19.01.13

Mali

Islamisten werden Frankreich erbitterten Kampf bieten

Unterwegs mit französischen Fremdenlegionären in Mali: Die Soldaten sind siegessicher, gut ausgerüstet, erfahren. Aber ihre Gegner kämpfen mit dem Fanatismus selbst ernannter Gotteskrieger.

Von Alfred Hackensberger
Foto: REUTERS

Islamistische Kämpfer der Gruppierung Ansar al-Din ziehen in den Nordosten Malis. Auf ihren Stirnbändern steht das islamische Glaubensbekenntnis: „Es gibt keinen Gott außer Allah!“
Islamistische Kämpfer der Gruppierung Ansar al-Din ziehen in den Nordosten Malis. Auf ihren Stirnbändern steht das islamische Glaubensbekenntnis: "Es gibt keinen Gott außer Allah!"

Zwei Mörser sind auf den Niger ausgerichtet, auf dem ein Fischer in seinem schmalen Holzboot beschaulich vorbeirudert. Am Ufer des bedeutendsten Flusses Westafrikas, der Lebensader Malis, ist ein Posten der Fremdenlegion stationiert. Einer von vielen der französischen Armee, die in Markala die strategisch wichtige Stahlbrücke über den gut 500 Meter breiten Strom sichern sollen.

Von hier führt die Verbindungsstraße in die 400 Kilometer entfernte malische Hauptstadt Bamako im Süden des Landes. 60 Kilometer weiter nördlich beginnt das Gebiet der islamistischen Rebellen von Ansar-al-Din, der Bewegung für Einheit und Dschihad (Mujao) sowie al-Qaida im Maghreb (Aqim).

Es ist ein Gebiet ohne jede staatliche Autorität und reicht bis an die 150 Kilometer entfernte Grenze Mauretaniens. Niemandsland, rechtsfreie Zone, eine ideale Basis für die islamistischen Rebellen, umliegende Dörfer und Kleinstädte zu terrorisieren.

Fanatiker sind bereit, für ihre Sache zu sterben

Acht Fremdenlegionäre liegen auf ihren Feldpritschen in Biwakzelten bei 30 Grad im Schatten. Als der Wachposten Schritte hört, die sich dem Lager nähern, springt er auf, das Gewehr im Anschlag. Aber es ist kein Feind, nur ein Reporter. Die jungen Männer sind freundlicher, als man es von Soldaten der berühmt-berüchtigten Fremdenlegion erwarten würde.

"Wir sind hier und warten auf Befehle", sagt einer. "Vor den Islamisten haben wir keine Angst", erklärt ein anderer mit muskelstrotzenden Oberarmen, der die französische Côte d'Azur seine Heimat nennt. Die Soldaten wissen, dass sie gegen religiöse Fanatiker kämpfen, die jederzeit bereit sind, für ihre Sache zu sterben. "Aber über so etwas denken wir nicht nach. Wir machen wie immer unsere Arbeit."

Diese Islamisten "sollen nur kommen, sie sind herzlich willkommen", ruft ein Dritter, der auch schon in Afghanistan gekämpft hat. "Wir werden sie töten." Es sind Profis des Krieges, besser ausgerüstet, besser trainiert und besser im Umgang mit ihren Waffen als ihre Gegner. Sie wissen das und scheinen nichts und niemanden zu fürchten.

Schnelles Handeln war gefragt

Frankreich hat in Mali schnell und kraftvoll militärisch interveniert, als die Islamisten ihr Herrschaftsgebiet ausweiten wollten. Bisher hatten sie sich auf den Norden Malis beschränkt, ein Gebiet doppelt so groß wie Deutschland. Aber dann überfielen sie überraschend die Stadt Konna in Zentralmali.

Das einzige Hindernis auf ihrem Durchmarsch nach Bamako bildete die Militärgarnison mit dem Flughafen der malischen Armee in Sévaré. Die Islamisten hätten die schwache malische Armee überrannt. Schnelles Handeln war gefragt, um zu verhindern, dass das ganze Land in die Hände der Islamisten fällt. Paris handelte.

