22.01.13

Élysée-Vertrag

99 Dinge, die Franzosen und Deutsche noch trennen

Vor 50 Jahren haben Konrad Adenauer und Charles de Gaulle den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag unterzeichnet. Es ist atemberaubend, wie viel wir noch immer nicht voneinander wissen.

Von Sascha Lehnartz
Foto: AFP
Freundschaft in schweren Zeiten: Bundeskanzlerin Angela Merkel (l.) und Frankreichs Präsident François Hollande im Jahr 2012 in Berlin
Freundschaft in schweren Zeiten: Bundeskanzlerin Angela Merkel (l.) und Frankreichs Präsident François Hollande im Jahr 2012 in Berlin

Zum Beispiel Handball: Handball ist ein nicht übermäßig eleganter Sport, der bevorzugt im Winter in ruralen Gebieten in schlecht belüfteten Turnhallen von zumeist grobschlächtigen Gestalten gespielt wird, die ihre massigen Körper gern gegen andere massige Körper werfen.

Es ist ein Sport, den die tumben Deutschen quasi erfunden haben. Vielleicht ist es sogar die deutscheste aller Sportarten. Aber was geschieht? Seit Jahren dominieren die angeblich so feinsinnigen Franzosen diese mäßig regulierte Rauferei.

Gut, vergangene Woche haben die Deutschen bei der Weltmeisterschaft in Spanien die Franzosen ausnahmsweise geschlagen. Aber das war das erste Mal seit fast sechs Jahren und vermutlich bloß ein Konzentrationsfehler am Ende der Vorrunde.

Im Normalfall sind "les experts", wie der Name schon sagt, in diesem Kraftsport das Maß aller Dinge. Möglicherweise ist das ein Indiz, dass sich manche Dinge, die wir Deutschen und Franzosen voneinander zu wissen glauben, längst verschoben haben, ohne dass es uns aufgefallen wäre.

Gourmets und unpünktliche Bohèmiens

Es klingt unwahrscheinlich, aber man isst heute in einem "Bord Bistro" der Deutschen Bundesbahn besser als in einer "Voiture Bar" der SNCF. Das liegt weniger am Qualitätsaufschwung der ICE-Küche als am Verfall der gastronomischen Kultur im TGV. Dennoch gibt es im Bundesgebiet inzwischen eine wachsende Zahl von Sterne-Restaurants.

Sogar an seltsamen Orten wie Wolfsburg. Außerdem arbeitet man in Berlin im Allgemeinen erkennbar weniger als in Paris. Und Flughäfen bekommt man nicht mehr termingerecht fertig.

Trotzdem wird es wohl noch eine Weile dauern, bis sich die Ahnung durchsetzt, dass die Deutschen womöglich auf dem Weg sind, sich in Gourmets und unpünktliche Bohèmiens zu verwandeln.

Als hätte Arte ins Nichts gesendet

50 Jahre nach der Unterzeichnung des Elysée-Vertrages durch Konrad Adenauer und Charles de Gaulle bestehen die Klischees, über das, was uns angeblich trennt, hartnäckig fort. Die Bilder sitzen fest, als hätte es nie einen Schüleraustausch oder eine Städtepartnerschaft gegeben, als hätte Arte jahrzehntelang ins Nichts gesendet.

Eine aktuelle repräsentative Umfrage unter Deutschen und Franzosen stellt fest, dass Franzosen mit Deutschland "Angela Merkel, Bier, Berlin und Autos" assoziieren. In dieser Reihenfolge. Dieses Ergebnis wäre ungefähr so auch schon vor 50 Jahren herausgekommen – allerdings ohne Merkel. Stattdessen wäre Hitler auf der Liste weiter oben gewesen. Es gibt also erkennbaren Fortschritt.

Den Deutschen fiel hingegen beim Gedanken an Frankreich "Paris, Eiffelturm, Rotwein und Baguette" ein. Um zu diesem Resultat zu gelangen, hätte das deutsch-französische Jugendwerk sich vermutlich nicht 50 Jahre lang abmühen müssen.

Doch umsonst war die Versöhnungsarbeit anscheinend trotzdem nicht. Insgesamt haben Deutsche (85 Prozent) und Franzosen (immerhin 72 Prozent) ein überwiegend positives Bild von einander. Bei den Deutschen überwiegt "Sympathie", bei den Franzosen "Respekt" für den Nachbarn.

Das übliche Standard-Touristen-Englisch

Die Frage ist allerdings, ob man sich inzwischen gegenseitig auch besser versteht. Und da bleiben Zweifel angebracht, nicht nur, weil lediglich vier Prozent der Franzosen und sechs Prozent der Deutschen von sich behaupten, die Sprache des anderen "fließend" zu sprechen. Hoffnungen, dass man diese Quote nachhaltig verbessern könnte, haben sich in den letzten Jahren zerschlagen.

Weder deutsche noch französische Schüler lassen sich zum Vokabellernen zwangsverpflichten. Selbst dann nicht, wenn man sie mit "Tokio Hotel"-Liedtexten ködert. Wenn Angela Merkel und François Hollande sich treffen, sprechen sie das international übliche Standard-Touristen-Englisch.

