sie werden von Frauen regiert.

Merkels außenpolitischer Chefberater Christoph Heusgen hatte vorab so genannte "Bilaterals", Diplomatensprache für Zwiegespräch, mit beiden vereinbart. Der Inhalt blieb vertraulich, doch allein der öffentliche Auftritt der Damen lässt die Gesprächsatmosphäre erahnen.

Roussef, die einst als Kämpferin gegen die Militärdiktatur in ihrem Land gefoltert wurde, leistet sich auch heute eigene Meinungen: Sie sieht nicht nur die französische Militärmission in Mali kritisch, sondern vor allem die Krisenbekämpfungspolitik der amerikanischen und europäischen Zentralbanken.

Das billige Geld führe zu einer Abwertung von Dollar und Euro, sogar das Wort vom "Währungskrieg" fällt in Brasilien und Roussef antwortet mit harten Schutzzollen. Auch früher hat sie Merkel nicht nur Freude bereitet: Sie lehnte Investitionen in den Euro-Rettungsfonds über die Konstruktion eines so genannten Hebels ebenso entschieden ab wie neue Einzahlungen in den Internationalen Währungsfonds zur Euro-Rettung. In der mächtigsten Frau Lateinamerikas hat die mächtigste Frau Europas jedenfalls keine natürliche Verbündete.

Leichte innereuropäische Rempeleien

Überrascht wurde die Kanzlerin von vielen sorgenvollen Fragen: Zwar gilt die Euro-Krise vielen lateinamerikanischen Staatschefs für eingehegt, dafür macht man sich jetzt über ein Ausscheiden von Großbritannien aus der Gemeinschaft Sorgen. "Ich darf sie beruhigen, David Cameron und Großbritannien sind weiter Teil der EU", erklärte Merkel schon fast genervt.

Zu leichten innereuropäischen Rempeleien kam es zwischen Merkel und Mariano Rajoy. Der spanische Ministerpräsident, traditionell der erste Ansprechpartner für Lateinamerikaner in der EU, war durch Merkels Anreise zum Gipfel etwas in den Hintergrund geraten.

Vielleicht auch deshalb erteilte er ihr ungefragt Ratschläge: "Spanien ist zur Zeit nicht in der Lage, eine expansive Wirtschaftspolitik zu führen", sagte er: "Die Länder, die es können, sollten es tun." Die alte Forderung der Südeuropäer also, Deutschland solle seine Sparpolitik aufgeben und mehr Geld in Europa ausgeben. Merkel antwortete kühl, Deutschland leiste sehr wohl seinen Beitrag für eine robuste Euro-Zone.

Am besten arbeitet Merkels schwarz-gelbe Bundesregierung nicht mit den großen, sondern mit mittleren Ländern wie Chile oder Peru zusammen, die auf den Welthandel setzen. Das tut Cristina Fernandez de Kirchner, die dritte interessante Staatsfrau auf dieser Konferenz, gar nicht: Die Präsidentin Argentiniens, die in schwarzem Spitzenkleid und elegantem Fächer schon äußerlich auffiel, hielt in den internen Gipfelrunden auch den meistbeachteten Wortbeitrag: eine langatmige Rede, die bei den europäischen Zuhörern jede Illusion zerstörte, mit Argentinien in absehbarer Zeit ein Freihandelsabkommen zu erreichen.

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