22.01.13

Umberto Bossi

Vom Politstar zum verhassten Dampfplauderer

Die Lega Nord trat einst gegen die korrupte Politik in Rom an. Dann war Parteigründer Umberto Bossi selbst in einen Skandal verstrickt. Was meint die Basis dazu? Ein Besuch in der Provinz.

Von Tobias Bayer
Foto: picture alliance / dpa

Entschlossener Blick: Umberto Bossi während einer Wahlkampfveranstaltung für die Liga Nord im September 2011
Entschlossener Blick: Umberto Bossi während einer Wahlkampfveranstaltung für die Liga Nord

Alles ist grau in Gemonio. Die Häuser sind grau, der Himmel ist grau, das Zementwerk von Colacem, das sich im Tal unten ausbreitet und die Sicht verstellt, ist grau. Doch dann, in der abschüssigen Gasse Via Verbano, wird es auf einmal kunterbunt. In der Nummer 11 wohnt Umberto Bossi, der Gründer der rechtskonservativen Lega Nord.

Seine dreistöckige Villa ist knallgelb. An der Wand sind Blumen aufgemalt. Die Fensterläden sind rot. Im Garten steht ein großes hölzernes Kruzifix. Weiter unten ragt der Mast in die Höhe. Er trägt die Fahne der Bewegung, die grüne keltische Sonne auf weißem Grund.

Es ist ein Anwesen, das zu Bossi passt. Der 71-Jährige hat sich immer herausgeträumt aus dem kargen Alltag rund um die Gegend von Varese, Busto Arsizio und Sesto Calende, nordwestlich von Mailand, wo auch Gemonio liegt. Mediziner wollte er werden, irgendwann einmal auch Fotograf. Doch aus alldem wurde nichts. Stattdessen packte ihn die Politik.

Er erschuf in den 80er- und 90er-Jahren erst die Lega Nord, die für die Unabhängigkeit des reichen Nordens von Italien kämpft. Und dann erschuf er das Land Padanien. Es liegt nördlich vom Fluss Po, wirtschaftlich stark und weit weg von Rom. Die Hauptstadt ist für Bossi ein Sündenpfuhl, er spricht nur von "Roma Ladrona", dem diebischen Rom.

Mittlerweile gilt er als Scharlatan

Heute, fast 30 Jahre nach seinem politischen Einstieg, ist Bossi für viele im Land ein Scharlatan, ein Dampfplauderer. Der Titel einer ihm nicht freundlich gesinnten Biografie, die gerade erschienen ist, lautet "L'Illusionista". In drei Regierungen war die Lega Nord vertreten. Sie stand an der Seite Silvio Berlusconis in den Jahren 1994, 2001 und 2008.

Doch viel bewegt in Richtung Sezession hat sie trotz vieler polternder Ankündigungen nicht. Ironischerweise waren es Mitte-links-Regierungen, die zwischen 1997 und 2001 den Regionen und Gemeinden mehr Mitsprache sicherten.

Schlimmer noch: Im Frühjahr 2012 wurde ruchbar, dass sich die Familie und enge Freunde Bossis aus der Parteikasse bedient haben sollen. Einer der Verdächtigen ist Bossis Sohn Renzo, der sogar dabei gefilmt wurde, wie er Bargeldscheine einsteckte.

Die Lega Nord, die immer auf die "Kaste in Rom" und den korrupten Süden des Landes schimpft, stand nun selbst diskreditiert da. Bossi zog sich unter Tränen zurück, er machte Platz für den neuen starken Mann, Roberto Maroni.

An der Lega Nord kommt keiner vorbei

Doch man glaubt es kaum: 2013 spielt die Lega Nord wieder eine prominente Rolle. Sie schloss erneut einen Pakt mit Berlusconi. Der Cavaliere gibt der Bossi-Bewegung freie Hand in der Lombardei, dafür unterstützt sie ihn umgekehrt bei den Wahlen in Rom am 24. und 25. Februar. Denn sie hat gute Chancen, mit Maroni den Präsidenten der Lombardei zu stellen.

Da die Sitzverteilung im Senat in Rom von den Regionen abhängt und die Lombardei großes Gewicht hat, muss sich jede künftige Regierung Italiens wohl irgendwie mit dem Bündnis zwischen Lega Nord und Berlusconi arrangieren.

An der Lega Nord kommt wahrscheinlich keiner vorbei, weder die Demokraten von Pierluigi Bersani noch Premier Mario Monti, der als Spitzenkandidat einer breiten Bewegung der Mitte antritt.

Stimmung gegen das Spardiktat aus Berlin

Wie ist das möglich, dass die Lega Nord trotz aller Skandale in der jüngsten Zeit wieder obenauf ist? Ein Streifzug durch Gemonio mag helfen, das etwas besser zu verstehen. 2700 Einwohner hat der Ort nordwestlich von Varese.

Am Marktplatz gibt es eine hölzerne Tafel, auf der für Veranstaltungen geworben wird. "Ur Purtun" steht über dem Brett, was so viel heißt wie "das Tor". Der lokale Dialekt ist allgegenwärtig. Für Bossi war er immer wichtig. Nachdem er zum Senator gewählt wurde, taufte er sich "Senatur".

Auf der gegenüberliegenden Seite der Piazza hat die Lega Nord ihren Sitz. Die Tür ist grün, über ihr prangt die Lega-Sonne. Daneben hängt der Briefkasten – ebenfalls grün. Angeschlagen hinter der Scheibe ist noch das Treffen am 20. und 21. Oktober 2012. "Referendum zum Euro" und "Referendum zur Immobiliensteuer" steht auf dem Papier.