"Der Krieg wird eine lange Zeit dauern"

Die französischen Fremdenlegionäre wurden von ihrer Basis im Tschad nach Mali verlegt. Doch ganz so simpel, wie die Soldaten denken, scheint es nicht zu sein, den Feind zu besiegen. "Der Krieg wird eine lange Zeit dauern", sagt Oberst Frédéric auf der Militärbasis der französischen Armee, die in einer Kaserne des malischen Militärs in Markala eingerichtet ist.

Der Offizier gibt zumindest seinen Vornamen preis, seine Leute nennen ihre Namen aus Sicherheitsgründen lieber nicht. "Mali könnte sich zu einem Malistan entwickeln", sagt Frédéric und spielt damit auf die anhaltenden Terroranschläge der Taliban in Afghanistan an. "Es sind wahrscheinlich weniger als 3000 Islamisten in Mali, aber wenn sie einen Guerillakrieg mit Autobomben und Selbstmordattentaten führen, könnten sie immensen Schaden anrichten."

Bisher sei es noch ein symmetrischer Konflikt zwischen zwei Armeen. Aber das könne sich ändern, wenn die Rebellen militärisch auf die Verliererstraße gerieten. Einen großen Vorteil macht der Franzose aus: "In Mali haben die Terroristen keinen Rückhalt in der Bevölkerung." Den Franzosen aber werde vom Straßenrand überall zugejubelt, "es lebe Frankreich" gerufen und mit hoch erhobenen Fäusten "viel Kraft" im Kampf gewünscht.

"Glücklich und dankbar, dass uns geholfen wird"

Die Fahrt im Schützenpanzer zu Stellungen der französischen Armee rund um Markala führt einige Kilometer aus der Stadt hinaus. Das gepanzerte Fahrzeug biegt von der Hauptstraße auf eine holprige Piste und erreicht bald ein Dorf. Zwischen den primitiven Gebäuden laufen Hühner und Ziegen. Zwei Esel sind angebunden.

Neben einem Wohnhaus, dessen Außenwände landestypisch mit einer Lehmschicht abgedichtet sind, steht ein Radpanzer. Unter einem Mangobaum ist eine Maschinengewehrstellung eingerichtet. Eine zweite liegt in einem Graben. Ein Soldat beobachtet mit seinem Fernglas unaufhörlich die Gegend.

"Mich stört das überhaupt nicht, dass bei mir ein französischer Außenposten untergebracht ist", sagt Amala Ag al-Mahi, der hier mit seiner Familie und der seines Bruders lebt. "Im Gegenteil", meint der 45-Jährige. "Wir sind glücklich und dankbar, dass uns geholfen wird." Zufrieden nimmt er einen Schluck Tee, den seine Frau auf einem kleinen Kohleofen zubereitet hat.

"Wir wollten alle sofort einrücken"

Die letzte Stellung der Franzosen befindet sich fünf Kilometer hinter Markala. Ein Bagger hebt gerade eine weitere Maschinengewehr-Stellung aus. Auch hier verfügt der Posten über einen Rad- und zwei Schützenpanzer. Einige der etwa 20 Soldaten verfrachten Lenkraketen vom Typ Milan, die auch von der Bundeswehr verwendet werden, in Viererpacks in die gepanzerten Fahrzeuge.

Ein Soldat berichtet über seine Enttäuschung darüber, dass seine Einheit nach ersten Luftangriffen gegen die Rebellen den Job nicht vollenden konnte. "Wir wollten alle sofort in die besetzten Städte einrücken. Aber die Entscheidungen werden von den Politikern getroffen. Viele Tote können sie nicht gebrauchen."

Konna wurde tagelang von französischen Kampfjets bombardiert. Den Bodeneinsatz überließen die Franzosen offenbar den malischen Truppen. Sie haben die Stadt am Ende befreit, das hatte natürlich auch symbolische Bedeutung. Ein Sprecher der al-Qaida-nahen Ansar al-Din bestätigte den Abzug seiner islamistischen Kämpfer.

