23.01.13

Israel

"Pension Auschwitz" überlebt, Netanjahu gewählt

Er überlebte Auschwitz, weil er in eine Boxmannschaft eintrat – ohne je geboxt zu haben: Noah Kliger ist Israels ältester aktiver Journalist. Von den Politikern seines Landes hält er nicht viel.

Foto: Henryk M. Broder

Israels ältester aktiver Journalist: Noah Kliger arbeitet bei der größten Tageszeitung des Landes, der „Yedioth Aharonot“
Israels ältester aktiver Journalist: Noah Kliger arbeitet bei der größten Tageszeitung des Landes, der "Yedioth Aharonoth"

Das Problem, sagt Noah Kliger, sei nicht, dass 34 Parteien zu den Wahlen zugelassen wurden, von denen drei im letzten Moment auf eine Teilnahme verzichtet haben, das Problem sei, "dass zwölf bis 15 in die Knesset einziehen werden". Was die Regierungsbildung nicht erleichtern wird. Kliger hat seine Stimme am Nachmittag in einem Wahllokal im Norden von Tel Aviv abgegeben, und er macht kein Hehl daraus, wen er gewählt hat. "Netanjahu, weil es keinen anderen gibt, der eine Regierung führen kann."

Niemand werde "en passant zum Politiker, man muss es gelernt haben", es gebe in Israel zwar "viele Parteien, aber nur wenige echte Politiker". Tzipi Livni habe die Kadima-Partei erst heruntergewirtschaftet und dann eine eigene Partei mit dem Namen "Die Bewegung" ins Leben gerufen. Sie könne froh sein, wenn sie eine Handvoll Sitze bekommt.

Schelly Jachimowitsch, eine ehemalige Radiomoderatorin und die Nummer eins der Arbeitspartei, sei eine heimliche Kommunistin, "die Israel in die Zeit der staatlich gelenkten Planwirtschaft zurückführen will", und dass sie sich tatsächlich Hoffnungen mache, die nächste Regierung bilden zu können, zeige nur, wie weit sie sich von der Realität entfernt habe. Und der junge Jair Lapid, dessen Partei auf den Namen "Die Zukunft" hört, habe zwar kein Programm, sehe aber gut aus und sei der Sohn von Tommy Lapid, der ein angesehener Liberaler war und sich vor allem als Gegner der Orthodoxen hervorgetan hat.

Über die anderen Kandidaten mag Noah Kliger nichts sagen, sie würden versuchen, "sich mit dem Sieger zu arrangieren, um in die Regierung zu kommen". So betrachtet, sagt er, war seine Entscheidung für den Profi Netanjahu die einzig richtige.

Mit dem Taxi in die Redaktion

Nachdem er gewählt hatte, machte Noah Kliger das, was er seit 56 Jahren an sechs Tagen der Woche macht: Er bestellte ein Taxi und fuhr in die Redaktion der "Yedioth Aharonoth" ("Letzte Nachrichten"), Israels größter Tageszeitung. Mit 87 Jahren ist er nicht nur "Israels ältester aktiver Journalist, sondern der älteste weltweit", sozusagen der Doyen der ganzen Zunft.

1926 im elsässischen Straßburg geboren, zog er mit seinen Eltern kurz vor Kriegsbeginn nach Belgien. Dort diente er als Kurier im Untergrund, bis er bei einer Razzia festgenommen und in die "Pension Auschwitz" deportiert wurde, wo er zwei Jahre "als Gast der deutschen Regierung bei voller Verpflegung" verbrachte.

Er überlebte, weil der Kommandant des Lagers Auschwitz 3 ein Freund des Boxsports war, der zu seinem Vergnügen eine Mannschaft aufstellen ließ, zu der sich Kliger freiwillig meldete – ohne je vorher geboxt zu haben.

Überlebende nach Palästina gebracht

Nach der Befreiung durch die Russen schloss er sich einer zionistischen Organisation an, die mit alten ausgedienten Schiffen Tausende von Überlebenden des Holocaust und "displaced persons", die kein Land aufnehmen wollte, aus Europa in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina brachte.

So kam er als Matrose auf die "President Warfield", einen ehemaligen Vergnügungsdampfer und US-Truppentransporter, der in der Nacht vom 11. zum 12. Juli 1947 von einem kleinen Hafen bei Montpellier Kurs auf Haifa nahm, mit 4515 "Passagieren" und 39 Mann Besatzung an Bord. Am 17. Juli wurde die "President Warfield" auf hoher See in "Exodus" umbenannt.

Einen Tag später brachten die Briten das Schiff auf und schleppten es in den Hafen von Haifa, wo die Flüchtlinge auf drei britische Gefangenentransporter umgeladen und nach Frankreich zurückgebracht wurden. Nach drei Wochen unter unsäglichen Bedingungen an Bord ging es über Gibraltar nach Hamburg weiter, wo die Schiffe am 8. September 1947 ankamen. Die meisten "Exodus"-Reisenden machten sich bald wieder auf den Weg in das Gelobte Land, darunter auch Noah Kliger, inzwischen 21 Jahre alt und mit allen Wassern des Lebens gewaschen.

Tägliche Dramen verlieren an Bedeutung

Vor dem Hintergrund einer solchen Geschichte verlieren die täglichen Dramen an Bedeutung. Israels Existenz, sagt Kliger, hänge weder von der Haltung der Europäer zum Nahostkonflikt noch vom Ausgang der Wahlen ab.

"Das Einzige, worauf es ankommt, ist unser Wille zu überleben." Und so wartet er in aller Ruhe im Kreise seiner Kollegen von den "Yedioth Aharonoth" die erste Prognose nach der Schließung der Wahllokale um 22 Uhr ab: 31 Sitze für den Likud-Block, 19 Sitze für die Partei von Jair Lapid, 17 Sitze für die Arbeitspartei von Schelly Jachimowitsch.

Der Millionär Naftali Bennett, den viele schon im Amt des Ministerpräsidenten sahen, kann mit zwölf Sitzen rechnen, die "Bewegung" von Tzipi Livni mit sechs. Unterm Strich kommen die "Rechten" zusammen mit den Religiösen auf 62 Sitze, die "Linken" mit ihren Verbündeten auf 58 Sitze. Aber das ist nur die Prognose, und bis die Stimmen ausgezählt sind, ändert sich noch einiges. In der neuen Knesset werden zwölf Parteien vertreten sein.

Zumindest mit dieser Vorhersage hat Noah Kliger richtig gelegen. Alles Übrige wird sich ergeben. Wie immer. Die Demoskopen werden nach Erklärungen suchen, warum sie auch diesmal danebenlagen. Die israelischen Politiker werden die "nationale Einheit" beschwören, die Korrespondenten werden von einem "tief gespaltenen" Land schreiben, das im Begriffe ist, "seine Seele zu verlieren".

In ein paar Wochen wird es eine Koalitionsregierung geben, die dort ansetzen wird, wo die vorige aufhören musste. Eines habe sich wieder bestätigt, sagt Noah Kliger, und zitiert Wladimir Zeev Jabotinsky, einen rechten Zionisten der ersten Stunde: "Es gibt einen Unterschied zwischen Stimmung und Abstimmung."

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