23.01.13

Waffenstreit in USA

"Ich denke ans Töten, das Monster in mir will raus"

Nach einer weiteren Schulschießerei hält die Waffen-Diskussion in den USA an. Derweil konnte ein verurteilter Mörder problemlos 13 Pistolen und Gewehre kaufen. Offenbar plante er ein Blutbad.

Foto: dpa

In manchen US-Bundesstaaten hat jeder Bürger ein Recht auf Waffenbesitz
In manchen US-Bundesstaaten hat jeder Bürger ein Recht auf Waffenbesitz

Das Thema Waffen sorgt in Amerika weiterhin für Schlagzeilen. Bei einer Schulschießerei in Texas wurden drei Menschen, darunter der 22 Jahre alte Schütze Carlton Berry, zum Teil schwer verletzt. Eine vierte Person erlitt offenbar einen Herzinfarkt. Knapp fünf Wochen nach dem Schulmassaker von Newtown in Connecticut mit insgesamt 27 Opfern, darunter 20 toten Grundschulkindern, ist es bereits die zweite größere Tragödie innerhalb weniger Tage.

Am vergangenen Wochenende hatte ein 15-jähriger Teenager in New Mexico seine Eltern und drei seiner jüngeren Geschwister erschossen. Sein Motiv: Er hatte sich mit seiner Mutter gestritten.

Gouverneur will Gewalt mit Waffen bekämpfen

US-Präsident Obama, der für seine zweite und letzte Amtszeit vereidigt wurde, will die offenbar nicht enden wollende Gewalt durch schärfere Waffengesetze bekämpfen. Er hat dem Kongress einen umfassenden Maßnahmenkatalog vorgelegt, der unter anderem strengere Überprüfungen (Background-Checks) potenzieller Waffenkäufer und ein generelles Verbot kriegstauglicher Sturmgewehre fordert.

Ob Obama die neuen Gesetze auch durchsetzen kann, bleibt weiterhin fraglich. Republikaner, aber auch viele Demokraten aus ländlichen und waffenfreundlichen Gegenden des Landes, wollen gegen eine Verschärfung der Waffengesetze stimmen. Und auch in den Bundesstaaten formt sich Widerstand.

In Texas will Gouverneur Rick Perry die Gewalt an Schulen offenbar mit mehr Waffen bekämpfen. Dort soll das versteckte Tragen von Pistolen, das zur Zeit verboten ist, wieder erlaubt werden. Ein entsprechender Gesetzesentwurf wurde bereits ins Parlament in Austin eingebracht.

Mutter mit Gewehr erschossen

Ein Fall aus dem Bundesstaat Minnesota zeigt indes, wie einfach es auch für verurteilte Kriminelle und psychisch kranke Menschen ist, ganz legal an Waffen zu kommen.

Dort hatte ein verurteilter Mörder und von mehreren Ärzten attestiert "psychisch kranker" Mann nicht nur von den Behörden legal eine Lizenz zum Kauf von Waffen bekommen, sondern sich über Monate auch ein ganzes Arsenal an Pistolen und Gewehren angelegt. Darunter befand sich auch ein AK-47-Sturmgewehr, eine Waffe, die Adam Lanza, der Amokläufer von Newtown, benutzt hatte.

Die Polizei kam dem mittlerweile verhafteten Christian Oberender dabei nur durch Zufall auf die Spur. Der 32 Jahre alte Mann hatte Fotos von sich und seinen Waffen sowie eine Notiz über das Schulmassaker von Newtown bei Facebook gepostet. Ein Sheriff hatte die Bilder dort entdeckt.

Oberender hatte 1995 als 14-Jähriger mit einem Gewehr seine Mutter erschossen. Ein Gericht verurteilte den Teeanger daraufhin wegen Mordes, schickte ihn aber nicht ins Gefängnis, sondern in eine Klinik für psychisch Kranke. Dort musste sich Oberender bis zu seinem 21. Lebensjahr unter anderem wegen Schizophrenie behandeln lassen. Bei seiner Entlassung bescheinigten ihm die Ärzte der St. Peter Klinik in Minnesota allerdings immer noch "schwere mentale Probleme".

