27.01.13

Mali

"Für Frauen war die Scharia eine Katastrophe"

In Gao werden die französischen und malischen Truppen mit Jubel begrüßt. Mehr als sechs Monate lang mussten die Bewohner die Herrschaft der Islamisten erdulden. Es gab Steinigungen und Zwangsheiraten.

Von Alfred Hackensberger
Foto: dpa

Malische Soldaten patrouillieren auf einem Pickup
Malische Soldaten patrouillieren auf einem Pickup

Die französische Militärführung sprach von einem so "schwierigen wie langen Kampf" gegen die Islamisten. Nun scheint die Operation im Norden Malis schneller und einfacher zu verlaufen als erwartet. Binnen weniger Tage wurden nach Diabali und Konna die Städte Duentza, Hombori und vor allen Dingen Gao eingenommen. Die strategisch wichtige Stadt liegt am Niger, dem bedeutendsten Fluss Westafrikas und Lebensader Malis. Nach Timbuktu sind es 320 Kilometer und zur Grenze zu Niger nur 200. Von dort sollen nigerische Truppen und Soldaten aus dem Tschad nach Gao kommen, um die Stadt zu sichern.

Der Vormarsch der Franzosen geht so rasch vor sich, weil die Rebellen kampflos aus den von ihnen besetzten Orten abziehen. Nur in Gao soll es Gefechte gegeben haben, bei denen "etwa ein Dutzend Kämpfer" getötet wurden. "Die Rebellen sind nach den ersten Bombardierungen abgezogen", berichtet Mohammedou, ein Bewohner Gaos, der als Journalist arbeitet. "Das Kommando überließ man lokalen Kämpfern, die sich freiwillig den Islamisten angeschlossen hatten."

Die Verteidiger des Glaubens (Ansar al-Dine), die Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika (Mujao) sowie al-Qaida im Maghreb (Aqim) mussten durch den Einsatz französischer Kampfflugzeuge herbe Verluste hinnehmen. Gezielt wurden Stellungen, Ausbildungslager der radikalen Islamisten, aber vor allen Dingen auch ihre Logistik bombardiert.

Mehrere Benzin- und Waffenlager wurden erfolgreich zerstört. Unzählige ihrer Fahrzeuge, die typischen Pick-Ups mit Maschinengewehrstellungen auf der Ladefläche, gingen in Flammen auf. Mobilität ist in einem Wüstengebiet, das doppelt so groß ist wie Deutschland, der entscheidende Faktor. Ohne entsprechende Ressourcen sind die Islamisten leichte Beute für "die Kreuzfahrer aus dem Westen".

"Eines Tages werden wir dich erwischen"

In Gao wurden die französischen und malischen Truppen von einer jubelnden Bevölkerung begrüßt. Über sechs Monate hatten die 100.000 Bewohner der von braunen Lehmbauten geprägten Stadt die Herrschaft der Islamisten erdulden müssen. "Die Touristen kamen nach Gao, um Dünen, Märkte, die islamischen Heiligengräber und die antike Askia-Moschee zu sehen, deren Lehm aus Mekka stammt", erzählt Mohammedou. Neben Sightseeing hätten sich die Besucher auch amüsieren können. "Wir hatten zehn Nachtclubs und über 100 Bars, in denen man sich 24 Stunden betrinken konnte", fügt der 32-Jährige schwärmerisch hinzu. "Nur die Islamisten haben das alles verboten, als sie letztes Jahr einmarschierten."

Mohammedou erinnert sich noch gut an die drohenden Worte von Abdelkarim, dem Führer von Mujao, die Gao zu ihrer Basis machten. "Wir wissen, dass du heimlich rauchst. Pass nur auf, eines Tages werden wir dich erwischen." Neben Mujao war auch ein Teil der Aqim unter dem Befehl von Mokhtar Belmokhtar nach Gao gekommen. Der ehemalige Afghanistankämpfer gilt als Drahtzieher des blutigen Anschlags auf die algerische Gasförderanlage in Amenas, bei dem 37 Geiseln ums Leben kamen.

Anfangs galten die Extremisten als Befreier, nachdem sie die nationale Bewegung für einen unabhängigen Tuareg-Staat Azawad vertrieben hatten. Die MNLA hatte im Januar 2012 eine Rebellion gegen die Zentralregierung in Bamako gestartet und binnen dreier Monate den ganzen Norden Malis besetzt. In Gao plünderten die Tuaregs hemmungslos. Frauen wurden vergewaltigt. "Ich sah wie eine Gruppe der MNLA-Kämpfer mit 30 Frauen im Busch verschwanden und erst nach einer Woche wieder zurückkamen", erzählt Idriss, der als Fahrer für einen der Tuareg-Führer arbeitete. "Man sah den Frauen an, dass ihnen etwas Schreckliches widerfahren ist."

