21.01.13

Zweite Amtszeit

Barack Obama weiß um seine unperfekte Zukunft

Der alte und neue US-Präsident schwört sein Land auf einen harten Kurs ein. Er will die USA zu einem offeneren Land machen.

Von Uwe Schmitt
Foto: dpa

Auf Barack Obama warten zahlreiche Herausforderungen in seiner zweiten Amtszeit
Auf Barack Obama warten zahlreiche Herausforderungen in seiner zweiten Amtszeit

Amerikas Reise sei nicht vollendet, solange "unsere Frauen, Mütter und Töchter nicht gleichen Lohn für gleiche Arbeit erhalten", solange "unsere schwulen Brüder und Schwestern nicht gleichbehandelt werden", solange "Amerikas Wähler in langen Schlangen stehen", "Einwanderer nicht stets willkommen sind" und sich nicht "jedes Kind umsorgt fühlt". So sprach und versprach Barack Hussein Obama, im 52. Lebensjahr, in seiner Rede nach dem zweiten Amtseid als 44. US-Präsident auf der National Mall zu Washington.

Amerika habe seine Skepsis gegenüber staatlicher Autorität nie aufgegeben, sagte der Präsident. So wenig wie den Glauben an das Recht jedes Menschen auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück. "Dieser Stern leitet es noch immer." Obama appellierte an die Gemeinsamkeit der Amerikaner, auch im Kongress: "Absolutismus (im Streit) darf nicht als Prinzipientreue ausgegeben werden, Beschimpfungen nicht als vernünftige Debatte."

Diese Amtseinführung vereint gleich mehrere Jubiläen

Es liege viel schwere Arbeit vor dem Land, die getan werde "in dem Wissen, dass sie unperfekt" ausfallen werde. Amerika werde "ein Anker starker Allianzen" in aller Welt bleiben, doch sei diese Generation nicht nur "Erbin jener, die den Krieg gewannen, sondern auch den Frieden".

In einem Gebet zu Beginn des Festaktes hatte die Bürgerrechtlerin Myrlie Evers-Williams den Beistand des Allmächtigen erbeten, den Weg Amerikas aus "ungeborenen Hoffnungen und erfüllten Rechten zu einer besseren Union" weiter zu begleiten. Der Präsident und die Ehrengäste lauschten mit geschlossenen Augen. Senator Lamar Alexander, Republikaner aus Tennessee, erinnerte daran, dass an diesem Tag weniger ein Präsident, sondern die friedliche Machtübergabe gefeiert werde: "Es gibt keinen Mob, keinen Staatsstreich, keinen Aufstand." Dies ist kein Scherz; es ist den Amerikanern, deren Republik aus einer Revolution kam, sehr ernst damit. So ernst wie der Amtseid selbst. Es klang, als verschlucke Obama die Endsilbe von "States". Man wird es ihm nicht nachtragen.

Diese Amtseinführung vereint Jubiläen von erdrückend anmutender Symbolik: 150 Jahre und 20 Tage nach dem Inkrafttreten der "Emancipation Proclamation", welche den Sklaven in den Südstaaten die Freiheit versprach, und 50 Jahre nach dem "Marsch auf Washington" und Martin Luther Kings visionärer "I had a dream"-Rede auf den Stufen des Lincoln-Memorial verwendet der erste schwarze Präsident der USA für den Eid zwei Bibeln amerikanischer Märtyrer. Zum einen Lincolns Inaugurationsbibel von 1861 und die Heilige Schrift, die Pastor King auf Reisen mit sich führte. Zu allem Überfluss wird am 21. Januar der Geburtstag des Bürgerrechtsführers (eigentlich der 15. Januar) als nationaler Feiertag begangen. "Es ist ganz und gar angemessen", erklärte Obama zur Wahl der Bibeln, "denn diese beiden Männer haben erst möglich gemacht, dass ich als Präsident eingeschworen werde".

Um die Überdosis Geschichte zu mildern, lieferten US-Medien Banalitäten zum Fest. Sie schätzten die Anzahl der Besucher auf der National Mall (800.000; kein Vergleich zu den 1,8 Millionen 2009), der portablen Toiletten (505), zählten die Bälle (zwei; gegenüber zwölf vor vier Jahren) und sagten die Temperaturen voraus (angenehme null Grad; anders als schneidende minus 15 beim ersten Mal). Es sollte weniger ausgelassen zugehen, nicht so hoffnungstrunken und weltumarmend. Vier harte Jahre liegen hinter der Nation: die Wirtschaft bleibt anämisch, zwei Kriege sind unvollendet, der Einfluss der USA in der Welt geht zurück, die Gewalt im eigenen Land – man denke nur an das Massaker von Newtown – dämpfte bei manchen die Freude der Inaugurationsfeier.

Vieles hat sich in vier Jahren verändert. Vor vier Jahren lehnte es Barack Obama noch ab, für den Bau einer eigenen "Presidential Library" Spenden zu sammeln. Nun scheint er bereit, dem Mitte des 20. Jahrhunderts ausgerufenen sonderbaren Brauch zu folgen, Präsidenten an ihren Heimatorten gewaltige Pyramiden mit Memorabilien, Archiv und Geschenkeläden zu errichten. Wie bei den Pyramiden mischen sich in den Inaugurationsfeiern säkularer Anspruch mit religiöser Anmutung.

Zweite Amtsantrittsreden gehen in der Geschichte unter

Es war George Washington, der die Bibel zu seinem Amtseid bemühte und der die Eidesformel "So help me God" hinzufügte. Kein Präsident hat in den 56 seither stattgehabten Amtseinführungen – erst im März, nach 1865 im Januar – gewagt, von Washingtons Vorbild abzuweichen. Im Grunde schwören sie allesamt mehrfach: einmal sonntags im privaten Rahmen, dann abermals vor dem Volk am Montag.

Weder die zweiten Amtszeiten noch die zweiten "Inaugural addresses" sind gewöhnlich von Fortune und Erinnerungswert geprägt. Es heißt – und die Geschichte bestätigt es weitgehend – ein Fluch verurteile den Präsidenten, das erste, allenfalls das zweite Jahr der neuen Amtszeit für seine Pläne zu nutzen. Danach fallen ihm die Zwischenwahlen des Kongresses, die Weltläufte, sprichwörtliches Pech in den Arm und machen ihn zur "lame duck". Bei den Wahlen wird meist die Partei des Präsidenten und der Mehrheit für Rückschläge und Enttäuschungen abgestraft. Gewöhnlich verliert der Präsident die Mehrheit in mindestens einer Kammer.

Eigene Charakterfehler suchen Präsidenten heim: Richard Nixon wurde wegen Watergate aus dem Amt gejagt; Bill Clinton überstand äußerst knapp ein Amtsenthebungsverfahren wegen seines Meineids im Lewinsky-Skandal; Ronald Reagan wurde von der Iran-Contra-Affäre geschwächt; George W. Bush erlebte Desaster im Irak und erholte sich nie mehr von seinem Versagen nach dem Untergehen von New Orleans. Präsident Obama kann der Iran, das Chaos nach dem "arabischen Frühling" oder ein "9/11-2.0" in den USA gefährlich werden.

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