Die Verhandlungssprache der deutschen und der französischen Delegation auf Gipfeltreffen ist ebenfalls Englisch. Zu einem tieferen Verständnis der gegenseitigen kulturellen Besonderheiten und Sensibilitäten dürfte das eher nicht beitragen. (Der hervorragend Deutsch sprechende Jean-Marc Ayrault ist eine rühmliche Ausnahme, weshalb ihn in diesen Tagen fast alle Medien als Deutschland-Orakel befragen: "S'il te plaît, dessine-moi un Allemand" (zu deutsch: "Bitte, zeichne mir einen Deutschen.")

Faszinierend und befremdlich zugleich

Letztlich ist es atemberaubend, wie viel wir nach 50 Jahren kontinuierlicher, organisierter und institutionalisierter Annäherungsversuche nach wie vor nicht voneinander wissen. Ich lebe seit vier Jahren in Frankreich und könnte eine Liste von mindestens 99 Dingen aufsagen, die mir – und den meisten meiner Landsleute – vollkommen schleierhaft erscheinen. Franzosen in Deutschland geht es vermutlich ähnlich.

Es beginnt bereits mit der seltsam monarchischen Aura, die den Präsidenten der Republik umgibt. Jedes Mal, wenn ich beruflich das Privileg genieße, einen Termin im Elysée-Palast wahrnehmen zu dürfen, kommt es mir vor, als hätte ich mindestens eine Audienz beim Papst.

Die Gleichzeitigkeit von postfeudalem Pomp und republikanischer Grandeur bleibt für jemanden, der im staatstheatralischen Minimalismus Westdeutschlands sozialisiert wurde, faszinierend und befremdlich zugleich.

Verwundert nimmt man darüber hinaus zur Kenntnis, dass es in diesem Land ja nicht nur einen Präsidenten gibt, sondern sehr, sehr viele. Von den zahllosen P.D.G. bis zum "président du conseil syndical de copropriété" in dem Gebäude, in dem ich wohne. All diese vielen Präsidenten werden zumeist formvollendet höflich mit "Monsieur le président" angesprochen. Treffen sich drei Deutsche, gründen sie einen Verein. Treffen sich zwei Franzosen, wählen sie einen Präsidenten. Das ist nur eines von vielen Mysterien, denen ich in Frankreich täglich begegne.

Warum gibt es so viele Kreisverkehre?

Ich könnte viele weitere aufzählen, die mich beschäftigen: Warum kann man in diesem Land Zapfpistolen beim Tanken nicht praktischerweise einrasten lassen wie in Deutschland? Weil die Franzosen beim Tanken sonst rauchen würden, meint mein (französischer) Nachbar.

Warum gibt es in diesem Land so viele Kreisverkehre, und warum führen viele davon ins Nichts? Weil die Franzosen sich gern erst in letzter Minute entscheiden wollen, wo es langgehen soll, meint mein Nachbar.

Warum wird im Bistro die Milch im Café Crème fast immer viel zu heiß aufgeschäumt? Aus Protest gegen Starbucks und die "mondialisation", meint mein Nachbar.

Ich bin nicht sicher, ob mein Nachbar immer die richtigen Erklärungen liefert, aber ich bin ihm dankbar, dass er überhaupt Antworten parat hat. Ohne ihn würde ich Frankreich gar nicht verstehen. Manche Dinge kann aber auch er nicht erklären.

Eine hübsche Utopie

Neulich fragte ich ihn, weshalb schon ein Minimalkompromiss zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften, den am Ende nur eine von circa 17 relevanten Gewerkschaften unterschreibt, gefeiert wird, als hätte jemand einen neuen Stein von Rosetta entziffert.

Es sei nicht üblich, dass sich Gewerkschaften und Unternehmer überhaupt je auf irgendetwas einigen würden, erklärte mein Nachbar. Wenn das ausnahmsweise geschehe, sei es eine große Nummer.

Ich räsonierte ein wenig über die Unterschiede zwischen dem französischen Modell der Konfrontation zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften und der deutschen Tradition der institutionalisierten Kompromissfindung durch "Mitbestimmung": "Im Grunde ist es eine Frage des Vertrauens. Wenn man aufhört, die Sache als Klassenkampf zu betrachten wie im 19. Jahrhundert, in der sich Ausbeuter und Ausgebeutete gegenüberstehen, und sich stattdessen klarmacht, dass man ein gemeinsames Interesse hat, dann kann es klappen."

"Das ist utopisch", sagte mein Nachbar, "das ist ungefähr so wie mit Europa: Wenn man aufhörte, das Ganze als Verteilungskampf zu sehen, bei der die Deutschen sich für die Zahlmeister halten und die anderen die Deutschen für die Profiteure, und sich stattdessen gegenseitig einen Vertrauensvorschuss gewähren würde, dann könnte es klappen." Das klang in der Tat nach einer hübschen Utopie.

Sascha Lehnartz ist Frankreich-Korrespondent der "Welt".

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