17.01.13

David Cameron

"Müssen uns auf schlechte Nachrichten gefasst machen"

Statt in Amsterdam seine Europa-Rede zu halten, bleibt der britische Premier David Cameron lieber daheim. Dort kann er sich nach dem Geiseldrama in Algerien als Landesvater profilieren.

Von Thomas Kielinger
Foto: AFP
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Das Gasfeld In Amenas, wo islamistische Extremisten viele Geiseln genommen haben

Nach eingehenden Beratungen den ganzen Tag über im britischen Sicherheitskomitee "Cobra" hat Premierminister David Cameron am Donnerstagabend entschieden, seine für Freitag in Amsterdam angesagte EU-Rede zu verschieben. Grund dafür ist die Lage in dem großen Öl- und Gaskomplex Tigantourine nahe dem algerischen In Amenas, nicht weit von der Grenze zu Libyen, wo am frühen Mittwochmorgen al-Qaida-zugerechnete islamistische Terroristen mehrere dort arbeitende Ausländer zur Geisel genommen hatten.

Im Laufe des Donnerstagnachmittag dann startete das algerische Militär einen Gegenschlag zur Befreiung der Gefangenen und zur Beendigung der Besetzung dieser Industrieanlage durch die Terroristen. Das muss blutige Folgen gezeitigt haben, deren Ausmaß bei derzeit anhaltenden Kämpfen noch nicht ermessen werden kann.

Cameron allerdings ist durch seine Kommunikation mit dem algerischen Ministerpräsidenten und den Sicherheitsbehörden des Landes besser in die Lage eingeweiht als die Öffentlichkeit. Das verrieten seine gravierende Worte in einem kurzen TV-Interview am Donnerstagabend: "Unser Land muss sich auf die Möglichkeit weiterer schlechter Nachrichten gefasst machen, sehr schwieriger Nachrichten, in einer äußerst schwierigen Situation." Diese beschrieb er als "fließend, sehr ungewiss."

Cameron hatte keine Wahl

Die Eskalation der Krise in Algerien, eine Antwort der Islamisten auf das französische Eingreifen in Mali, wie vermutet wird, hat David Cameron keine andere Wahl gelassen als seine seit einem halben Jahr angekündigte Rede über die Beziehungen Großbritanniens zur EU aufzuschieben; ein Ersatzdatum wurde noch nicht bekannt gegeben. Kritiker des ganzen Wirbels um diese Rede reagierten erleichtert über den Aufschub. Was sind Worte über Europa, so heißt es, angesichts einer islamistischen Herausforderung, die den ganzen Globus bedroht.

In der Tat ist es im Licht der Vorgänge in Algerien für den britischen Regierungschef wichtiger, sich als Krisenmanager zu profilieren und an der Spitze der politischen Elite gesehen zu werden, statt in der ehemaligen Amsterdamer Börse eine Europa-Rede zu halten.

In dem Öl- und Gaskomplex arbeiten neben zahlreichen algerischen Angestellten auch Ausländer aus Großbritannien, Irland. Frankreich, Malaysia, Japan, Rumänien, Norwegen und den USA. Betrieben wird die Anlage von einem Konsortium der staatlichen algerischen Ölgesellschaft Sonatrach, British Petroleum (BP) und Norwegens Staoil. Keine Regierung wurde vor dem Einsatz des algerischen Militärs durch die Regierung in Algier informiert. Cameron bedauerte das in seinem Austausch mit seinem algerischen Gegenüber – London wäre gerne "im Voraus im Bilde gewesen."

Eine frühere Bitte der Downing Street, die Krise friedlich zu lösen, beantwortete die algerische Seite abschlägig – Ministerpräsident Sellal argumentierte im Gespräch mit Cameron, die sich "extrem schnell entwickelnde Lage" habe seinem Land keine andere Möglichkeit gelassen als einzugreifen. Auch Japans Bitte um einen friedlichen Lösungsversuch verhallte ungehört.

Genaue Opferzahl unbekannt

Den Donnerstag über weilte US-Verteidigungsminster Leon Panetta zusammen mit seinem Stab in London. Nach gut unterrichteten Kreisen hätten die USA und Großbritannien es vorgezogen, mit Spezialeinheiten beider Länder die Befreiungsaktion auszuführen, während das algerische Militär den Raum um den Energiekomplex hätte absichern sollen. Das ist durch das unilaterale Vorgehen Algeriens jetzt vereitelt worden.

Der Enthüllung der genauen Opferzahl harrt die internationale Öffentlichkeit mit großer Angespanntheit. Erste Berichte über angeblich Befreite und ums Leben Gekommene sind höchst widersprüchlich. Sicher ist bisher nur, dass mindestens eine britische Geisel erschossen und sich ein Nordire, der sich versteckt hielt, hat retten können.

Nach Auskunft der mauretanischen Nachrichtenagentur ANI sollen die Terroristen bekannt gegeben, die algerischen Geiseln freizulassen, aber "die Ungläubigen" hinzurichten. Die staatliche Nachrichtenagentur APS aus Algerien berichtete am Donnerstagabend, die algerischen Streitkräfte hätten ihren Einsatz gegen die islamistischen Entführer auf einem Erdgasfeld beendet.

Quelle: WeltTV
17.01.13 3:27 min.
Auf den ersten Blick ist Mali nur ein Land in der unwirtlichen Sahelzone. Warum auch Deutschland ein Interesse daran hat, die Islamisten in dem Land zu bekämpfen, erklärt Professor Michael Stürmer.
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