26.01.13

Existenznot

Verzweiflung treibt Spanier in Hausbesetzer-Szene

Täglich werden hunderte verschuldete Familien in Spanien aus ihrer Wohnung zwangsgeräumt, während im Land Millionen Luxushäuser leerstehen. Die besetzen nun nach und nach Arbeitslose.

Von Ute Müller
Foto: Luis Giménez/Público

Die besetzten Reihenhäuser von Valdemoro sind die letzten Zufluchtsorte spanischer Familien, die sich in der großen Krise Mieten nicht mehr leisten können
Die besetzten Reihenhäuser von Valdemoro sind die letzten Zufluchtsorte spanischer Familien, die sich in der großen Krise ihre Mieten nicht mehr leisten können

José öffnet die Tür seines Reihenhauses im Madrider Vorort Valdemoro nur widerwillig. Das hat einen guten Grund: Das Haus in der Neubausiedlung gehört ihm gar nicht, er hat es mit seiner Frau und seinen beiden Kindern im Alter von sieben Monaten und vier Jahren widerrechtlich bezogen, weil es leer stand. Jetzt sind sie "Okupas", Hausbesetzer.

So richtig wohl fühlen sie sich nicht in ihrer Haut. "Wir konnten unsere Miete in der alten Wohnung nicht mehr bezahlen, als ich meinen Job verlor", erzählt José, "daher sind wir hierher gekommen." Seine Arbeitslosenhilfe ist längst ausgelaufen, seine Frau verdient als Putzfrau ein paar Euro, die zum Überleben kaum reichen.

"Eine Wohnung hätte es auch getan, wir wollen ja kein Haus. Aber das Rathaus hat für uns keine Lösung, wir bekommen einfach keine Sozialwohnung." Weder Strom noch Wasser hat José, alles wirkt sehr provisorisch. Die beiden Kinder schlafen auf einem Sofa, das er mit Leintüchern überzogen hat, ein mit einer Butangasflasche betriebener Ofen auf Rädern sorgt für Wärme im kalten Madrider Winter.

Die meisten Bewohner in den rund 50 Einheiten der bieder anmutenden Reihenhaussiedlung, in der Mehrzahl junge Familien, sind illegal hier. "Wir wollen niemandem das Eigentum wegnehmen, aber diese Häuser hier wurden nie verkauft und stehen leer. Wir aber brauchen dringend ein Dach über dem Kopf", rechtfertigt sich eine junge Frau, die ihren Namen nicht nennen will.

"Wir sind Hausbesetzer aus Verzweiflung"

Früher gehörten sie zur Mittelschicht, sie war Verwaltungsangestellte, ihr Mann Handwerker. Dann kam die Krise, beide wurden fast zeitgleich entlassen und gehören nun zum Heer der sechs Millionen Arbeitslosen in Spanien. 426 Euro Sozialhilfe im Monat erhält das Paar, zu wenig zum Überleben.

"Wir sind Hausbesetzer aus Verzweiflung", so die Frau. Tatsächlich wirkt die Siedlung an der etwas trostlosen Ronda de Comunidades nicht wie eine Hochburg von Autonomen. Statt Graffiti findet man hier improvisierte Briefkastenschilder, sogar ein Weihnachtsbäumchen hatten sich einige dieses Jahr geleistet.

Von den Neuankömmlingen geht jedenfalls keine Bedrohung aus. Das muss auch Manolo O. zur Kenntnis nehmen, der sein Haus rechtmäßig erworben hat. "Es war schwer für uns, seinerzeit die mehr als 300.000 Euro für ein Reihenhaus aufzubringen", sagt er. 230 Quadratmeter Wohnfläche hat jedes der zweistöckigen Häuschen, ein Gärtchen und zwei Garagenplätze.

Seit viereinhalb Jahren wohnt er hier und zahlt pünktlich die Raten seines Kredits. "Jetzt haben wir dieses Problem", sagt er und zuckt mit den Schultern: "Doch solange sie keine Schwierigkeiten machen und uns nicht belästigen, soll es uns egal sein." Man merkt ihm aber an, dass er sich Sorgen um seine Investition und das Image seines Viertels macht.

Polizei gegen Hausbesetzer machtlos

Die Polizei von Valdemoro ist machtlos gegen die Hausbesetzer. "Solange die Besitzer keine Anzeige erstatten, sind uns die Hände gebunden", sagt Alberto Albacete, Polizeichef von Valdemoro. "Ohne richterliche Anordnung können wir sie nicht hinauswerfen." Momentan ist unklar, wo der Bauherr der Siedlung, die Firma Castellana, abgeblieben ist. Die Telefone sind abgeschaltet.