Täglich neue Flüchtlinge aus Diabali

Der Angriff auf die Kleinstadt Diabali, die die Rebellen am vergangenen Montag eingenommen hatten, beschränkte sich ebenfalls auf Bombardierungen. Die Stadt mit 15.000 Einwohnern liegt 100 Kilometer von Markala entfernt. Der letzte größere Ort vor Diabali, eine knappe Fahrstunde entfernt, ist Niono.

"Die Terroristen haben die Stadt verlassen und sind Richtung Norden unterwegs", erklärt Seydou Touré, der Präfekt der Region, in seinem Büro im Verwaltungsgebäude von Niono. Die Rebellen sollen nach Lere marschieren.

Der Ort liegt an der mauretanischen Grenze und dient als Zwischenstation auf dem Marsch nach Timbuktu und Gao – zwei ehemalige Hochburgen der Islamisten, aus denen sie zum Teil geflüchtet und auf umliegende Gebiete ausgewichen sein sollen.

In Niono kommen täglich neue Flüchtlinge aus Diabali an. Es ist ein Ort mit 50.000 Einwohnern, durchzogen von zahlreichen Kanälen, in denen Frauen mit ihren Kindern Wäsche waschen. Friedliche Bilder, Krieg passt hier nicht her. Am Ortseingang überprüfen malische Soldaten all jene, die in die Stadt wollen, durchsuchen ihre wenigen Habseligkeiten.

Bürger fürchten Infiltration durch Flüchtlinge

"Wir haben Angst vor Infiltration", sagt Präfekt Touré. Die Nerven in seiner Stadt liegen blank, mehrfach schon ist aus Angst vor anrückenden Islamisten Panik ausgebrochen. "Nur mit Mühe konnten wir die Menschen beruhigen."

Die Flüchtlinge sind nach eineinhalb Tagen Fußmarsch durstig, ausgelaugt und müde. "Als die Islamisten nach Diabali kamen, haben sie die Kirche angezündet", berichtet Mohammadou. Ein Mann sei dabei ums Leben gekommen, fügt der 37-Jährige an, der als Drucker arbeitet.

"Das Krankenhaus haben sie beschossen, bevor sie sich Medikamente holten." Ansonsten hätten sich die Islamisten jedoch sehr nett gegenüber der Bevölkerung verhalten. "Sie haben Wasser und Erdnüsse verteilt." Die Scharia, das göttlich-islamische Recht, sollte nach Absprache mit dem Imam der Stadt zu einem späteren Zeitpunkt eingeführt werden.

"Sie bezahlten den Frauen 2000 Francs (umgerechnet drei Euro), wenn sie ein Kopftuch aufsetzten." Alles sei friedlich geblieben. "Nur an einigen Tagen bombardierten die französischen Flugzeuge."

Freundliche Islamisten aus mehreren Ländern

Mafu kommt aus dem zwei Kilometer vor Diabali gelegenen Dorf Koroma. Bei ihm quartierten sich die Islamisten ein. "Sieben von ihnen schliefen in meinem Haus. Sie waren sehr freundlich."

Sie hätten ihm gesagt, dass sie nur gekommen seien, um die Menschen vor den weißen, französischen Kreuzfahrern und den malischen Soldaten zu beschützen. Man wolle niemandem etwas tun und keinerlei Steuern erheben. "Sie waren gelassen und zuversichtlich, kein Anzeichen von Nervosität. Sie riefen immer wieder Allahu Akbar, Gott ist groß." Gefechte habe auch er nicht gesehen.

Wenig später trifft der 23-jährige Marif mit einer Gruppe von Männern am Ortseingang von Niono ein. Er erzählt, dass die Rebellen ihre Pick-ups unter Bäumen und Planen versteckten. "Wenn Flugzeuge kamen, gingen sie in die Wohnhäuser. Sie tranken mit den Bewohnern Tee, wohnten bei ihnen und beteten mit ihnen in der Moschee."

