16.01.13

Verschwörung

"Newtown Truther" zweifeln an US-Amoklauf

Als Folge des Amoklaufs von Newtown hat Präsident Barack Obama 23 Maßnahmen im Kampf gegen Waffengewalt verfügt. Es gibt aber auch Menschen, die den Amoklauf als "Inszenierung" der Regierung sehen.

Von Ansgar Graw
Foto: REUTERS

Am Tag des Amoklaufs an der Sandy-Hook-Grundschule versucht eine Mutter ihren Sohn zu beruhigen. Eine Bewegung geht davon aus, dass der Amoklauf eigentlich eine Inszenierung und Trauerszenen gestellt waren
Am Tag des Amoklaufs an der Sandy-Hook-Grundschule versucht eine Mutter ihren Sohn zu beruhigen. Eine Bewegung geht davon aus, dass der Amoklauf nur eine Inszenierung war

Während Barack Obama als Antwort auf Newtown konkrete Schritte zur Verschärfung des Waffenrechts vorgelegt hat, bestreitet eine wachsende Bewegung in den USA, dass es das dortige Massaker an 20 Grundschülern und sieben Erwachsenen überhaupt gab.

"Wenn wir auch nur etwas unternehmen können, wenn wir auch nur ein Leben retten können, müssen wir das versuchen", sagte der Präsident am Mittwoch im Weißen Haus. Den Kongress rief der Präsident auf, umgehend Gesetze zur Überprüfung aller Waffenkäufer und zum Bann des Verkaufs von "Sturmgewehren" und von Hochkapazitäts-Magazinen mit mehr als zehn Patronen zu beschließen. "Der Kongress muss schnell handeln."

Zudem verfügte Obama unmittelbar nach dem Statement per Unterschrift 23 Maßnahmen, die Polizei- und Gesundheitsbehörden ermächtigen sollen, "notwendige Schritte zu unternehmen". Sogenannte "executive order" eines Präsidenten haben Gesetzeskraft, bedürfen aber nicht der Zustimmung des Kongresses. Nach Informationen aus dem Weißen Haus will die Regierung 500 Millionen Dollar für die Bekämpfung der Waffengewalt zur Verfügung stellen.

Vor Obama sprach Vizepräsident Joe Biden. Er hatte nach der Bluttat von Newtown, die Mitte Dezember die Nation und die Weltöffentlichkeit erschütterte, in Gesprächen mit Kabinettsmitgliedern und Interessengruppen die Vorschläge vorbereitet. Auf der Bühne des Weißen Hauses saßen vier Kinder im Alter zwischen acht und elf Jahren, die den Präsidenten in Briefen gebeten hatten, das Waffenrecht zu verschärfen.

Amoklauf als "Inszenierung" der Regierung

"Unseren Kindern Sicherheit zu gewähren, das ist unsere erste Aufgabe als Gesellschaft", sagte Obama. Doch seine Pläne stoßen nicht nur auf heftigen Widerstand von Republikanern und dem konservativen Flügel der Demokraten. Im Internet meldet sich eine nach der Grundschule benannte "Sandy Hook Truther Movement" (etwa: Wahrheitler-Bewegung) zu Wort, die den Massenmord in der Stadt in Connecticut als "Inszenierung" der Regierung bezeichnet. In der Form des Umgangs mit dem 9/11-Terroranschlag heißt es in einschlägigen Foren, Washington habe das Ereignis entweder vorgetäuscht oder selbst ausgeführt. Ziel des Schwindels sei es, ein Klima zu schaffen, in dem restriktive Waffengesetze und eine Beschneidung bürgerlicher Freiheitsrechte durchgesetzt werden können.

Die "Newtown Truther" finden Unterstützung bei Professor James Tracy, der an der Florida Atlantic University über die "Kultur der Verschwörung" doziert. In einer Stellungnahme hatte der 47-jährige Wissenschaftler erklärt, es müsse "untersucht werden, ob das Sandy-Hook-Massaker überhaupt stattfand – oder zumindest in der Art, wie es von den Ermittlungsbehörden und den überregionalen Medien dargestellt wurde".

Andere Verschwörungstheoretiker versuchen mit selbst produzierten Filmen und Ausschnitten aus den Reportagen großer TV-Sender in den Stunden und Tagen nach dem Massaker "den Betrug zu entlarven". Sie verweisen auf Fotos, die Obama wenige Tage nach den Schüssen an der Grundschule beim Besuch einer Opferfamilie zeigen. Ein kleines Mädchen, das der Präsident dabei auf den Schoß nahm, sei identisch mit einem "angeblichen Opfer".