"Nichts anderes als Gruppenvergewaltigungen"

Die Islamisten verteilten Nahrungsmittel an die Bevölkerung, stoppten Plünderungen und richteten eine Telefonhotline ein. Die Bewohner von Gao sollten Verstöße der MLNA melden. "Mir ist ein Fall eines verschleppten Mädchens bekannt, das von den Islamisten gerettet wurde", weiß Corinne Dufka, die für Human Rights Watch (HRW) für Westafrika zuständig ist.

Aber bereits nach einem Monat verschlechterte sich die Lage für die Einwohner von Gao vehement. Eine puritanische Form der Scharia, des islamischen Rechts, wurde eingeführt. Montag und Donnerstag hielten die Islamisten Gericht.

Die Urteile wurden auf dem Platz der Unabhängigkeit, unweit des Gouverneurspalastes, öffentlich vollstreckt. "Es gab zwei Steinigungen und viermal wurde vermeintlichen Dieben die Hand abgeschnitten", erinnert sich Journalist Mohammedou. "Ein Mann lachte hysterisch, als man ihm seine Hand absäbelte." Danach habe man den Betroffenen zum Krankenwagen gebracht, in dem ein Arzt wartete.

"Für die Frauen war die Scharia eine Katastrophe", erklärt die stellvertretende Bürgermeisterin von Gao. "Die malische Frau kann sich in der Öffentlichkeit normalerweise frei bewegen", meint Saima Issa Maiga. "Sie geht zur Arbeit, auf den Markt und trifft sich mit anderen. Und plötzlich durfte sie das Haus nicht mehr verlassen. Was für eine Groteske." Reihenweise habe es auch unter der Herrschaft der Islamisten Vergewaltigungen gegeben, behauptet die Bürgermeisterin. "Kein Unterschied zur MNLA."

Ganz so sieht es die HRW-Verantwortliche Dufka nicht. "Eine lokale Organisation hat in Gao bis Dezember 2012 insgesamt 41 Fälle gezählt und der weit überwiegende Teil davon geht auf das Konto der MNLA." Die Islamisten hätten eine Scharia-konforme Art der Vergewaltigung gewählt. Eine Frau sei mit fünf Männern verheiratet worden, von denen jeder einen Teil des Brautpreises bezahlt habe. "Das waren erzwungene Heiraten. Und man kann es nicht anders nennen als Gruppenvergewaltigung", so Dufka.

"Nicht lachen, sondern mit uns weinen"

Die Einwohner Gaos fanden sich mit der Herrschaft der Scharia nie ab. Immer wieder kam es zu Demonstrationen junger Leute. Sie warnten die Islamisten auch davor, Heiligengräber zu zerstören wie in Timbuktu. "Ihr müsst uns schon töten, bevor wir das zulassen", sollen die Demonstranten den Islamisten zugerufen haben. Als ein Mann als Spion beinahe zu Tode geprügelt wurde, protestierten die Menschen erbost auf den Straßen. Kein Wunder, dass die Bewohner Gaos lachten und applaudierten, als französische Bomben über 100 islamistische Kämpfer töteten. "Ihr sollt nicht lachen, sondern mit uns weinen", soll Abdelkarim, der Mujao-Führer, verzweifelt gesagt haben. Ihm war die Kontrolle der Stadt längst entglitten.

Nach Gao reisten alle Arten von Würdenträger aus Ländern der Region. "Politiker wie Islamgelehrte trafen sich mit den Islamisten", weiß Mohammedou zu berichten. "Sie kamen aus Niger, Algerien und Mauretanien." Idriss, der Fahrer eines MNLA-Komandanten, der zu Mujao überwechselte, erinnert sich an mehrere Geheimtreffen mit einem Emir aus Libyen. Sämtliche Führer der Rebellen hätten ihm stets ihre Aufwartung gemacht. Darunter Aqim-Kommandant Abu Zeid, Iayad Ghali von Ansar al-Dine und auch Belmokhtar, der Chef von Aqim. "Sie haben den Libyer wie ihren Boss empfangen", meint Idriss, der den Namen des hohen Besuchs nicht kennt.