Nur drei Häuser hatte die Baufirma verkauft und war dann in die Insolvenz geraten – wie so viele Baufirmen in Spanien nach dem Platzen der Immobilienblase. Die Siedlung in Valdemoro entstand erst gegen Ende des zehn Jahre währenden Booms, der Bauherr bekam keine Käufer mehr für seine Häuser und schloss die Verkaufsbüros.

Jetzt versucht der zuständige Konkursverwalter, die illegalen Gäste wenigstens zur Zahlung von Miete zu drängen. Doch die verzweifelten Bewohner hier haben kein Geld, nicht einmal für eine geringe Miete.

"Wir bleiben nur bis das Schlimmste überstanden ist"

Der Brasilianer Carlos Leite hat sogar schon viel Geld in "sein" Reihenhäuschen investiert, weil er es für die Ankunft seiner Frau und seiner beiden Kinder vorbereitet. "Als ich hierher kam, fehlten die Kupferkabel, und die Heizungen waren herausgerissen. Das habe ich jetzt alles gerichtet", sagt der gelernte Mechaniker, der lediglich 700 Euro im Monat verdient.

Er betrachtet es nicht als Diebstahl oder Verbrechen, illegal zu wohnen und keine Miete zu zahlen. "Wir bleiben nur so lange es unbedingt sein muss, bis das Schlimmste dieser Krise überstanden ist."

Doch es sieht nicht nach einem schnellen Ende der Krise aus. Die Wirtschaftsleistung in Spanien wird in diesem Jahr weiter schrumpfen, internationale Organisationen wie der IWF gehen von einem Rückgang von 1,3 Prozent aus. Das bedeutet, dass das Heer der Arbeitslosen weiter anschwellen wird, Experten rechnen mit einem Anstieg der Erwerbslosenquote von 25 Prozent auf 26,9 Prozent bis zum Jahresende.

Gut organisierte Mafia-Banden

Es ist zu befürchten, dass immer mehr Menschen ihre Wohnungen verlieren. Schon jetzt werden im Schnitt täglich mehr als 500 Familien aus ihrer Wohnung geworfen, weil sie die Hypothek nicht bedienen können. Derweil steigt die Zahl der Zwangsräumungen weiter. "Das Paradoxe ist, dass in keinem Land der Euro-Zone so viele Wohnungen leer stehen wie hier", sagt José Maria Ruiz von der Bürgerplattform PAH, die mit wachsendem Erfolg gegen Zwangsvollstreckungen angeht.

Tatsächlich sind derzeit 3,1 Millionen Wohnungen nicht belegt, sie wurden zumeist in der Boomphase als Spekulationsobjekt gekauft. Viele Immobilien befinden sich inzwischen im Besitz der Banken. "Die Banken sollten die Wohnungen zu zivilen Preisen vermieten, anstatt nur darauf zu sitzen", fordert Ruiz. Bisher stießen seine Forderungen auf wenig Gehör.

Stattdessen gibt es in Madrid inzwischen gut organisierte Mafia-Banden, die nach Zwangsräumungen in Wohnungen und Appartments eindringen und einzelne Zimmer oder das ganze Objekt weitervermieten.

"Die Illegalen zapfen unseren Strom an"

Im Madrider Viertel San Cristobal de los Angeles regt sich Widerstand gegen die neuen "Okupas", eine Bürgerinitiative forderte die Politiker mit einer Unterschriftenaktion zum Handeln auf. "Die Illegalen zapfen unseren Strom und unser Wasser an, das Zusammenleben ist konfliktgeladen", so Maria del Prado, die eine solche Bürgerinitiative vertritt.

Im Madrider Vorort Parla, nur 20 Minuten von Valdemoro entfernt, nehmen die Einwohner das Heft des Handelns lieber selber in die Hand, um weitere Hausbesetzungen zu verhindern. Nach Angaben der Polizei sind bereits 160 Wohnungen in den Händen von "Okupas". Nachts patrouillieren jetzt 30 Freiwillige durch die Stadt mit 120.000 Einwohnern. Pablo Sánchez, Gemeinderatmitglied von Parla, ist einer von ihnen.

Er musste sich von seinem Haus trennen, weil sein Unternehmen in die Pleite ging. Nun hat er Angst vor illegaler Besetzung. "Ich musste mein Eigentum aufgeben, aber niemand passt auf, was damit geschieht", klagt der Mann. Die Behörden fanden einen Ausweg: 22 Eingänge leer stehender Wohnungen sind jetzt zugemauert. Auch eine Lösung.

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