18.01.13

Wüstendrama

Stunden des Grauens in der algerischen Wüste

Bei der Geiselnahme in einer algerischen Raffinerie konnten einige der Gefangenen flüchten. Nun berichten sie von den qualvollen Stunden.

Foto: dapd

Einige Gefangene konnten aus der von Islamisten kontrollierten Gasförderanlage entkommen
Einige Gefangene konnten aus der von Islamisten kontrollierten Gasförderanlage entkommen

Nach dem Angriff islamistischer Geiselnehmer auf eine Gasförderanlage in Algerien haben die ersten Überlebenden über ihre Erlebnisse berichtet. "Das war ein Albtraum, eine schreckliche Situation, es gab Tote", sagte der Algerier Belhadj per Telefon der Zeitung "Le Monde". Ein Franzose versteckte sich unter seinem Bett und entkam später. An einigen Geiseln befestigten die Islamisten offenbar Sprengsätze.

Die algerischen Sicherheitskräfte haben laut einem Agenturbericht nach der Geiselnahme in einer Gasanlage mehr als 65 Ausländer befreit. Insgesamt seien "fast 650 Geiseln" freigekommen, "darunter mehr als die Hälfte der 132 ausländischen Geiseln", zitierte die Nachrichtenagentur APS am Freitag aus algerischen Sicherheitskreisen. Die algerische Armee hatte am Donnerstag eine Befreiungsaktion in der Anlage nahe der libyschen Grenze gestartet, nachdem islamistische Kämpfer dort am Mittwoch hunderte Geiseln genommen hatten.

Zur Zeit des Angriffs auf die Gasanlage von Tigantourine am Mittwoch, sagt Belhadj, sei er mit 60 anderen Mitarbeitern in der Kantine des Wohntrakts gewesen. Zunächst habe sie niemand behelligt. Offenbar griffen die Geiselnehmer zunächst einen Bus mit ausländischen Mitarbeitern an.

Doch als am frühen Morgen die algerische Militärintervention begann, seien rund 15 vermummte Angreifer in das Kantinengebäude eingedrungen, sagt Belhadj. "Sie sagten uns: 'Algerische Brüder, habt keine Angst, geht in Frieden, kehrt nach Hause zurück, wir sind alle Brüder, wir sind alle Muslime.'"

Mit dem Bus in Sicherheit gebracht

Zu dem Zeitpunkt hätten sie sich auf dem Dach befunden. Einer der beiden US-Mitarbeiter, die bei ihnen waren, sei unbemerkt vom Dach gesprungen, doch den anderen hätten die Islamisten angeschossen. Offenbar sei er verblutet, sagt Belhadj. Mit seinen Kollegen und dem überlebenden US-Bürger, den die Islamisten offenbar nicht erkannt hätten, sei er schließlich mit einem Bus in Sicherheit gebracht worden.

Die Geiselnehmer hatten den Stopp der französischen Militärintervention gegen islamistische Milizen im Norden Malis gefordert. Algerien lehnte jede Verhandlung mit den Angreifern ab und griff sie am Donnerstag mit Luft- und Bodenstreitkräften an. Am Freitag dauerte der Einsatz in dem ausgedehnten Industriekomplex in der Wüste unweit der Grenze zu Libyen offenbar immer noch an.

Der irische Außenminister Eamon Gilmore berichtete, wie der Geisel Stephen McFaul nach dem Angriff auf eine Fahrzeugkolonne der Geiselnehmer die Flucht gelang. "Die Entführer versuchten, ihre Gefangenen im Konvoi fortzubringen. Die algerischen Behörden, so scheint es, versuchten das Geschehen zu stoppen und in der anschließenden Verwirrung entkam Stephen McFaul", sagte Gilmore nach einem Gespräch mit McFauls Ehefrau.

"Mir wurde gesagt, dass an ihnen zur Zeit ihres Transports Sprengstoff befestigt war", sagte der Minister dem US-Nachrichtensender CNN. Es habe insgesamt fünf Fahrzeuge gegeben, McFaul sei in dem einzigen Wagen gewesen, der bei dem Intervention der algerischen Streitkräfte nicht getroffen wurde. Der 36-jährige Elektroingenieur werde am Freitag zurück in seiner Heimat in Nordirland erwartet.

40 Stunden lang in Zimmer versteckt

"Ich habe mich fast 40 Stunden lang in meinem Zimmer versteckt", sagt der örtliche französische Leiter der Cateringfirma CIS Catering, Alexandre Berceaux, dem Sender Europe 1. Er habe die ganze Zeit mit einem bisschen Essen und Trinken unter seinem Bett ausgeharrt. Es sei während der Geiselnahme "in Abständen viel geschossen" worden. Nach dem Alarm habe er zunächst nicht gewusst, ob es sich nur um eine Übung handele.

Niemand habe mit dem Angriff auf die Anlage von Tigantourine gerechnet, sagte Berceaux. Der von dem algerischen Staatskonzern Sonatrach gemeinsam mit der britischen BP und der norwegischen Statoil betriebene Komplex sei gut geschützt. Zur Lage vor Ort sagte Berceaux: "Es gibt tote Terroristen, Ausländer, Einheimische." Demnach gab es einen Verletzten im Lager der Kantine. Drei Briten seien gerettet worden, die sich dort hinter einer Zwischendecke versteckt hätten.

Der Firmenchef von CIS Catering, Regis Arnoux, sagte im französischen Fernsehsender BFMTV, Berceaux sei von den algerischen Mitarbeitern während der Geiselnahme versorgt worden. Inzwischen seien alle 150 Angestellten der Firma sicher in der nahen Stadt Assi Messaoud beziehungsweise zurück in der Hauptstadt Algier. "Es gab Mut, es gab Solidarität, doch gab es auch Glück", sagte Arnoux zum Ausgang des Angriffs für seine Angestellten.

Quelle: AFP/oje
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