20.01.13

Islamisten

Algerische Soldaten finden immer mehr tote Geiseln

Die Zahl der Todesopfer beim Geiseldrama in der algerischen Wüste erhöht sich auf mindestens 80 Menschenleben. Inzwischen soll die Gasförderanlage wieder vollständig unter Kontrolle sein.

Foto: dapd
Algeria Kidnapping (3)

Das Geiseldrama in der algerischen Wüste hat mindestens 80 Menschenleben gefordert. Einen Tag nach dem blutigen Ende der Terroraktion fanden algerische Spezialeinheiten am Sonntag weitere 25 Tote in der Gasförderanlage In Amenas im Osten des Landes.

Im algerischen Radio zeigte sich Kommunikationsminister Mohamed Said "sehr besorgt", dass die Zahl der Opfer weiter nach oben korrigiert werden müsse. Am Mittag war unter anderem noch das Schicksal von drei britischen und fünf norwegischen Geiseln unklar.

32 Terroristen "neutralisiert"

Mit der Erstürmung der Industrieanlage in der Wüste hatte die algerische Armee am Samstag die Geiselnahme durch islamische Terroristen blutig beendet. Vor dem letzten Angriff sollen die Islamisten noch sieben ausländische Geiseln ermordet haben. Die Geiselnahme war seit Monaten für den Fall vorbereitet, dass Algerien dem Drängen Frankreichs nach Unterstützung im Mali-Krieg nachgibt.

Nach einer ersten Bilanz der algerischen Regierung konnten sich 685 algerische Beschäftigte und 107 ausländische Mitarbeiter während des mehrtägigen Dramas selbst retten oder befreit werden. 32 Terroristen waren nach diesen früheren Angaben "neutralisiert" worden – die Zahl der toten Geiseln lag bei 23. 56 Verletzte wurden nach algerischen Angaben aus dem Krankenhaus entlassen.

Zahl der britischen Opfer ungewiss

Die Nationalitäten der Opfer sind weiter unklar. Laut britischem Premierminister David Cameron sind mindestens drei Briten ums Leben gekommen. Vermutlich gebe es drei weitere Tote, sagte Cameron am Sonntag. Zudem gebe es ein Opfer, das ohne britische Staatsbürgerschaft in Großbritannien gelebt habe.

Mindestens 52 Philippiner haben nach Angaben der dortigen Regierung die Geiselnahme überlebt. Es sei aber noch unklar, ob es Philippiner unter den Opfern gebe. Laut rumänischem Außenministerium kamen drei Rumänen frei.

Mehrere Länder meldeten, dass sie noch Staatsbürger vermissten. Nicht abschließend geklärt war das Schicksal von zehn Japanern, fünf Norwegern und zwei Malaysiern. Zwei überlebende Algerier sagten der Nachrichtenagentur AFP, die Angreifer hätten neun Japaner erschossen. Das japanische Außenministerium wollte sich dazu nicht äußern.

15-Stunden-Marsch durch die Wüste

Mit einem 15-stündigen Fußmarsch durch die Wüste hat sich ein Norweger vor den Terroristen auf dem algerischen Gasfeld in Sicherheit gebracht. Die Osloer Zeitung "VG" berichtete am Sonntag, der 57-Jährige aus Bergen habe sich als Geisel in der Nacht zum Freitag zur Flucht entschlossen. Er sei dann zusammen mit sieben Schicksalsgenossen aus der Anlage entkommen und in östlicher Richtung durch die Wüste marschiert.

Nach etwa 50 Kilometern erreichte die Gruppe eine Ortschaft und wurde dort medizinisch versorgt. Der Mann konnte seine Familie in Norwegen anrufen und ihr von der Rettung berichten. Er sei bei der Ankunft völlig erschöpft und dehydriert gewesen, hieß es in dem Bericht, für den die Zeitung keine Quelle nannte.

Spezialisten aus Norwegen suchten auf dem Gasfeld noch nach fünf Vermissten aus dem eigenen Land. Nach wie vor bestehe Hoffnung, Betroffene lebend zu finden, teilte das Außenministerium im Rundfunksender NRK mit. Ministerpräsident Jens Stoltenberg hatte zuvor gesagt, auch die Menschen in seinem Land müssten sich auf Nachrichten über mögliche Tote einstellen.

