18.01.13

Algerien

Entführer banden Sprengstoff an ihre Geiseln

Augenzeugen berichten von dem Geisel-Drama in Algerien. Die Kämpfe mit den Terroristen in der BP-Gasanlage halten an.

Von Per Hinrichs und Thomas Kielinger
Foto: Reuters

Eine Satellitenaufnahme zeigt das BP-Ölfeld, auf dem sich derzeit das Geiseldrama abspielt
Eine Satellitenaufnahme zeigt das BP-Ölfeld, auf dem sich derzeit das Geiseldrama abspielt

Die erlösendste SMS ihres Lebens kam Ingrid S. (Name geändert) zunächst merkwürdig vor. Am Mittwochmorgen um 9.32 Uhr schrieb ihr Mann: "Bin aus dem Lager evakuiert worden. Alles in Ordnung bei mir. Bin in Sicherheit in einem Militärlager." Eine Stunde später rief sein Arbeitgeber, der Energiekonzern Statoil, bei der Frau aus dem norwegischen Ort Lindaas bei Bergen an und fragte, ob sie eine nahestehende Angehörige sei.

Die Norwegerin bekam Angst, aber hielt sich an die SMS. Ihr Mann war in Sicherheit. Dann stellte sie den Fernseher an – und sah fassungslos, was sich Tausende Kilometer entfernt am Arbeitsplatz ihres Gatten abspielte. Islamistische Terroristen beschossen den Shuttle-Bus, der ihren Mann (57) und 17 weitere Angestellte von der Wohnanlage zum nahe gelegenen Gasfeld im algerischen In Amenas bringen sollte.

Sechs Begleitfahrzeuge beschützten den Bus. Sicherheitsmänner erwiderten das Feuer, kurz vor der Fabrik brach eine wilde Schießerei los. "Die Passagiere im Bus lagen zweieinhalb Stunden flach auf dem Boden, während ihnen die Kugeln um die Köpfe flogen", berichtet Ingrid S. Rund 60 schwer bewaffnete Männer stürmten die Anlage und nahmen etwa 190 Geiseln.

Der 57-jährige krabbelte mit drei weiteren Norwegern durch ein Loch im Bus ins Freie und rannte um sein Leben. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich 17 Statoil-Angestellte auf der Anlage, davon 13 Norweger. Um 16.30 Uhr rief der Statoil-Ingenieur bei seiner Frau an. "Seine Stimme zitterte, er hatte Angst um seine Kollegen, mit denen er jahrelang zusammengearbeitet hatte", erzählt Ingrid S. der Zeitung "Bergens tidene".

Es sei ein sehr "spezieller Tag in vielerlei Hinsicht gewesen", sagt die Frau. "Ich hatte noch gar nicht die Zeit, über alles nachzudenken. Es ist so unwirklich", sagt die Norwegerin. Sie spricht auch regelmäßig mit der Frau eines Kollegen ihres Mannes, der sich noch unter den Geiseln befindet. "Mir wird immer klarer, wie unglaublich viel Glück wir hatten."

Statoil hat Flugzeuge gechartert, um alle 40 Angestellten aus Algerien auszufliegen. Einige wurden zum Flughafen Gatwick bei London gebracht, andere nach Las Palmas auf den Kanaren; sie treffen nach und nach in Bergen ein. Die norwegische Luftwaffe hat am Freitag eine Transportmaschine vom Typ Hercules mit speziell ausgebildetem Sanitätspersonal in Richtung Algerien geschickt. Die Maschine soll zunächst in Sizilien landen und dort auf ihren Einsatz in Algerien warten.

Auf der Flucht erschossen

Die norwegische Zeitung "Verdens Gang" spekulierte, dass auch militärische Spezialkräfte an Bord seien. Das Verteidigungsministerium wollte dies nicht kommentieren. Ein Lazarettflugzeug ist bereits am Freitagmorgen in Algerien eingetroffen. In Bergen kümmern sich Ärzte und Therapeuten um Angehörige. Im Flughafen-Hotel hat Statoil eine Anlaufstelle eingerichtet, in der Dutzende Familien, die Informationen und Trost suchen, betreut werden. Noch werden acht Norweger vermisst.

In der Nacht zum Freitag meldete sich ein Vermisster in einem algerischen Krankenhaus, ihm war offenbar ebenfalls die Flucht gelungen. Näheres über die Umstände ist aber noch nicht bekannt. Für Außenminister Espen Barth Eide ist das eine "gute Nachricht in einem düsteren und unübersichtlichem Bild".

Auch andere Überlebende berichten über ihre Erlebnisse. "Das war ein Albtraum, eine schreckliche Situation, es gab Tote", sagte der Algerier Belhadsch der französischen Zeitung "Le Monde". Zur Zeit des Angriffs sei er mit 60 Mitarbeitern in der Kantine des Wohntrakts gewesen. Zunächst habe sie niemand behelligt. Offenbar griffen die Geiselnehmer zunächst den Bus an, in dem auch der 57-jährige Norweger saß. Dann seien rund 15 vermummte Angreifer in das Gebäude eingedrungen, sagte Belhadsch. "Sie sagten uns: 'Algerische Brüder, habt keine Angst, geht in Frieden, kehrt nach Hause zurück, wir sind alle Brüder, wir sind alle Muslime.'"

Zu dem Zeitpunkt hätten er und andere Männer sich auf dem Dach befunden. Einer der beiden US-Mitarbeiter, die bei ihnen waren, sei unbemerkt vom Dach gesprungen, doch den anderen hätten die Islamisten angeschossen. Offenbar sei er verblutet, sagt Belhadsch. Mit seinen Kollegen und dem überlebenden US-Bürger, den die Islamisten nicht erkannt hätten, sei er schließlich mit einem Bus in Sicherheit gebracht worden.

Der irische Außenminister Eamon Gilmore berichtete, wie der Geisel Stephen McFaul nach dem Angriff auf eine Fahrzeugkolonne der Geiselnehmer die Flucht gelang. "Die Entführer versuchten, ihre Gefangenen im Konvoi fortzubringen. Die algerischen Behörden, so scheint es, versuchten das Geschehen zu stoppen und in der Verwirrung entkam Stephen McFaul", sagte Gilmore nach einem Gespräch mit der Ehefrau des 36-jährigen Elektroingenieurs. "Mir wurde gesagt, dass an ihnen zur Zeit ihres Transports Sprengstoff befestigt war", sagte der Minister dem US-Nachrichtensender CNN. McFaul wurde am Freitag zurück in seiner Heimat in Nordirland erwartet.

"Ich habe mich fast 40 Stunden lang in meinem Zimmer versteckt", sagt der örtliche französische Leiter der Cateringfirma CIS Catering, Alexandre Berceaux, dem Sender Europe 1. Er habe die ganze Zeit mit einem bisschen Essen und Trinken unter seinem Bett ausgeharrt. Es sei während der Geiselnahme "in Abständen viel geschossen" worden. Zur Lage vor Ort sagte Berceaux: "Es gibt tote Terroristen, Ausländer, Einheimische." Der Firmenchef von CIS Catering, Regis Arnoux, sagte im französischen Fernsehsender BFMTV, Berceaux sei von den algerischen Mitarbeitern während der Geiselnahme versorgt worden.

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