Die meisten Waffen, die sie bei sich trugen, habe Marif noch nie gesehen: "Unsere Armee hat so etwas nicht." Unter den Islamisten seien Araber, Schwarze und Mischlinge gewesen. Sie sprachen Französisch, Arabisch und Bambara, die lokale Sprache. "Einige konnte man überhaupt nicht verstehen", wirft Moussa ein, der mit Marif und den anderen gekommen ist. "Das waren Sprachen, die ich noch nie gehört habe."

Hochgekrempelte Hosenbeine als Erkennungszeichen

Moussa erzählt, die Rebellen seien ständig in Bewegung gewesen. "Sie fuhren die Stadt ab und kontrollierten umliegende Dörfer." Einer der Islamisten habe ihn aufgefordert, die Hosenbeine hochzukrempeln. Moussa bückt sich lachend hinunter, um es vorzuführen. "Das ist das Erkennungszeichen der Salafisten", erklärt er breit schmunzelnd und zieht die Hosenbeine wieder runter.

Die Aussagen der drei Männer decken sich mit denen anderer Flüchtlinge aus Diabali. Niemand berichtete von Kämpfen. Das malische Militär wie auch französische Regierungsstellen hatten von einer Bodenoffensive und Haus-zu-Haus-Kämpfen gesprochen. Die angebliche Freundlichkeit und Nachsicht der religiösen Extremisten überrascht: In den neun Monaten, in denen sie den Norden Malis kontrollierten, zeigten sie sich wenig tolerant. Sie schlugen Bürger, die geraucht, Musik gehört oder Alkohol getrunken hatten. Dieben schnitten sie die Hand ab. Ein unverheiratetes Pärchen steinigten sie.

Islamisten zerstören Kommunikationsnetzwerk

Die letzte Station auf der Fahrt mit dem Schützenpanzer der französischen Armee führt zu einem Stützpunkt des malischen Militärs – und in eine andere Welt. Hier dösen die 120 Soldaten im Schatten der Bäume, niemand beobachtet die Umgebung mit dem Fernglas, keine Kontrollen, keine Alarmbereitschaft.

"Wir verlassen uns auf unsere Aufklärungsarbeit", versichert Koanti Mahi, der Chef der Truppe. "Wir erhalten sehr gute Informationen von der Bevölkerung." In Diabali sei das Kommunikationsnetzwerk von den Islamisten zerstört worden. "Wenn man jedoch auf Bäume klettert", versichert der malische Hauptmann, kann man ein Signal bekommen."

"Wir sind mit der Zusammenarbeit mit den Maliern sehr zufrieden", meint Hauptmann Pascal. "Sie haben Mut, glauben wieder an sich und sind sehr engagiert." Die Moral des malischen Militärs hatte schwer gelitten, als es von den Tuareg innerhalb von nur drei Monaten vernichtend geschlagen wurde.

Das nomadische Wüstenvolk hatte vor einem Jahr gegen die Zentralregierung in Bamako rebelliert. Als die Tuareg kurz darauf den unabhängigen Staat Azawad ausriefen, wurden sie von den einrückenden Islamisten vertrieben.

Terroristen sind schlagkräftiger als die Taliban

Die Rückfahrt zur Basis der Franzosen in einer Kaserne der malischen Armee dauert keine 20 Minuten. Am Rande des Exerzierplatzes stehen die Zelte der französischen Soldaten. Zum Abschluss gibt Hauptmann Pascal seine Einschätzung über die Kampfkraft der Islamisten.

"Sie sind eine bestens organisierte Truppe von einer militärischen Qualität, mit der Frankreich seit dem Indochina-Krieg nicht mehr konfrontiert wurde." Wesentlich schlagkräftiger als die Taliban in Afghanistan.

"Die Terroristen planen exakt, gehen taktisch vor und verfügen über ausgezeichnete Waffen." Es könnte tatsächlich ein längerer Waffengang werden.

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