"Habe eine Menge Psychologen gesehen"

"Die Gefahr ist groß, dass Oberender in Zukunft in Handlungen verwickelt sein könnte, die schwere körperliche Schäden bei anderen Personen auslösen könnten", heißt es in bürokratischer Amtssprache in einem medizinischen Gutachten. Eine Beurteilung, die – wie sich jetzt herausstellen sollte – offenbar nie in die Kriminalakte von Oberender abgelegt wurde.

"Ich habe in meinem Leben eine Menge Psychologen gesehen", sagte Oberender jetzt nach seiner Verhaftung wegen illegalen Waffenbesitzes. "Sie haben mir gezeigt wie ich mich kontrollieren kann und mich nicht zu sehr über dumme Dinge aufrege."

Lange Zeit schien das auch zu funktionieren. Erst im vergangenen Jahr muss sich die Psyche von Oberender wieder verändert haben. Der Automechaniker aus Delano, einem knapp 5500 Einwohner zählenden Vorort von Minnesota, fühlte sich offenbar bedroht. Längst vergangene Dämonen schienen für ihn zurückzukommen. Oberender beantragte eine Waffenlizenz, die er entgegen geltender Gesetze auch ohne Probleme bekam. Er verschwieg allerdings der Behörde seine Vorgeschichte.

"Das System hat total versagt"

Im Bundesstaat Minnesota hat jeder Bürger ein Recht auf Waffenbesitz, der nicht vorbestraft ist oder mentale Probleme hat. Wer eine Waffe kaufen will, muss bei der Polizei eine entsprechende Lizenz beantragen, die daraufhin beim "Minnesota Bureau of Criminal Apprehension" (BCA) einen sogenannten Background-Check einfordert. Die Genehmigung darf nicht länger als sieben Tage dauern, ansonsten wird die Waffenlizenz auch ohne abschließende Prüfung automatisch ausgegeben.

Wie sich jetzt herausstellte, tauchte bei Oberenders Überprüfung bei der BCA das Gutachten seiner "mentalen Probleme" nicht auf. Selbst den Mord an seiner Mutter, den er als Jugendlicher begangen hatte, fanden die Beamten nicht in seiner aktuellen Akte.

"Wir sind darauf angewiesen, dass uns die Polizei alle Informationen zur Verfügung stellt", hieß es in einer Erklärung der BCA. "Das ist in diesem Fall nicht geschehen." Man habe weder eine Jugendakte noch ein medizinisches Gutachten gehabt, insofern habe dies bei der Vergabe der Waffenlizenz auch nicht berücksichtigt werden können. Sheriff Jim Olsen, der Oberender festgenommen hatte, gibt zu: "Das System hat total versagt."

Waffen wie "Trophäen" ans Bett gestellt

Der Fall scheint allerdings kein Einzelfall zu sein. Wie die Lokalzeitung "Star Tribune" berichtet, soll es allein in Minnesota "168.000 unvollständige Kriminalakten von Personen" geben. Wer davon ein Recht auf eine Waffenlizenz habe, könne die BCA allerdings nicht sagen. Seit dem Jahr 2000 sollen 84 "psychisch Kranke" wegen illegalen Waffenbesitzes angeklagt worden sein. Alle diese Personen hatten offenbar eine Lizenz bekommen.

Christian Oberender hatte sich mit seiner Lizenz über einen Zeitraum von mehreren Monaten zahlreiche Waffen gekauft. Bei seiner Festnahme fand die Polizei insgesamt 13 Pistolen und Gewehre, die Oberender laut Sheriff Olsen "wie Trophäen an sein Bett gestellt" hatte. Und dazu mehrere "Notizen über den Amokläufer von Newtown" sowie einen persönlichen Brief an seine tote Mutter.

Darin schreibt Oberender: "Ich denke wieder die ganze Zeit ans Töten. Warum lässt mich Gott das fühlen? Das Monster in mir will raus. Es will Menschen weh tun. In meinem Herzen und meiner Seele ist soviel Schmerz."

"Ich habe eine Gänsehaut bekommen, als ich das gelesen habe", sagt Sheriff Olsen.

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