Aus Libyen soll ein Großteil der Waffen der Rebellen stammen. Belmokhtar hielt sich 2011 während der Revolution mehrere Monate in Libyen auf. Im Süden des nordafrikanischen Landes gibt es Ausbildungslager von al-Qaida. Von dort soll ein Teil des Kommandos stammen, das die algerische Gasanlage Amenas überfiel. In der Stadt Derna, im Norden Libyens, trainiert Abdulbasit Azuz einige hundert Kämpfer. Er ist ein langjähriger Weggefährte von Ayman al-Zahahiri, dem Al-Qaida-Chef in Pakistan.

Unterstützung aus Katar?

Nach Geheimdienstberichten soll auf dem Flughafen von Gao eine Maschine der königlichen Familie aus Katar gelandet und nach wenigen Stunden wieder abgeflogen sein. Katar ist das einzige Land, das im Norden Malis offiziell mit einer NGO permanent vertreten ist. Der Rote Halbmond soll humanitäre Hilfe für die Bevölkerung liefern. Bewohner von Gao berichten, dass es bis zur Grenze zur Niger drei medizinische Posten der katarischen Hilfsorganisation gibt. Sie sollen im Notfall verwundete Islamistenkämpfer verarzten. Auf dem Flughafen von Tesalit, ganz im Norden Malis, wurden Transportmaschinen aus Katar beobachtet. "Sie trugen das Zeichen des Roten Halbmonds, hatten aber damit nichts zu tun", versicherte ein europäischer Diplomat, der ungenannt beleiben will.

Eine Unterstützung der Islamisten durch das Golfemirat wäre kein Wunder. Katar unterstützte die extremistischen Al-Schabab-Milizen in Somalia, lieferte Waffen an islamistische Revolutionäre in Libyen und zurzeit auch nach Syrien. Im malischen Fernsehen sagte Mohammed Diko vom hohen islamischen Rat des Landes: "Wir müssen unser Verhältnis zu Katar völlig überdenken."

In Kidal wird der Endkampf stattfinden

Für Ahmed Ould Abdallah verschleiert der Krieg gegen die Islamisten in Mali die eigentlichen Probleme der Region. "Der Norden Malis ist ein Umschlagplatz für Drogen, Zigaretten, gestohlene Autos und Waffen. Dort gibt es mit Sicherheit Gas und Erdölvorkommen, Uran, Gold und andere Minerale", sagt Abdallah, der mehrfach Minister in Mauretanien war und UN-Beauftragter für Somalia. Laut einem Bericht der UN-Büros für Drogen und Verbrechen (Unodc) kamen 2009 60 Prozent der Zigaretten in Libyen (180 Millionen Euro) und 18 Prozent (270 Millionen) in Algerien aus Westafrika. Seit 2003 werden auch Kokain aus Südamerika nach Europa und Haschisch aus Marokko nach Afrika über den Norden Malis geschmuggelt. Es ist ein Milliardengeschäft, an dem Kriminelle, Islamisten und auch Geheimdienste mitverdienen wollen.

Für Abdallah ist die Krise Malis ein Ausdruck grundsätzlicher Probleme der Staaten der Region. "Dazu gehören schlechte Regierungsführung, Korruption, Ungerechtigkeit und Aussichtslosigkeit der Jugend", führt der 62-jährige Diplomat aus. Der Waffenstrom aus Libyen nach dem Sturz von Muammar Gaddafi sei nicht, wie vielfach behauptet, die Ursache für die Instabilität Malis. Dies sei nur der Auslöser. "Sehen Sie, jeder der Geld hat, kann eine Miliz gründen", erklärt Abdallah. "Ob Soldaten oder Islamisten, alle würden für mich kämpfen, Hauptsache der Sold stimmt."

Die Truppen Frankreichs und Malis haben nach Aussagen eines Armeesprechers sogar schon Timbuktu eingenommen. Eine weitere Stadt, die die Islamisten nahezu kampflos aufgegeben haben. Angeblich sollen sie bereits nach Kidal geflüchtet sein. Dort können sie im gebirgigen Gelände unentdeckt agieren. In der Savanne sind sie der französischen Luftwaffe ausgeliefert. In der Umgebung von Kidal liegt zudem ein unübersichtliches Höhlensystem. E

in Schäfer musste bereits für das muslimische Opferfest des Eid al-Adha einige seiner Tiere an die Rebellen liefern. Er sah in den Höhlen, die man mit Wagen befahren kann, Hunderte von Benzinfässern, Generatoren und Waffen. Französische Jagdflugzeuge haben die Gegend mehrfach bombardiert. Fraglich ist, ob das weit verzweigte unterirdische System zerstört wurde.

Nur eines scheint sicher: In Kidal wird der Endkampf stattfinden. Vorausgesetzt, die Islamisten verschwinden nicht plötzlich wie ein Schreckgespenst und beginnen später mit einem blutigen Guerillakrieg.

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