16.01.13

Italien

Berlusconi – "Ich habe Merkel die Stirn geboten"

Im Wahlkampf zieht Berlusconi von TV-Show zu TV-Show und ist präsenter denn je. Der gescheiterte Premier sorgt damit für hohe Quoten bei den Sendern und holt selbst in Umfragen auf.

Von Constanze Reuscher
Foto: dpa
Merkel empfängt Berlusconi
Im italienischen Fernsehen geht Italiens Ex-Premier Silvio Berlusconi hart mit Bundeskanzlerin Angela Merkel ins Gericht

Früher hätte sich einer wie er sein Toupet zurechtgerückt, aber dank moderner Schönheitschirurgie ist der Schopf von Silvio Berlusconi fest eingepflanzt, angewachsen und gleichmäßig kastanienbraun gefärbt. Damit ihm das Makeup nicht vom 76 Jahre alten Teint rutscht, huscht sein persönlicher Visagist Stefano Moro herbei und tupft aus 1,90 Meter Höhe, die Puderquaste auf die Stirn seines weniger hochgewachsenen Chefs.

Dann setzt Berlusconi sich, stellt die Arme breit ausladend auf den Studiotisch, übt noch schnell: Grinsen, Ernst, Lachen. Es ist acht Uhr morgens, Berlusconi ist Stargast bei Omnibus, dem Frühstücksfernsehen im Privatsender La7, der nicht zu seinem Medienkonzern gehört.

Berlusconi bleibt sachlich und kontrolliert, als die erste Frage zum Wahlkampfgegner Mario Monti kommt: "Wenn er regieren sollte, werden wir in einem Staat der Steuerpolizei leben, denn Monti ist eine Prothese der Linken". Es macht ihm Spaß, er ist in Form. Der Tisch ist weiß, die Kulisse blau, da passt der blaue Zweireiher und die Pünktchenkrawatte.

Berlusconi ist nicht nervös, wie die beiden Moderatoren. Der eine, Andrea Pancani gesteht vor laufenden Kameras ein, dass er "zur Unterstützung heute die Kollegin Alessandra Sardoni mitgebracht" habe. Eine Zwischenfrage zum erzwungenen Rücktritt, da geht die Berlusconi-Show richtig los.

Berlusconi attackiert "egoistische" Deutsche

"Alle anderen italienischen Regierungen knien vor Europa hin, auch Monti", donnert er los und lässt sich erst bremsen, als der Moderator "Werbepause" sagt. Berlusoni kontert: "Die ist heilig!" Im Studio erscheint Enrico Mentana, Chefredakteur bei La7, früher Staransager im Berlusconi-Sender Canale 5. Beide begrüßen sich respektvoll und höflich.

Mentana lässt Berlusconi keine Sekunde aus den Augen. Die Regisseurin ruft "noch 30 Sekunden" und "alle Handys aus!" Es sind viele: Redakteure sind als Zaungäste runter ins Studio gekommen. Es sitzen Assistenten und der Sprecher Berlusconis, Paolo Buonaiuti auf den Stühlen im Halbschatten.

Es geht weiter, und nun teilt Berlusconi richtig aus: Deutschland betreibe eine egoistische, hegemoniale Politik. "Ich musste zurücktreten, weil die Deutsche Bank mit ihrer Geldpolitik den Spread raufgetrieben hatte." Er wirft Angela Merkel vor, seine Regierungskoalition gesprengt zu haben und der EZB "keine europäische, sondern eine Zentralbank deutscher Interessen" zu sein, "aber ich habe ihr die Stirn geboten".

Politische Diskussion unterhalb der Gürtellinie

Berlusconi ist selbst- und siegessicher wie in besten Zeiten. Als hätten ihm sein Ärger mit der Justiz, Skandale um Bunga-Bunga-Partys, die kostspielige Scheidung von Ehefrau Veronica Lario und auch die politische Pleite – der erzwungene Rücktritt vom Amt als Regierungschef - überhaupt nichts ausgemacht. Er kontert Fragen zum Ruby-Pprozess, erklärt sein politisches Programm und spricht von Erfolgen der Vergangenheit, er trifft immer den richtigen Ton, mal höflich-geduldig, dann zornig-bestimmt, aber auch – vor allem wenn es um Frauen geht – lächelnd-amüsiert. Er ist frisch und fit.

Dabei hatte er in der Nacht vorher noch beim Pay-Sender Sky der attraktiven Moderatorin Ilaria d'Amico Rede und Antwort gestanden. Die politische Sendung mit dem zweideutigen Titel "Spoglio", der im Italienischen sowohl für Wahlauszählung als auch für Striptease steht, bot Berlusconi die Chance, auf Anschuldigungen seines politischen Gegners Mario Monti zu kontern.