Die Lega Nord will raus aus dem Euro und wehrt sich gegen das Spardiktat aus Berlin. Außerdem macht sie mobil gegen die Immobiliensteuer Imu, die Ministerpräsident Monti eingeführt hat, um Italien vor dem Schuldenkollaps zu retten.

"Er ist ein bescheidener Mann"

Bossi ist immer noch gern gesehen im Ort. "Er ist ein bescheidener Mann", sagt eine Anwohnerin. "Er trinkt eine Cola auf der Veranda, das reicht ihm." Nicht er habe gestohlen, sondern sein Sohn, seine Frau und seine falschen Freunde, fügt sie an.

"Und überhaupt, wenn ich so viel Geld zur Verfügung gehabt hätte, hätte ich da nicht auch ein bisschen etwas genommen?" Es ist ein Motiv, das immer wieder in den Gesprächen auftaucht: der ehrliche Bossi, der von einer Kamarilla ausgenommen wird. Dazu muss man wissen: Im März 2004 erlitt der Lega-Gründer einen Schlaganfall. Seitdem hat er Schwierigkeiten, sich klar auszudrücken. Er wirkt schwächer als früher, weniger wach.

Knapp 20 Kilometer von Gemonio entfernt liegt Varese. Es ist die Provinzhauptstadt und ein Machtzentrum der Lega Nord. Der Parteisitz befindet sich mitten im Zentrum, in der Via Magenta 5. Im Wartesaal sind Kisten aufgestapelt, darin findet sich das gesamte Arsenal für den laufenden Wahlkampf: Flugblätter, Aufkleber und auch das Buch von Roberto Maroni. Es heißt "Mein Norden – der Traum der neuen Barbaren".

Maroni, Ex-Innenminister, blickt auf der Vorderseite mit grüner Krawatte und durch eine rote Brille hindurch nach oben, ganz der Visionär. Hausherr ist Matteo Luigi Bianchi, der Parteisekretär für die Provinz. Der 33-Jährige arbeitet im Bauunternehmen seines Vaters und ist nebenbei noch Bürgermeister von Morazzone, einer 4000-Seelen-Gemeinde südlich von Varese.

Er erscheint in Jeans und einem blauen Pullover. Der Schreibtisch in seinem Büro ist blitzblank, kein einziges Blatt, kein einziger Ordner liegt darauf. Auch die Fächer für den Posteingang sind leer. Auf seinem Tisch steht nur eine massive Silberstatue. Sie stellt Alberto da Giussano dar, eine legendäre Figur aus dem 12. Jahrhundert. Da Giussano soll in der Schlacht von Legnano die Lombardei gegen Kaiser Barbarossa verteidigt haben.

"Bossi selbst wird das nicht angelastet"

Bianchi hat einen Lega-Mitstreiter mitgebracht, den 41-jährigen Anwalt Andrea Mascetti, der im nationalen Parteigremium vertreten ist. Die beiden teilen sich die Aufgaben im Gespräch. Bianchi stellt das Programm vor und berichtet aus dem Alltag. Dabei guckt der Lockenkopf sehr unschuldig.

Mascetti ist für den ideologischen Überbau zuständig. Er zitiert die Schriftsteller Fjodor Dostojewski und Ezra Pound. Dabei schaut er grimmig. Bianchi und Mascetti streiten gar nicht ab, dass in ihrer Partei einiges falsch gelaufen ist. Aber sie relativieren die Fehler, sobald sie diese eingeräumt haben.

Dass sich der Bossi-Clan aus der gemeinsamen Kasse bedient haben soll? "Hier haben einige von der Krankheit Bossis profitiert. Bossi selbst wird das nicht angelastet", sagt Bianchi. Der Pakt mit Berlusconi, den die Basis der Lega Nord nicht ausstehen kann? "Das ist ein Vertrag, den alle hassen, der aber dem gesunden Menschenverstand entspricht", sagt Mascetti.

Was die beiden eine Stunde lang erzählen, kommt dem gleich, was die Lega Nord schon seit Jahrzehnten erzählt: Vielen Menschen und Firmen im Norden geht es schlecht, weil sie der Süden ausnimmt. Die Lega Nord kämpft deshalb dafür, dass die Lombardei 75 Prozent ihrer Steuern behalten darf, also nicht nach Rom abgeben muss. Solch ein Recht haben bisher nur die Regionen mit Sonderstatus, beispielsweise Südtirol. Der Bewegung schwebt ein "nördlicher Block" vor, eine "Makroregion" bestehend aus der Lombardei, Piemont und Venetien.

"Ich habe an einer Illusion teilgenommen"

Der politische Gegner hält die Vision für ein Hirngespinst. "Es ist immer schwer zu bewerten, inwiefern die Vorschläge der Lega Nord über bloße Slogans hinausgehen", sagt Umberto Ambrosoli, Präsidentschaftskandidat der Sozialdemokraten in der Lombardei. Er erinnert daran, dass die Lega Nord im November 2012 sich für die Einführung einer eigenen Währung ausgesprochen habe, genannt Lombard.

"Wenn das ihre Vorstellung von Makroregion ist, dann bin ich beunruhigt", sagt Ambrosoli, der den Lombard für eine Schnapsidee hält. Die Basis der Lega Nord lässt sich von solcher Kritik nicht beirren.

Mascetti glaubt weiterhin an die Unabhängigkeit. Er war Mitglied in der postfaschistischen Partei Movimento Sociale Italiano. Enttäuscht wechselte er 1995 zur Lega Nord. "Ich war fasziniert von Bossi", sagt Mascetti. Natürlich sei das mit einer Illusion verbunden. "Politik muss ein Stück weit Illusion sein."

Monti wecke in ihm keine Leidenschaft. "Ich habe an einer Illusion teilgenommen. Und ich tue das immer noch."

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