16.01.13

Syrien

Geheime Depesche über Giftgas-Einsatz in Homs

Ein US-Magazin legt einen explosiven Bericht vor, der sich auf ein Papier aus dem US-Konsulat in Istanbul beruft: Kurz vor Weihnachten soll Assads Armee in Homs Chemiewaffen eingesetzt haben.

Das renommierte US-amerikanische Online-Magazin Foreign Policy ist nach ausführlicher Recherche sicher: Der syrische Diktator Baschar al-Assad hat im Kampf seiner Armee gegen die oppositionellen Rebellen Giftgas zum Einsatz gebracht. Das Magazin stützt sich auf eine geheime Depesche des US-Außenministeriums.

Der Bericht des Ministeriums stütze sich auf Aussagen von Aktivisten, Ärzten und Deserteuren in Syrien. Es habe sich dabei um die bislang umfassendsten Bemühungen der USA gehandelt, Angaben der syrischen Opposition nachzugehen. US-Diplomaten hätten die Expertise aufgrund von Zeugenaussagen geflüchteter Syrer in der Türkei zusammengestellt.

Generalmajor als Kronzeuge

Die Depesche habe der US-Konsul in Istanbul, Scott Frederic Kilner, abgezeichnet und vergangene Woche ins US-Außenministerium gekabelt. Die Chemiewaffen seien demzufolge am 23. Dezember in der besonders umkämpften syrischen Stadt Homs eingesetzt worden. Der Konsul und seine Mitarbeiter gaben offenbar Mustafa al-Sheikh als Kronzeugen für ihren Report an, einen hochrangigen Überläufer. Der ehemalige Generalmajor in Assads Armee gilt als Schlüsselfigur des syrischen Programms für Massenvernichtungswaffen.

Foreign Policy berichtet weiter, dass ein anonym bleibender Mitarbeiter aus dem Stab des US-Präsidenten Barack Obama die Angaben bestätigt hat und zitiert ihn mit den Worten: "Wir können es nicht zu 100 Prozent sagen, aber die Zeugenaussagen lassen es als sehr wahrscheinlich erscheinen, dass in Homs Agent 15 eingesetzt worden ist."

Nervengas Agent 15

Agent 15 (Nato-Kürzel BZ) ist ein Nervengas, das unter die internationale Chemiewaffen-Konvention fällt, die Syrien allerdings nicht ratifiziert hat. Menschen, die Agent 15 einatmen, leiden unter Halluzinationen, starker Übelkeit und Desorientierung. In Einzelfällen kann es zum Tod durch Ersticken führen. Ärzte aus Homs machten das mutmaßliche Giftgas fünf Tote und annähernd 100 Fälle von schweren Schädigungen der Atemwege, des Nervensystems und des Magen-Darm-Traktes bei Syrern verantwortlich, die mit dem Gas in Berührung gekommen waren.

Das Online-Magazin zitierte den in einem Untergrundkrankenhaus in Homs praktizierenden Neurologen Nashwan Abu Abdo: "Es war eine Chemiewaffe, da sind wir sicher. Denn Tränengas kann nicht fünf Leute töten." Das Gas sei mit Panzergranaten verschossen worden. Die Ärzte haben offenbar Proben genommen, können diese aber zur genauen Analyse nicht aus dem umkämpften Homs schmuggeln.

Assads "tragischer Fehler"?

Präsident Obama hatte Assad wiederholt gewarnt: Sollte der Machthaber den "tragischen Fehler" begehen, chemische Waffen einzusetzen, werde er dafür zur Verantwortung gezogen. Ein solcher Einsatz überschreite eine "rote Linie" und würde die USA dazu veranlassen, tätig zu werden.

Solche Aussagen implizieren natürlich, dass alles unterhalb dieser roten Linie ohne Konsequenzen bleiben würde, weshalb Assads Truppen eifrig weiter mit schwerer Artillerie und Kampfjets auf Zivilisten feuern.

Selbst die von Obama immer weiter verwässerte und nun mit dem "Einsatz solcher Waffen" festgesetzte rote Linie scheint Assad nun ausloten zu wollen. Die Vermutung liegt nahe, dass sich das Regime mit harmloseren Giftstoffen an sie herantastet und die tödliche Effizienz der in Assads Arsenal befindlichen Kampfstoffe langsam steigert.

Wo genau liegt die "rote Linie"?

Denn wo Agent 15 in den Depots lagert, ist sicher auch Senfgas (Hautkontakt führt zu mit Flüssigkeit gefüllten Blasen und zu Verätzungen zweiten und dritten Grades mit Todesfolge bei starker Kontamination), Tabun (je nach Stärke der Vergiftung Kopfschmerzen, Übelkeit mit Erbrechen und Durchfälle, Krampfanfälle, Atemnot, Bewusstlosigkeit. Der Tod tritt durch Atemlähmung ein) oder VX (dringt über die Haut, die Augen und die Atemwege in den Körper ein und verursacht zuerst Husten und Übelkeit. Dann lähmt es die Atemmuskulatur und führt innerhalb weniger Minuten unter starken Krämpfen und Schmerzen zum Tod) zu finden.

Wohl auch deshalb distanzierte sich die US-Regierung von Bericht des Magazins. Es gebe keine Beweise dafür, dass die syrische Führung neue Maßnahmen zum Einsatz von Chemiewaffen ergriffen habe, erklärte der Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats, Tommy Vietor. Medienberichte über einen mutmaßlichen Chemiewaffeneinsatz in Syrien stimmten nicht mit dem überein, was die US-Regierung über das syrische Chemiewaffenprogramm wisse.

Sackgasse in Syrien

Was sollte Vietor auch sagen? Wenn der Bericht von Foreign Policy stimmt und die US-Regierung erkennen ließe, dass sie die Angaben als korrekt ansehe, müsste sich Obama an seinen eigenen Aussagen messen lassen. Und das kann eigentlich nur bedeuten, dass die US-Armee in den syrischen Bürgerkrieg eingreift. Eine Sackgasse, in der der moralische Druck für den amerikanischen Präsidenten zum Handeln immer größer wird.

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