Der Noch-Regierungschef hatte kurz zuvor bei Talkmaster Bruno Vespa in der Rai ausgeteilt: "Berlusconi ist der Rattenfänger der italienischen Politik". Im Italienischen heißt die Märchenfigur "pifferaio", Flötenspieler. Berlusconi zahlt zurück: "Monti will wohl, dass ich auch auf meine Flöte Steuern zahle", womit er die politische Diskussion wieder dahin gebracht hatte, wo die Einschaltquoten steigen: unter die Gürtellinie.

Sender reißen sich um Berlusconi

Während Berlusconi früher seine Medienmacht nutzte, um politische Prozentpunkte zu sammeln, scheint es diesmal umgekehrt. Die Sender reißen sich um Berlusconi, denn der Wahlkampf ist trotz dramatischer Krise farblos. Wer Berlusconi holt, dem sind hohe Zuschauerzahlen garantiert. Am besten weiß das der Superstar unter Italiens Talkern, Michele Santoro.

Dem hatte Berlusconi in der vergangenen Woche Traumquoten beschert: Über ein Drittel aller TV-Italiener, insgesamt neun Millionen Zuschauer, sahen Berlusconi bei Santoro zu Gast, oder richtiger "Santoro zu Gast bei Berlusconi", wie Beppe Grillo, Komiker und Chef der Bewegung "5-Sterne", spottete.

Die Leitung der Sendung hatte Berlusconi übernommen, selbst dem Profi Santoro verschlug es manchmal die Sprache, als der Cavaliere seine Show hinlegte, zwischendurch mal drohte, das Studio zu verlassen, und den Stuhl, auf dem vorher ein Journalist gesessen hatte, mit einem Taschentuch entstaubte.

Medienshow im Kampf um Quoten

Berlusconi sollen seine TV-Auftritte angeblich schon zwei Prozentpunkte bei den Wählern beschert haben. Viele fürchten spätestens jetzt, dass der Wahlkampf zu einer Medienshow im Kampf um Quoten verkommt. "So droht dem Wahlkampf eine TV-Blase. Aber hier, im krisengeschüttelten Italien, brauchen wir endlich eine sachliche Diskussion", schimpfte TV-Moderator Nicola Porro seinen Kollegen Santoro.

Der Programmchef vom Pay-TV Sky, Andrea Scrosati, kritisiert das Verhalten der Journalisten scharf. "In Italien herrscht die Tradition, dass Politiker das Fernsehen als ihre Bühne ansehen, wo sie Monologe halten, so wie es ihnen passt", sagt er. Schuld an vielem sei auch das Par-Conditio-Gesetz, das einen Parteienproporz für Politikerauftritte sichern soll.

"Sie haben es raus, wie man das Gesetz am besten umgeht oder für sich ausnutzt. Man sagt eine Sendung einfach ab, spart Sendeminuten an und verlangt dann, alles auf einmal abzufeiern, in perfekten Monologen und wehe dem Journalisten, der sie unterbricht."

Wenig Beifall außerhalb Europas

Die Sendezeit war um 15 Minuten überzogen, als Berlusconi das Studio von La7 verließ. Wen scherte es, die Quote war verdoppelt. Am Ausgang lauerten Fotografen und Reporter. Da gab es noch eine ungeplante Zugabe: Auf der Schwelle stieß Berlusconi mit dem ehemaligen Antimafia-Staatsanwalt Antonio Ingroia zusammen.

Er ist jetzt auch Wahlkämpfer, politisch links, vor allem aber von jeher Erzfeind Berlusconis: In Palermo klagte er politische Freunde Berlusconis an. Aber der Cavaliere verlor die Fassung nicht, hielt Ingroia die Hände hin und sagt "Nehmen Sie mich jetzt fest?"

Nur außerhalb Italiens erntete Berlusconi wenig Beifall: Joseph Daul, Vorsitzender der EVP, erteilte Berlusconi umgehend einen Rüffel: Er wolle sich nicht zum Verbleib der Berlusconi-Partei Volk der Freiheit, PDL, in der EVP äußern, um den den italienischen Wahlkampf nicht zu stören und Berlusconi keine Chance zur Kritik zu geben, "weil ich nicht möchte, dass Berlusconi dauernd meine Person, das ,schreckliche Europa', die ,schreckliche Merkel', die ,schrecklichen Franzosen' angreifen kann."

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