23.01.13

Soldaten-Überfall

Bundeswehr im Fadenkreuz türkischer Sackstülper

Die deutsche Patriot-Mission droht heikel zu werden: Türkische Nationalisten wollten Soldaten in Säcke stecken, weil sie sie für Amerikaner hielten. Der Protest gilt vor allem den USA und der Nato.

Von Boris Kálnoky
Foto: dapd

Türkische Polizei nimmt am Dienstag in Iskenderun Demonstranten fest, die gegen die Präsenz von Nato-Truppen sind - aus ihren Reihen sollen auch die Angreifer auf die Bundeswehrsoldaten stammen
Die türkische Polizei nimmt am Dienstag in Iskenderun Demonstranten fest, die gegen die Präsenz von Nato-Truppen sind - aus ihren Reihen sollen auch die Angreifer auf die Bundeswehrsoldaten stammen

Sie kamen als Gäste und auf dringenden Wunsch der Türkei, um diese zu beschützen. Aber die Mission der deutschen Patriot-Abwehrbatterien und ihrer Soldaten erweist sich auf Anhieb als heikel: Gleich beim ersten Freigang zum Basar von Iskenderun im Südosten der Türkei wurden sieben Soldaten des deutschen Patriot-Kontingents tätlich angegriffen. Dutzende aufgebrachte Türken bedrängten sie, einem wurde ein Sack über den Kopf gestülpt.

Je nach Quelle waren die Angreifer 26, 28 oder gar 40 an der Zahl, wurden von örtlichen Sicherheitskräften rasch übermannt - und alles in allem war nichts passiert.

"Tausende Säcke" für Nato-Soldaten

Es scheint aber, dass die zuständigen Nato-Offiziere die örtlichen Medienberichte zu ihrer Entsendung nicht gelesen hatten. Denn vor dem Eklat hatte die "Vereinigung der Türkischen Jugend" (TGB) wissen lassen, man habe "Tausende Säcke" gekauft, die man den Patriot-Soldaten über den Kopf stülpen wolle, sobald sie sich von ihren Stützpunkten entfernten. Genau das geschah.

Warum? Offenbar weil man die Deutschen für Amerikaner hielt. Die haben in der Region einen riesigen Luftwaffenstützpunkt (Incirlik) und mussten sich in den vergangenen Jahren daran gewöhnen, immer wieder mal einen Sack übergestülpt zu bekommen. Der Grund liegt in einem Zwischenfall aus dem Jahr 2003.

Es begann im Irak-Krieg

Damals nahmen US-Truppen im Irak türkische Kommandos gefangen und stülpten ihnen – damals eine Standardprozedur, aber sehr erniedrigend – Plastiksäcke über den Kopf. Das führte zu einem Aufschrei der Empörung beim türkischen Militär sowie zu einem Film der Serie "Tal der Wölfe", in dem es ein türkischer James-Bond-Typ den Amerikanern so richtig heimzahlt, die alle ganz böse Buben sind und am bösesten, wenn sie auch noch Juden sind.

Nun zitierten türkische Medien Augenzeugen des Zwischenfalls von Iskenderun, denen zufolge die Angreifer die Deutschen für Amerikaner hielten. Auch US-Truppen wurden mit Patriot-Raketen in die Türkei entsandt.

Kemalisten greifen die Regierung an

Die TGB nennt sich selbst kemalistisch, was so viel heißt wie säkular und national gesinnt. Sie nennt sich aber auch links – in der Türkei verschwimmen Unterschiede zwischen "links" und "national" mitunter. Im Machtkampf zwischen Kemalisten und der islamisch geprägten AKP-Regierung soll sie zwischendurch eine beachtliche Rolle gespielt und Massendemonstrationen gegen die Regierung organisiert haben.

Das bedeutet, dass die Nato-Truppen womöglich instrumentalisiert werden könnten im Ringen der beiden großen politischen Kontrahenten in der Türkei.

Die Nato hat in der Türkei viele Gegner

Die TGB hat bereits erklärt, auch in Zukunft "nicht zuzulassen, dass sich Nato-Soldaten in der Türkei frei bewegen können". Sie will sich dabei nicht von den Sicherheitsbehörden einschüchtern lassen, die die Angreifer festgenommen, aber nach einem kurzen Verhör wieder freigelassen hatten.

Unmut herrscht auch bei der islamistischen Saadet-Partei, die im Vorfeld gegen die Patriot-Stationierung demonstriert hatte. Die Denkweise ist seltsamerweise ganz ähnlich: Die USA sind Imperialisten und im Bunde mit den Juden. Man will sie nicht als "Besatzer" in der Türkei haben.

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