Zwei Deutsche nach Algier ausgeflogen

Zwei deutsche Mitarbeiter einer Bohrfirma, die sich mehrere Kilometer von In Amenas entfernt an ihrem Einsatzort befanden, wurden am Samstag aus Algerien ausgeflogen. Die letzten Tage hätten sie an einem sicheren Ort in der Obhut algerischer Sicherheitskräfte verbracht, berichtete das Auswärtige Amt.

Nach anfänglicher Kritik am Vorgehen der algerischen Armee gab es nach Abschluss der Aktion viel internationale Unterstützung. US-Präsident Barack Obama machte die Geiselnehmer für das Blutvergießen verantwortlich. "Die Schuld an dieser Tragödie liegt bei den Terroristen, die sie verursacht haben", hieß es in einer schriftlichen Erklärung. Die USA arbeiteten weiterhin mit ihren Partnern eng zusammen, um die "Geißel des Terrorismus" in der Region zu bekämpfen.

Cameron: "Schwierig, alles richtig zu machen."

Auch der britische Regierungschef David Cameron sieht die Verantwortung für die Taten allein bei den Terroristen. Mit Blick auf Kritik am Eingreifen des algerischen Militärs sagte er: "Es ist sehr schwierig, auf solche Situationen zu reagieren und alles richtig zu machen."

Frankreichs Präsident François Hollande verteidigte die Befreiungsaktion ebenfalls. Bei einem Geiseldrama mit so kaltblütigen Terroristen, die zum Töten bereit sind, habe ein Land wie Algerien keine andere Wahl gehabt, sagte Hollande. Die algerische Regierung habe "so angemessen wie möglich" gehandelt, fügte Hollande hinzu

Breite Zustimmung zu Militäraktion

Neben Frankreich und Großbritannien stellten sich auch die USA nach der Befreiungsaktion hinter Algerien. "Die Verantwortung für diese Tragödie bleibt bei den Terroristen, die sie verursacht haben", erklärte US-Präsident Barack Obama.

Auch die Regierung in Oslo stellte sich ausdrücklich hinter die letzte Militäraktion. Außenminister Espen Barth Eide sagte: "Wir haben Grund zu der Annahme, dass die algerischen Einsatzkräfte so lange mit ihrem Eingreifen gegen die Terroristen gewartet haben, wie das möglich war."

Geiselnahme war Monate im Voraus geplant

Die Geiselnahme kam für die örtlichen Behörden überraschend, doch nach Angaben der Entführer war sie lange im Vorfeld geplant. dapd rekonstruiert anhand von Medienberichten und Aussagen von befreiten Geiseln den Ablauf des Geiseldramas.

Zwei Monate im Voraus wollen die Islamisten die Aktion bereits geplant haben, berichtete ein mauretanisches Nachrichtenportal im Internet unter Berufung auf ein Mitglied der dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahe stehenden "Maskierten Brigade" des einäugigen Extremistenführers Moktar Belmoktar.

Terroristen stammten aus Algerien, Mali, Ägypten, Niger, Mauretanien und Kanada

Sie hätten Algerien als Ziel für ihren Anschlag ausgewählt, weil sie erwartet hätten, dass die Regierung in Algier die Militäraktion in Nordmali unterstützen würde, hieß es. Den Angaben zufolge stammten die Entführer aus Algerien, Mali, Ägypten, Niger, Mauretanien und Kanada.

Die Angreifer kamen im Morgengrauen. Anstatt sich durch die von Patrouillen eher gut bewachte Wüste dem Gasfeld anzunähern, kamen sie aus dem benachbarten Libyen. Die Grenzregion werde teils von Schmugglern kontrolliert, räumte Algeriens Innenminister Daho Ould Kabila ein.

Nach seinen Angaben kamen rund 30 mit Raketenwerfern und Maschinengewehren bewaffnete Männer unvermittelt 60 Kilometer von dem Erdgaskomplex Ain Amenas über die Grenze.

Angreifer hatten es auf Ausländer abgesehen

Zuerst hatten sie einen Buskonvoi angegriffen, mit dem Ausländer zum Flughafen gebracht werden sollten. Eine Militäreskorte wehrte den Angriff ab. Bei der Aktion wurden Berichten zufolge ein Brite und ein Algerier getötet. Nach Darstellung der Regierung wandten sich die frustrierten Extremisten daraufhin dem Gasfeld selbst zu, griffen an und nahmen Geiseln.

Quelle: dpa/AFP/DW/UC/
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