Fehler im Drehbuch

Offenkundig sei den Drehbuchschreibern der gigantischen Verschwörung da ein Fehler unterlaufen. Zudem wird auf widersprüchliche Aussagen der ermittelnden Polizei verwiesen, die zuerst erklärte, die ebenfalls getötete Mutter des Täters sei als Lehrerin an der Schule tätig gewesen. Ein vor der Schule geparktes Auto, das zunächst dem Todesschützen Adam L. zugeschrieben wurde, gehöre in Wirklichkeit einem Unbeteiligten. Viele Zeugen hätten sich widersprochen.

Und, besonders schwerwiegend, ein Vater eines "angeblich ermordeten" Kindes habe unmittelbar vor seinem tränenerstickten Statement vor Fernsehkameras erkennbar gelächelt. Das sei unvorstellbar im Falle eines solchen Schicksals und beweise, dass es sich um einen Schauspieler handelte. Ein populärer Fernsehjournalist bezweifelt insbesondere die Darstellung, dass es sich bei Adam L., der sich nach seinen 27 Morden selbst erschoss, um einen Einzeltäter handelte. Augenzeugen hätten von zwei Schützen gesprochen, sagte Ben Swann, Moderator im Regionalstudio eines Senders, der mit der Fox-Kette assoziiert ist.

Beim Amoklauf im August vor einem Sikh-Tempel in Wisconsin, der ebenfalls von einem Einzeltäter begangen wurde, seien gar vier Schützen gesehen worden, so Swann. Der Journalist, der nationale Aufmerksamkeit durch harte Fragen an Obama wegen des Einsatzes von Drohnen erlangte, unterstellt damit unausgesprochen: Mehrere Profis veranstalteten die Bluttaten und lasteten sie jeweils psychopathischen Einzelgängern an, mutmaßlich mit dem Motiv, die Waffenkontrolle zu verschärfen.

Mehrheit für restriktivere Waffengesetze

Doch derartige Verschwörungstheorien bleiben auf Randgruppen beschränkt. Erstmals seit Jahrzehnten spricht sich eine klare Mehrheit der Bevölkerung für restriktivere Waffengesetze aus. Überwältigende 88 Prozent befürworten laut einer Umfrage der "Washington Post" und des Senders ABC die Überprüfung des Hintergrundes von Waffenkäufern. Ebenfalls Mehrheiten gibt es für Verbote des Verkaufs von Sturmgewehren (58 zu 39 Prozent), von Magazinen mit mehr als zehn Patronen (65 zu 32 Prozent) und von halbautomatischen Schusswaffen (51 zu 46 Prozent).

Gleichwohl stößt Obama im Kongress auf großen Widerstand – sogar im eigenen Lager. Loretta Sanchez, demokratische Abgeordnete aus Kalifornien, erklärte, ein Bann großer Magazine für halbautomatische Waffen lasse sich manchen ihrer Parteifreunde im Repräsentantenhaus "kaum vermitteln". Einige von ihnen würden "gegen ein Verbot von Sturmgewehren stimmen und gegen ein Verbot von großen Magazinen". Die liberale Abgeordnete fügte im Gespräch mit dem Sender MSNBC hinzu: "Darum denke ich, das wird schwierig, viel schwieriger, als manche erwarten."

Anschlag auf das Recht der Amerikaner?

Harry Reid, demokratischer Mehrheitsführer im Senat, erklärte, weil das von den Republikanern dominierte Repräsentantenhaus mutmaßlich ein Verbot von Sturmwaffen ablehnen würde, werde der Senat kaum "Zeit verschwenden" für wenig aussichtsreiche Vorschläge. Bei den Republikanern ist die Abneigung gegen verschärfte Waffengesetze noch stärker. Die "Grand Old Party" sieht darin einen schleichenden Anschlag auf das zweite Amendment, den Verfassungszusatz, der jedem Amerikaner das Recht einräumt, Waffen zu besitzen und zu tragen.

"Ich werde versuchen diese Maßnahmen mit allen möglichen Mitteln zu behindern", erklärte der texanische Abgeordnete Steve Stockman, ein Neuling im RepräsentantenhausDazu könne "die Einleitung eines Amtsenthebungsverfahrens" gegen den Präsidenten gehören

Damit reagierte der Republikaner vor allem auf die "executive order" des Präsidenten. In der US-Politik, die zwischen Exekutive und Legislative streng trennt, werden derartige Verfügungen des Weißen Hauses insbesondere dann als sehr fragwürdig angesehen, wenn sie Streitfragen entscheiden sollen, die die Gesellschaft massiv polarisieren. Nach Newtown gehört auch das Waffenrecht dazu.

Quelle: dapd
27.12.12 0:52 min.
Eine lange Fahrzeugschlange, dazu ganze Wagenladungen an Waffen. In Los Angeles hat eine anonyme Abgabe stattgefunden. Hunderte Menschen tauschten ihre Waffen gegen Lebensmittelgutscheine ein.
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