23.01.13

Prostitution

"Die Türkei ist eine sexbesessene Gesellschaft"

In der Türkei sind Bordelle schon seit den 1930er-Jahren legal. Doch nun schließt die Regierung immer mehr Häuser. Im Istanbuler St. Pauli gehen die Prostituierten auf die Straße – zum demonstrieren.

Foto: pa/abaca/Olivier Douliery
Prostituierte
In der Türkei dürfen sich nur Türkinnen prostituieren. Bordelle werden streng kontrolliert

Als der türkische Kolumnist Mehmet Ali Birand kürzlich starb, glich seine Beisetzung einem Staatsbegräbnis. Die halbe Regierung gab ihm die letzte Ehre und es wurde viel über seine Zivilcourage und seinen Beitrag zur Demokratie gesagt.

Birand schrieb buchstäblich über alles was im Land passierte, oft in kleinen, knappen, treffenden Anmerkungen. Eine der letzten war diese: Man müsse sich nicht wundern, dass es nach Auskunft der türkischen Gesundheitsbehörde immer mehr HIV-Erkrankungen gebe. "Vergessen wir nicht, dass in der Ukraine kürzlich Frauen vor der türkischen Botschaft gegen das übermäßige Interesse ihrer türkischen Kunden an Sex protestierten."

Er nannte die Türkei eine "Sex-besessene Gesellschaft." Und da mag etwas dran sein – zwar sind Porno-Internetangebote in der Türkei mittlerweile komplett blockiert, aber bevor das Filtersystem griff, war die Türkei eines der weltweit führenden Länder beim Zugriff auf Sex-Seiten.

Zahl der legalen Bordelle wird stetig reduziert

Aber was die – im internationalen Vergleich noch wenigen, aber doch steigenden – HIV-Infektionen betrifft, da könnten sich sowohl die Gesundheitsbehörde als auch Birand getäuscht haben. Sie gaben als Grund nämlich an, dass immer mehr Türken ins Ausland reisen.

Der eigentliche Grund dürfte jedoch daheim in der Türkei liegen. Die Regierung hat seit Jahren die Zahl der legalen Bordelle reduziert, in denen Gesundheitschecks vorgeschrieben sind, und auch die Zahl der registrierten, also gesundheitlich überprüften Sex-Arbeiterinnen nimmt ständig ab. Im laut Birand "Sex-besessenen" Land nimmt deswegen die illegale Prostitution zu, und damit steigt auch das Risiko der Verbreitung von Geschlechtskrankheiten.

Jeder Freier wird scharf kontrolliert

Bereits seit den 1930er-Jahren ist Prostitution in der Türkei erlaubt – wenn sie in offiziell genehmigten Bordellen betrieben wird. Nur Türkinnen dürfen sich in der Türkei prostituieren, zumindest verbietet das Gesetz die Einreise von Ausländern zum Zweck der Prostitution. Legale Bordelle befinden sich in scharf kontrollierten Sperrbezirken mit Polizeiwachposten am Eingang, wo jeder Freier durchsucht wird.

Es ist ein sehr sichtbar staatliches System, aber der Staat will offenbar nicht mehr: In Ankara und Antalya wurden die Prostituiertenviertel ganz geschlossen, und das geschichtsträchtige "Istanbuler St. Pauli" unterhalb des Galataturms an einer abschüssigen, kopfsteinbepflasterten Seitengasse ist nur noch ein Schatten seiner selbst.

Nur noch elf von 90 Bordellen übrig

Immer noch steht die Kundschaft an Wochenenden vor dem Tor Schlange, in der Türkei geht man gerne im Freundes- oder Verwandtenkreis gemeinsam in den Puff. Aber von 50 Bordellen, die hier in den 90er-Jahren waren, sind nur noch elf da – sechs weitere wurden kürzlich geschlossen. Offenbar unter fadenscheinigen Vorwänden.

Die Istanbul-Korrespondentin Susanne Güsten zitiert in einem Beitrag für die "International Herald Tribune" eine der betroffenen Prostituierten: "Da sind vor ein paar Tagen zwei Zivilpolizisten gekommen, haben sich mit einer Frau geeinigt und dann behauptet, die Frauen hätten sie angesprochen. Das ist nämlich gegen die Vorschriften – die Sexarbeiterinnen dürfen die Freier nicht anwerben. Unter diesem Vorwand sind nun sechs Bordelle geschlossen worden."

Prostituierte demonstrieren

Die Sex-Arbeiterinnen sind so verzweifelt, dass sie vor einigen Tagen sogar vor ihrer Bordell-Gasse demonstrierten. Schätzungen gehen von 100.000 Prostituierten in der Türkei aus, von denen aber nur einige Tausend registriert sind.

Zehntausende haben die Registrierung beantragt, aber die Behörden geben seit Jahren keine Genehmigungen mehr. In den 52 Sperrbezirken des Landes gibt es immer weniger Bordelle, und die rund 3000 "legalen" Prostituierten darin werden immer älter, Nachwuchs bleibt mangels neuer Genehmigungen aus.

Die Folge: Immer mehr "wilde Prostitution ohne behördlich vorgeschriebene Gesundheits-Checks". Mit bedenklichen Auswüchsen – die Türkei gilt als Drehscheibe des organisierten Mädchenhandels und Endstation für Tausende "Sex-Sklavinnen" vor allem aus Ländern der früheren Sowjetunion.

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